CORONAVIRUS

Sind Schulen Infektionstreiber in der Pandemie – oder nicht?

Wenn die beiden Themen Schulen und Gesundheit in der Corona-Krise unmittelbar aufeinanderprallen, wird sehr hart um Positionen gerungen. Wie steht es um das Infektionsgeschehen an den MV-Schulen?
MV-Bildungsministerin Bettina Martin: „Oberste Priorität haben für mich die Abschlussklassen, denn hier geht e
MV-Bildungsministerin Bettina Martin: „Oberste Priorität haben für mich die Abschlussklassen, denn hier geht es um die Lebenskarrieren der Jugendlichen.” (Symbolbild) Britta Pedersen
Schwerin ·

Bei jedem Gipfeltreffen mit Kanzlerin und Ministerpräsidenten war es in den vergangenen Monaten stets einer der Tagesordnungspunkte, der am längsten und kontroversesten beraten wurde: Wie halten es die Politiker in der Corona-Pandemie mit den Schulen? Sind die Schulen jetzt Infektionstreiber – oder nicht?

MV-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) versuchte im Anschluss an den Gipfel am Dienstagabend die Frage mit einem politischen Spagat zu beantworten. Schulen seien kein Infektionstreiber, von ihnen gehe in der Pandemie keine Gefahr aus, sagte die Regierungschefin. Gleichzeitig aber sind die Schulen in MV seit Mitte Dezember größtenteils geschlossen. Wie passt das zusammen?

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MV-Bildungsministerin Bettina Martin versucht im Gespräch mit dem Nordkurier, den vermeintlichen Widerspruch aufzuklären. „Die Entwicklung in den Schulen in den vergangenen Monaten hat gezeigt, dass Schulen nicht die Treiber des Infektionsgeschehens sind. Mecklenburg-Vorpommern verfügt im Vergleich zu anderen Bundesländern über eine sehr gute Datenlage in Bezug auf die Schulen. Diese zeigt deutlich, dass das Infektionsgeschehen natürlich auch an den Schulen nicht Halt macht, dass aber in den meisten Fällen, wo eine Infektion entweder durch Lehrkräfte oder auch Schüler in die Schule getragen wurde, die Ausbreitung des Virus innerhalb der Schule sich in Grenzen gehalten hat“, sagt die SPD-Politikerin. Dies sei ein Beleg dafür, dass das Hygienekonzept an den MV-Schulen bisher gut gegriffen habe.

Virusmutation aus England stellt Gefahr für MV dar

Doch dann lässt Martin das große Aber folgen: „Angesichts der auch in MV derzeit schwierigen Entwicklung des Infektionsgeschehens ist es der richtige Schritt, dass wir auch in den Schulen im Januar weiter den Präsenzunterricht einschränken.“ Die Wissenschaftler auf Bundesebene hätten laut Martin sehr deutlich gemacht, dass die aktuelle Entwicklung des Infektionsgeschehens bundesweit dringend weitere Schritte erfordere. In dem Zusammenhang verwies die Bildungsministerin auf die in England aufgetretene Mutation des Virus. „Diese Mutation stellt auch für uns eine Gefahr dar, auf die wir uns einstellen müssen“, mahnte Martin.

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Die Bildungsministerin kündigte an, die Entwicklung des Infektionsgeschehens an den MV-Schulen auch weiter eng zu beobachten, um fundierte Entscheidungen über die Schulorganisation treffen zu können. „Deshalb hat das Land eine Schulstudie bei den Universitätsmedizinen Greifswald und Rostock in Auftrag gegeben, die mit einer Task Force dort aktiv werden, wo an Schulen Infektionsgeschehen aufgetreten ist, um Erkenntnisse daraus zu gewinnen“, so Martin. Sie sei sehr froh, dass es in MV noch möglich sei, die Schulen – wenn auch stark eingeschränkt – für bestimmte Jahrgänge offen zu halten.

„Oberste Priorität haben für mich die Abschlussklassen, denn hier geht es um die Lebenskarrieren der Jugendlichen. Sie müssen die Chance haben, sich gut auf die anstehenden Prüfungen für die Mittlere Reife, das Abitur oder die Berufsausbildung vorzubereiten“, betont Martin. Dass es gelungen sei, dies durchzusetzen, sei für sie eine große Erleichterung.

Gerade in der Bildungspolitik seien Entscheidungen wie diese immer ein schwieriges Abwägen zwischen dem notwendigen Gesundheitsschutz auf der Basis epidemiologischer Erkenntnisse und dem Wissen, dass Bildung und Betreuung sehr wichtig seien für das Kindeswohl. Martin weiter: „Wir wissen aus dem ersten Lockdown im Frühjahr, dass es gerade die Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen sind, die große Nachteile erfahren, wenn die Schulen zu sind. Auch das gehört in die Waagschale, wenn Entscheidungen über Schulschließungen anstehen. Nicht alle Kinder und Jugendlichen haben eine häusliche Situation, die das Distanzlernen unterstützt – und da meine ich nicht nur die technische Ausstattung.“ Gerade diese Schüler müssten im Blick behalten werden.

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Kinderarzt übt scharfe Kritik an der Politik

Einer, der den Umgang der Politik mit den Schulen seit Beginn der Pandemie äußerst kritisch sieht, ist Dr. Sven Armbrust, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. Stets hat der Mediziner betont, dass Schulen sowohl nach seiner Experteneinschätzung als auch durch umfangreiche Studien belegbar keine Infektionstreiber seien. „Es gibt keine relevanten Übertragungen in den Schulen. Somit bringen Maßnahmen wie hälftige Schulschließungen oder anderes nichts, sind unnötig und stehen in keinem Verhältnis zu den negativen Auswirkungen“, macht Armbrust deutlich und formuliert unmissverständlich: „Die Politik agiert hilflos auf dem Rücken der Kinder.“

In dem Zusammenhang verweist der Arzt auf eine aktuelle Untersuchung des Gesundheitsamtes Frankfurt/Main. Ergebnis aus der 650 000-Einwohner-Stadt: „In Übereinstimmung mit weiteren Erfahrungen aus Deutschland und anderen Ländern sind Kinder beziehungsweise die Schulen nicht die Treiber der Pandemie, sondern werden selbst (möglicherweise im familiären Umfeld) infiziert. Die Lebensqualität und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat sich mit der durch die Pandemie verbundenen Kontakteinschränkungen signifikant verschlechtert“, heißt es in der Studie.

Armbrust ergänzt: „Eine kürzlich publizierte Untersuchung aus Oxford hat gezeigt, dass Kinder aus der Sekundarstufe I in Zeiten des ,Homeschoolings‘ nichts lernen, es sich hier also um verlorene Zeit handelt. In der Sekundarstufe II wird es dann besser.“

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