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Was die Rechten im Nordosten so stark werden lässt

Nur noch selten lassen sich Rechtsextremisten so einfach an ihrem Aussehen erkennen. Welche Strukturen es in MV gibt, beleuchtet ein neues Buch.
Nur noch selten lassen sich Rechtsextremisten so einfach an ihrem Aussehen erkennen. Welche Strukturen es in MV gibt, beleuchtet ein neues Buch.
Bernd Thissen

Im Buch der SPD-Landtagsfraktion „Gefährlich verankert“ deckt die Rechtsextremismus-Expertin Andrea Röpke Strategien und Netzwerke der Neonazi-Szene in MV auf. Über die Erkenntnisse und den Umgang damit sprach Marlis Tautz mit SPD-Fraktionschef Norbert Nieszery.

Vor wenigen Tagen haben Rechtsextremisten mit großem Anhang und auffällig völkischen Ritualen in einem Gasthaus auf Poel Hochzeit gefeiert. Was hätten Sie anstelle der Wirtsleute getan?

Wenn jemand eine Feier anmeldet, ist ja nicht auf Anhieb zu erkennen, was dahinter steckt. Doch als die Gäste kamen, mit den unverkennbaren Zeichen der Szene, Fischerhemden, Cordhosen, Autoaufklebern, Tattoos, da wurde es offensichtlich. Von außen ist es natürlich leicht gesagt, dass der Wirt vom Hausrecht Gebrauch machen und die Gesellschaft nach Hause schicken könnte. Wichtiger ist, dass solche Erfahrungen vielleicht helfen, bei ähnlichen Gelegenheiten entschlossen zu reagieren.

Die demokratischen Parteien haben die NPD im Landtag kaltgestellt. Außerhalb jedoch wuchern verschiedenste braune Subkulturen. Was ist die Ursache dafür?

Natürlich nutzt die NPD die finanziellen Mittel, die sie als Landtagspartei bezieht, um Kaderschmiede zu sein. Junge Frauen und Männer kommen in die Fraktion und erhalten den letzten Schliff, um danach vor Ort als Agitatoren aufzutreten. Ein „Wuchern“ der Kameradschaftsstrukturen kann ich jedoch nicht beobachten. Die sind schon lange da. Was wächst und erstarkt, ist das Selbstbewusstsein dieser Leute. Sie glauben, auch durch die NPD im Landtag, in der bürgerlichen Normalität angekommen zu sein.

Woher kommt diese Einschätzung?

Mit unserem Buch wollen wir auf eine neue Entwicklungsstufe bei den Neonazis hinweisen, den Versuch, durch wirtschaftliche Betätigung Einfluss und Akzeptanz zu erlangen. Einerseits gibt es da den illegalen Bereich. Das sind beispielsweise die Rocker, die sich organisiert mit Prostitution, Drogen und Anabolika-Handel befassen. Wir wissen heute, dass die Führungsriege der Hells Angels in MV durchsetzt ist mit ehemaligen und aktiven Rechtsextremisten. Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass ganz legale Dienstleistungsunternehmen gegründet werden.

Zum Beispiel?

Angefangen hat es in Jamel mit Sven Krügers Abrissfirma. Dann gibt es unter anderem einen norddeutschen Baumdienst, Künstler, Handwerker, auch Ökobauern. Zudem werden intensiv Musik-CDs und Szenebekleidung vertrieben. Es ist eine Strategie der Neonazis, auf legale Strukturen aufzuspringen, um zu zeigen: Wir gehören ja dazu, ihr könnt uns nicht ausgrenzen. Das verleiht ihnen Macht und Selbstvertrauen und soll ihnen – neben Einkünften – Einfluss sichern, zum Beispiel in Elternräten.

Was tun also, wenn etwa „Omi Pastörs“ mit einem Blech Kuchen in die Kita kommt?

Erst einmal machen lassen. Wenn aber „Omi Pastörs“, gleichgesinnte Eltern oder gar die Kinder selbst anfangen, für ihr krudes Weltbild und ihre menschenverachtende Ideologie zu missionieren, sollte man sich an diejenigen wenden, die sich mit den Problemen auskennen. Reden! Mit den Demokraten vor Ort, den Zentren für Demokratie. Es geht darum, von solchen Vorgängen zu wissen. Das ist kein Denunzieren, sondern einfach nur das Gegenteil von Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit ist tödlich für die Demokratie. Ich möchte, dass wir auch zukünftig in einem demokratischen Rechtsstaat, in Selbstbestimmung und in Freiheit leben können. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Wodurch wird MV interessant für diese Szene?

Wir sind keine sehr bunt gemischte Gesellschaft. Das ist eine Grundlage, auf der sich chauvinistisches Gedankengut leicht transportieren lässt, weil man in weiten Bereichen im eigenen Saft schmort. In allen Ländern Europas gibt es um die 15 Prozent rechtsnational denkender Menschen. Sie fallen in unserem dünn besiedelten Land durch organisierten Zuzug in bestimmte Regionen besonders auf. Doch stelle immer wieder fest, dass es auch starke Gegenwehr gibt. In meiner Heimatstadt Bützow beispielsweise, wo das Problem lange verschwiegen wurde, ist jetzt eine zivilgesellschaftliche Gegenbewegung entstanden. Es ist für die Rechtsextremen kein Heimspiel, wie sie immer denken.

Wo sehen Sie Hochburgen der Rechtsextremisten?

Ihre politischen Zentren liegen dort, wo die Leute wohnen. In Lübtheen und Jamel, in Grevesmühlen mit dem Thinghaus. Der Westteil wird von Pastörs und Köster bestimmt. Im Ostteil bestehen etablierte Strukturen in Anklam, Ueckermünde, Usedom, mit den Landtagsabgeordneten Müller und Andrejewski. Dazwischen ist eine Figur anzutreffen, die sehr schwer einzuschätzen, aber extrem einflussreich ist – David Petereit. Er wohnt mittlerweile im Landkreis Rostock und strafft die losen Kameradschaftsstrukturen. Sein Einfluss reicht bis nach Waren und Neustrelitz.

Welche Chancen geben Sie dem NPD-Verbot?

Schon allein das Material aus Mecklenburg-Vorpommern würde wohl reichen, um die NPD verbieten zu können und nachzuweisen, dass sie aggressiv-kämpferisch gegen demokratische Strukturen vorgeht.