:

Ruhen auf „Stalins Rache“

„Botanische Bomben“ können ganze Landstriche überwuchern. Der Sachalin-Knöterich, ein großblättriger Exot aus dem fernen Osten, gehört dazu. Ein Mecklenburger Designer macht aus der Not eine Tugend.

Designer Christian Reder fertigt aus getrockneten Teilen des Sachalin-Knöterichs Möbel und Lampenschirme. Reisende brachten die Pflanzen im 19. Jahrhundert nach Europa.
Jens Büttner Designer Christian Reder fertigt aus getrockneten Teilen des Sachalin-Knöterichs Möbel und Lampenschirme. Reisende brachten die Pflanzen im 19. Jahrhundert nach Europa.

Die Welt scheint zu Ende im Dörfchen Bergrade bei Parchim. Doch in der Mecklenburger Einöde erntet Designer Christian Reder den Rohstoff seiner Träume: rohrähnliche Stängel vom exotischen, meterhoch wuchernden Sachalin-Knöterich „Fallopia sachalinensis“. Reisende brachten das großblättrige Gewächs im 19. Jahrhundert als Zier- und Futterpflanze aus dem fernen Osten – der Halbinsel Sachalin, den Kurilen und Japan – nach Europa. Mittlerweile aber werde der schöne Knöterich, ein invasiver Neophyt, verdammt, weil er die heimische Flora verdrängt, sagt Biologin Anja Abdank vom Landesumweltamt Mecklenburg-Vorpommerns.

Zwar wehrt sich die Expertin für botanischen Artenschutz gegen die weit verbreitete Verunglimpfung des asiatischen Riesen-Knöterichs als „Stalins Rache“, „grüne Pest“ oder „botanische Bombe“. Doch sie räumt ein, dass sich die konkurrenzstarke Pflanze auch in Norddeutschland ungehemmt ausbreitet und für Gärtner und Landschaftspfleger zum Problem wird. Aus der Not eine Tugend macht nun Erfinder Christian Reder, der seit 2012 ein deutsches Patent für sein Verfahren zur Verarbeitung der Knöterichröhren besitzt.

Mit Holzmehl und Kaltleim

Zufällig entdeckte er vor ein paar Jahren eine sinnvolle Verwendung für den auch im eigenen Garten prächtig gedeihenden Knöterich. Die trockenen Stängel befand er einfach als zu schade zum Verbrennen. „Also experimentierte ich mit den stabilen leichten Röhren“, erzählt der studierte Kunstmaler und Grafiker, der im Dorf Bergrade auch eine Schlosserei für Designermöbel betreibt.

Für eine Verarbeitung müssten hohle Knöterich-Stiele zersägt und dann peu à peu geduldig in eine Masse aus Holzmehl und Kaltleim hineingepuzzelt werden. Geschliffen und poliert ergebe die organische Lochstruktur dann einen glänzenden, luftigen wie auch stabilen Gegenstand. Stühle und Sessel, aber auch Tische, Lampen und Schalen produziert der kreative Schreiner seit vier Jahren aus den „floralen Röhren“, dem patentierten „Flöhr“-Material.

Käufer sind schwer zu finden

Pflanzen-Expertin Anja Abdank wünscht sich mehr solcher genialer Einfälle, aus Unkraut etwas ökologisch Wertvolles wie auch Benutzbares zu zaubern, wie sie sagt. Die Krux mit dem Knöterich: Käufer für die exklusiven Röhricht-Kreationen seien im Nordosten schwer zu finden, räumt Meister Reder ein. Kein Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern wolle in eine solch zeitintensive Handarbeit einsteigen, er allein aber schaffe nur geringe Stückzahlen, die für einen Internet-Verkauf kaum ausreichen, sagt der 56-jährige Künstler. Dennoch machen immer mehr Freaks den Knöterich-Designer in seiner Mecklenburger Nische ausfindig.

Inzwischen verschickt Reder einzelne seiner lichtdurchfluteten Stühle und Schalen bundesweit an Galerien, Studios und Privatpersonen. Als Lockmittel finden sich die löchrigen Möbelstücke auch im Schweriner Kunstkaufhaus „Kontor“. Gründerin Coco Radsack lobt den Humor. „Man muss den Witz erkennen, die Stühle aus ‚Stalins Rache‘ ausstrahlen.“