Corona-Pandemie

Schwesig-Berater attackiert bundesweite Corona-Regel

Die Hospitalisierungsinzidenz – in der vergangenen Woche erst bundesweit als wichtige Kennziffer in der Corona-Pandemie beschlossen – wackelt offenbar schon wieder. In MV gibt es an dem Wert Kritik aus berufenem Munde.
Viele Krankenhäuser sind in Not – die Intensivstationen laufen voll. Doch gerade die Hospitalisierungsinzidenz ger&
Viele Krankenhäuser sind in Not – die Intensivstationen laufen voll. Doch gerade die Hospitalisierungsinzidenz gerät jetzt in der politischen Diskussion in die Kritik. J. Stratenschulte
Schwerin

Professor Lars Kaderali ist mehr als Bioinformatiker an der Uni Greifswald. Der Akademiker ist in der Corona-Pandemie auch Berater der Landesregierung und hat in den vergangenen Monaten bei etlichen Pressekonferenzen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig mit seiner Expertise unterstützt – allein schon deshalb hat sein Wort Gewicht. Und wenn der Professor deutliche Kritik an der bundesweiten Einführung der Hospitalisierungsinzidenz übt, lässt das über die Grenzen Mecklenburg-Vorpommerns aufhorchen.

Kaderali hält Hospitalisierungsrate für „komplett ungeeignet” als wichtige Maßzahl

Kaderali nimmt eine der aktuell wichtigsten Maßzahlen zur Steuerung der Corona-Maßnahmen mächtig in die Mangel. Die Hospitalisierungsinzidenz halte er für „komplett ungeeignet“, sagte der Professor. Auch die Landesregierung sehe den Wert zur Steuerung kritisch. „Das kommt ja vom Bund“, meinte Kaderali vielsagend.

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Zur Erinnerung: Bund und Länder hatten sich auf den Wert als Kriterium für die Verschärfung der Corona-Regeln geeinigt. Als Grundlage dient die Sieben-Tage-Hospitalisierungsinzidenz, die angeben soll wie viele Menschen je 100 000 Einwohner in den letzten sieben Tagen mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert worden sind.

Ein Problem sei der teilweise riesige Meldeverzug, sagte Kaderali. „Die Krankenhäuser kommen mit Meldungen nicht nach.“ Dadurch hinke der ausgewiesene Wert mehrere Tage hinterher und bilde nicht das reale Geschehen in den Krankenhäusern ab. „Das zweite Problem ist, dass die Hospitalisierungsinzidenz ja nur die Neuaufnahmen in die Krankenhäuser berücksichtigt. „Es fließe nicht mit ein, wie lange die Menschen auf Station liegen. Bei der aktuellen Welle kämen vermehrt junge Menschen, die länger in den Krankenhäusern liegen und auch die Intensivstationen länger belasten. Das bilde die Hospitalisierungsinzidenz aber nicht ab.

Landesregierung berät am Dienstag über Kennzahl

Kaderali plädiert deshalb weiter für die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen je 100 000 Einwohner als Maßstab. „Die ist immer noch sehr, sehr stark gekoppelt an das, was in den Krankenhäusern passiert.“ Man könne mit ihr sehr genau vorhersagen, was zwei Wochen später in den Krankenhäusern passiert. „Und es ist halt vor allen Dingen auch ein Frühwarnindikator, der rechtzeitig anschlägt.“ Die Hospitalisierungsinzidenz werde erst rot, wenn die Krankenhäuser schon jenseits von Gut und Böse seien. Wenn man dann reagiere, dauere es nochmals, bis die Maßnahmen anschlagen.

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In der Staatskanzlei hält man sich offiziell zwar mit lautstarker Kritik an der Hospitalisierungsinzidenz zurück, doch zwischen den Zeilen ist durchaus zu lesen, dass man mit dem Wert nicht so ganz glücklich ist. „Die Festlegung der Hospitalisierung als Hauptkriterium der Corona-Ampel ist eine bundesweite Regel, die sich aus dem Infektionsschutzgesetz ergibt. Wir können also nicht einfach von der Vorgabe abweichen“, gibt Andreas Timm, Pressesprecher der Landesregierung zu bedenken.

„Wir halten die Auslastung der Krankenhäuser auch weiter für ein wichtiges Kriterium. Allerdings sehen wir auch die Probleme, die Professor Kaderali angesprochen hat. Wir werden deshalb am Dienstag im Kabinett über dieses Thema sprechen“, kündigte Timm an.

Kritik kommt auch von den Grünen

Kritik an der Hospitalisierungsinzidenz und der darauf aufbauenden Corona-Ampel übt auch Harald Terpe, Fraktionschef der Grünen im MV-Landtag. „Die Corona- Ampel warnt zu spät vor den dramatischen Folgen der Pandemie, wie der Überlastung der Krankenhäuser und des Gesundheitssystems insgesamt“, meinte Terpe. Die für die Ampel maßgebliche 7-Tage Hospitalisierungsinzidenz sei als Hauptindikator nicht geeignet, da die tatsächliche Bettenbelegung nicht zeitnah genug und in zu geringem Umfang angezeigt werde. So kämen laut Terpe die assoziierten Schutzmaßnahmen systematisch zu spät. „Wir fordern, die Intensivbettenbelegung und die Infektionsrate zu Leitindikatoren zu machen, damit die notwendigen politischen Entscheidungen nicht unnötig verzögert werden.“

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Zu Verzögerungen kommt es in MV auch bei der Lieferung der dringend benötigten Schnelltests. Der Bürgerbeauftragte von MV, Matthias Crone, sieht gar die Akzeptanz der Corona-Regeln wegen mangelnder Testmöglichkeiten in Gefahr. „Mich erreichen zahlreiche Beschwerden von Bürgern, denen es schlicht nicht möglich ist, einen Corona-Test zu machen, weil es keine Teststellen in der Nähe oder nicht genügend Kapazitäten in Testzentren oder Apotheken gibt“, sagte Crone.

Es gebe hier auch Fälle, in denen Bürger den Bus zum Testzentrum nicht nutzen können, weil ihnen der Test fehlt. Die Probleme würden zudem nicht nur den ländlichen Raum betreffen“, betonte der Bürgerbeauftragte.

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