Marie Van der Zanden in ihrem Garten in Nijmegen.
Marie Van der Zanden in ihrem Garten in Nijmegen. privat
Schicksal einer Auswanderin

Sie will zurück nach Mecklenburg, doch sie kann nicht

Marie van der Zanden wollte weg aus Grevesmühlen, „wo Nazis leben”. Sie wollte die weite Welt sehen, ging in die Niederlande. Jetzt will sie einfach nur nach Hause, doch das ist schwierig.
Nijmegen

Dieser Text stammt aus dem Heimweh-Newsletter des Nordkurier. Lesen Sie weiter unten mehr.

Marie van der Zanden steckt in einem ziemlichen Dilemma. Die 37-Jährige wuchs in Grevesmühlen in Nordwestmecklenburg auf. 2005 zog sie in die Niederlande, um Musiktherapie zu studieren. Dort lebt sie bis heute, inzwischen mit eigener Familie. Doch richtig angekommen ist sie nie. Sie möchte nach Hause, nach Mecklenburg. Doch damit würde sie ihre Familie auseinanderreißen.

Damals, mit 22 Jahren, wollte sie „nur weg aus Grevesmühlen. Weg aus Mecklenburg, wo Nazis leben, wo man abends als junges Mädchen nicht mehr nach draußen gehen kann. Ich wollte die weite Welt sehen. Neues erfahren, alles lernen von der Welt.” Über Zwischenstationen in den westlichen Teil des Landes verschlug es sie schließlich in die Niederlande. Groß war ihre Lust auf Reisen und Abenteuer. Doch die Ernüchterung kam schnell.

Schon ihre Ankunft beschreibt sie heute als „Kulturschock”. Fern ihrer Heimat war sie plötzlich auf sich allein gestellt. „Ich hatte keine Verwandten oder Familie. Ich musste mich jeden Tag selbst motivieren.” Zu ihren Kommilitoninnen fand sie keinen Draht. „Ich passte von meiner Kleidung und meinem Charakter nicht ins Bild einer jungen Studentin, weil ich Partys und tägliches Ausgehen vermied, um Arbeit und Studium in einer fremden Sprache unter einen Hut zu bekommen.” Hinzu kam der Altersunterschied. Die anderen waren viel jünger, weil man in den Niederlanden schon mit 16 studieren darf.

„Ich merkte schnell, wie schwer es ist, hier Freundschaften auf zu bauen. Niederländer sind offene Menschen. Echte, tiefgründige Gespräche führen wird schwieriger. Jeder lebt für sich, sein Geld und seine Familie. Für ein Miteinander ist wenig Zeit. Hier steht das ‘ICH’ an erster Stelle”.

„Wer nicht für sich sorgen kann, hat Pech”

In den Niederlanden stehe Eigenverantwortung an erster Stelle. Das Leben dort sei teuer. „Wer nicht für sich sorgen kann, hat einfach Pech. Wer keine Wohnung bekommt, aus welchem Grund, muss auf der Straße wohnen. 15 bis 20 Jahre Wartezeit auf eine kleine Mietwohnung seien nichts Ungewöhnliches. „Mütter bekommen ihre Kinder, und gehen danach sofort wieder arbeiten. Zu Hause bleiben und für die Kinder sorgen, wird fast als asozial angesehen.”

Dennoch seien die Niederländer mehr auf das Allgemeinwohl bedacht als die Deutschen. „Man geht zum Beispiel nur zum Arzt, wenn es unbedingt sein muss. Nicht, weil die Krankenkasse es bezahlt. Kinderärzte gibt es ausschließlich in Krankenhäusern. Wenn ein Kind Fieber hat, geht es nicht zum Arzt. Es bleibt zu Hause und trinkt Tee.”

Der Vorteil an diesem System sei, dass es kaum Arbeitslosigkeit gebe. „Hier geht jeder arbeiten. Staatliche Unterstützung gebe es erst nach vielen Jahren der Arbeitslosigkeit. Trotz einiger Härten hätten Land und Leute aber auch sehr viele schöne Seiten. „Doch leider fühle ich mich nicht wohl hier.”

Plünderungen im Corona-Lockdown

„Nirgendwo gibt es echte Natur. Das bisschen Natur, was hier ist, wird entweder zugebaut und/oder künstlich angelegt, oder ist voll von Niederländern, die spazieren gehen. „Jetzt in der Coronazeit werden die Menschen oft weggeschickt oder gar nicht erst reingelassen. Voll ist voll. Dann müssen wir auch noch am Wochenende zu Hause bleiben und dürfen nicht in die Natur.”

Als im Januar Ausgangssperren verhängt wurden, habe es regelrechte Bürgerkriege gegeben. „Mit Plünderungen und Zerstörungen”, beschreibt sie.

„Dieses alles ist für mich Grund, um weg zu ziehen. Ich brauche die Natur. Brauche Freiheit, und kein Gefängnis. Frische Luft, Felder, Wiesen, Natur, wo die Hasen sich noch gute Nacht sagen. Wobei MV auch immer mehr zugebaut wird.” Auch leide sie unter der schlechten Luftqualität in den Niederlanden. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie schon vor zehn Jahren alle Zelte in den Niederlanden abgebrochen.

Zurück nach Deutschland, nach Schwerin, an die Ostsee oder nach Nordwestmecklenburg – das wär's. Doch ihr Mann und ihre Tochter möchten nicht mit. „Meine Tochter ist hier geboren und aufgewachsen, ist ihre gesamte Grundschulzeit hier in der Schule. Sie möchte hier bleiben, hat hier ihre Freunde und ihren Zirkusunterricht.” Ähnlich geht es ihrem Mann, einem echten Niederländer. In seiner Heimat sieht er bessere Karrierechancen für sich und das Kind.

„Daher ist es offen, ob wir in der nächsten Zeit nach Mecklenburg zurückkehren. Die Familie auseinander reißen, und dann an zwei verschiedenen Orten wohnen, dieses ist ein sehr schwerer Entschluss. Mich selbst hält hier nur noch meine Familie, meine Tochter und mein Mann. Ansonsten nichts mehr. Auch nicht die Gewissheit, dass mein Mann hier eine bezahlte Arbeit hat. Heimat bleibt Heimat.”

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