HEIßE DISKUSSIONEN BEIM NDR-MUSIKGIPFEL

Sender lehnt mehr deutsche Titel ab

Auch nach der Diskussionsrunde beim Norddeutschen Rundfunk wird es nicht mehr deutsche Titel im Programm geben. Senderspitze und Bürgerinitiative finden keinen Kompromiss. Doch nicht alle älteren Hörer stören sich an der englischen Sprache im Radio.
In der Schweriner NDR-Zentrale ging es heiß her. Sender und unzufriedene Bürger stritten um die richtige Musikauswahl.
In der Schweriner NDR-Zentrale ging es heiß her. Sender und unzufriedene Bürger stritten um die richtige Musikauswahl. NDR/Mundry
Neubrandenburg.

Die Souvenir-Tasse hat Heinz Butzke mitgenommen – als Andenken an ein „Krisengespräch“ im Landesfunkhaus, das es vielleicht in dieser Form nicht mehr geben wird. Der 83-Jährige Neubrandenburger gehörte zu den knapp 30 Teilnehmern eines Termins in der Schweriner NDR-Zentrale, zu dem Funkhauschefin Elke Haferburg eingeladen hatte. Die Botschaft auf der Tasse passte perfekt zum Thema des Tages: „Mein Land – Mein Radio – Mein Musikmix.“

Das aktuelle Titelgemisch im Heimatsender stößt einem Teil der älteren Hörerschaft ziemlich sauer auf. Die Bürgerinitiative „Für ein besseres NDR Radio MV“ trommelt nach ihrem Neustart vor einem Jahr für mehr deutsche Musik im Programm. Doch auch nach der Begegnung zwischen der gesamten Schweriner NDR-Spitze und den Mitgliedern von Seniorenbeiräten sowie Abgesandten der Bürgerinitiative stellt Funkhauschefin Haferburg klar: „Es wird keine Änderung des Musikprogramms geben.“ Damit ist die Bürgerinitiative ihrem Ziel, mehr deutsche Musik im öffentlich-rechtlichen Radioprogramm hören zu wollen, keine Handbreit näher gekommen.

Klare Kante von der NDR-Landeschefin

„Wir wollen so viele Menschen wie möglich erreichen“, begründet die Direktorin. Deswegen könne sich die Titelauswahl, die auf wissenschaftlicher Basis erfolge, nicht auf eine Gruppe 60 plus konzentrieren. Es sei klar, dass der Sender mit seiner Musikauswahl nicht jedem gerecht werden könne. Sie widerspricht vehement dem Vorwurf der Bürgerinitiative, dass mit der vorwiegend englischsprachigen Musikauswahl der NDR-Staatsvertrag verletzt werde. „Wir sind frei in unserer Programmauswahl“, betont sie.

Klare Kante von der Chefin also. „Die Atmosphäre war nicht gut“, sagt Heinz Butzke nach der zweistündigen Begegnung. Das Mitglied der Bürgerinitiative fühlt sich vorgeführt – als Teil einer Truppe von „Quertreibern, die aus Langeweile nichts Besseres zu tun hat“. „Das lief beim NDR nach dem Motto: Wir sind so gut, es geht gar nicht mehr besser“, erinnert er sich. Die sechs Abgesandten der Bürgerinitiative hätten erwartet, dass auf die Vorschläge mehr eingegangen werde: „Uns ist doch klar, dass nicht zu allem Ja gesagt wird.“

Hoffnung den Streit beizulegen

Doch nicht alle älteren Hörer wollen offenbar mehr deutsche Titel im Radio. „Die Texte sind doch oft nicht so, dass sie der Förderung der deutschen Sprache wirklich dienen“, meint Bernd Rosenheinrich. Der 67-Jährige ist Vorsitzender des Landesseniorenbeirats und hört gern Bruce Springsteen. „Ich beschwere mich doch auch nicht, wenn der nicht jeden Tag gespielt wird“, stellt er fest. Rosenheinrich lobt die Zusammenarbeit mit dem NDR. „Die haben schon ihre Zwänge mit der Einschaltquote. Wir finden aber trotzdem immer ein offenes Ohr“, sagt er. Denn auch der Seniorenbeirat habe Änderungswünsche. „Wenn bei Nachrichten eine Musik im Hintergrund läuft, können ältere Hörer oft gar nichts verstehen“, nennt er ein Beispiel.

Diese Hintergrundgeräusche stören auch Helmut Patzelt. Der Chef des Seniorenbeirats in der Mecklenburgischen Seenplatte findet es beschämend, wenn die deutsche Sprache ins Hintertreffen gerät. Patzelt hofft aber, dass sich die Wogen zwischen NDR und Bürgerinitiative glätten, damit der Streit irgendwann beigelegt werden kann. Er schlägt vor, die Musik nicht zu mischen, sondern stundenweise bestimmte Richtungen zu spielen.

Eine Stunde in der Woche ist zu wenig

Diese Idee passt aber nicht ganz zum Angebot von Funkhauschefin Elke Haferburg. „Einmal in der Woche ab 21 Uhr eine Stunde deutsche Musik“, bietet sie an. Doch darauf mag die Bürgerinitiative nicht eingehen. „Wer hört denn zu der Uhrzeit noch Radio?“, fragt sich BI-Sprecher Willi Behnick und packt seine Vision auf den Tisch. „Mindestens die Hälfte der Titel in deutscher Sprache“, beharrt er auf der BI-Forderung. Wie es weiter geht, darüber wollen die
Musik-Rebellen jetzt beraten. „Wir sind gestandene Bürger und keine Waschlappen“, so Behnick.

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Kommentare (2)

Es ist wieder einmal das typische Verhalten bei einem Sender des ÖR, wie hier der NDR. Den Wünschen der Hörer wird aus gutem Grunde kein Gehör geschenkt. Würde man die Umfragen von Meinungsforschungsinstituten Glauben schenken müsste man ja eingestehen das ein Fehler bei der Gestaltung des Programmes gemacht wurde. Da ist es doch viel einfacher sich auf die hiheitlichen Rechte der sender zu beziehen. DA wir ja sowieso schon überwiegend aus Brüssel bestimmt werden könnten dort die Politiker den Sendern mal Druck machen. Ich glaube mit einer Weigerung zur Zahlung des GEZ Beitrages und gleichzeitiger Sammelklage würde das zumindestens öffentlich noch mehr diskutiert werden und somit einige Posten bei den Sendern neu besetzt werden.

es ist für mich eine Frechheit und Arroganz, wie Frau Haferburg die Wünsche dieser Hörergruppe ablehnt. Auch dieser Sender erhält aus den Steuern und Rundfunkgebühren, die ja jeder Haushalt zahlt, seine Gelder, um überhaupt arbeiten zu können. Die von Frau Haferburg benannten wissenschaftlichen Erhebungen werden nach meiner Erfahrung nur in MV so interpretiert. In den anderen Landesprogrammen von NDR 1 werden durchaus Schlager gespielt, vielleicht auch weil es alternative Sender mit deutschsprachiger Musik gibt. Bei uns leider nicht! Die noch relativ hohe Einschaltquote für den Sender resultiert nach meiner Auffassung daher, dass der Sender im Vergleich zu den anderen das kleinere Übel ist. Unsere Bürger werden stets zu mehr Toleranz gegenüber ihren Mitmenschen aufgefordert, NDR1 Radio MV lässt diese jedoch total vermissen. Es gibt sicher auch ältere Bürger, die gern englischsprachige Titel hören. Ich glaube aber, dass das die Minderheit in dieser Altersgruppe ist. Interessant wäre ja mal zu erfahren, was die Politiker unseres Landes zu dieser Auseinandersetzung sagen. Hier wird eine Altersgruppe aus dem Musikprogramm eines öffentlich-rechtlichen Sender gestrichen. Oder geht die Demokratie in unserem Land nicht so weit?