SYNAGOGEN-ANSCHLAG

So war der Halle-Attentäter bei der Bundeswehr in MV

Vor zehn Jahren leistete der Halle-Attentäter seinen Grundwehrdienst in Hagenow ab. Er galt als unsportlich, wurde durch andere herabgewürdigt und tat sich als waffenaffin hervor.
Stephan Balliet am vierten Verhandlungstag.
Stephan Balliet am vierten Verhandlungstag. Ronny Hartmann
Magdeburg.

Wie kam es dazu, dass der 28-jährige Stephan Balliet am 9. Oktober die Hallesche Synagoge stürmen wollte, um die jüdische Gemeinde auszulöschen, die in der Einrichtung den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur beging? Hätte der Anschlag und mit ihm der zweifache Mord und mehrfache Schussverletzungen verhindert werden können? Fragen, auf der fünfköpfige Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichtes Naumburg eine Antwort sucht. Aus diesem Grund wurde nun ein Zeuge, mit dem der angeklagte Attentäter 2010 seinen Grundwehrdienst in Hagenow ableistete, vernommen.

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Der heute 29-jährige Mann aus Magdeburg verstand sich damals nach eigenen Angaben ganz gut mit Balliet. Beide kamen aus Sachsen-Anhalt. Konfliktpotenzial bargen eher die zwei weiteren Wehrdienstleistenden, die sich damals mit auf der Stube in der Hagenower Kaserne nahe Ludwigslust befunden haben. Zwischen diesen und Balliet kam es laut des Zeugen des Öfteren wegen Banalitäten wie Ankunftszeiten, Ruhezeiten etc. zu Konflikten. Beschimpfungen wurden gegenseitig ausgeteilt. Das sei in diesem Umfeld „ganz normal”, meinte der Magdeburger vor der Vorsitzenden Richterin Ursula Mertens.

Gleichwohl sei ihm in der gemeinsamen Zeit mit Balliet – immerhin drei Monate – aufgefallen, dass der Angeklagte seinen Beschimpfungen für Stubenbrüder oder weitere Wehrdienstleistende die Begrifflichkeit „du Jude” anfügte, damit die Aussage in ihrer Bedeutung noch abschätziger, abwertender wirkte. Ziemlich häufig habe Balliet so getönt, meinte der Zeuge. Schon 2010 könnte das also ein Hinweis auf eine mögliche antisemitische Einstellung des beschuldigten Synagogen-Attentäters gewesen sein. Und obwohl die Bemerkungen von vielen gehört wurden, reagierte laut Zeugenaussage niemand. Balliets Beschimpfungen, die schon damals fremdenfeindliche Züge trugen, wurden nicht ernst genommen, so scheint es. „Rückblickend hätte man wohl intervenieren können und müssen”, sagte der junge Mann selbstkritisch vor Gericht aus. Aber nichts geschah. Nicht einmal ein Vermerk in seiner Personalakte bei der Bundeswehr.

Spitzname „Kartoffel”

Abgesehen davon galt Balliet schon in der Zeit seines Grundwehrdienstes eher als Außenseiter. Sein „Standing” in der Gruppe war nicht groß. „In der Hierarchie stand er weiter unten”, schilderte der Zeuge. Das lag unter anderem an seiner Unsportlichkeit. Unter dieser „litten” bisweilen auch seine Stubenbrüder. So etwa bei Läufen, bei denen Balliet aus Erschöpfung den Rückweg mit kiloschwerem Gepäck nicht mehr allein bewältigen konnte. Nach dem Prinzip „Mitgehangen – mitgefangen” mussten dann die Stubenbrüder sein Gepäck zusätzlich schleppen. Das in Verbindung mit Konflikten, die auch durch Balliets teilweise aufmüpfiges Verhalten entstanden sein sollen, drängte den Angeklagten eher in eine Randposition. „Sein Spitzname bei der Armee war 'Kartoffel'", erinnerte sich sein einstiger Stubenbruder. Weshalb die Wahl darauf fiel, blieb unklar. Klar sei nur, dass Balliet durch die Bezeichnung herabgewürdigt werden sollte. Die Gängeleien der anderen ordnete der Zeuge aktuell vor Gericht als „Beinahe-Mobbing” ein.

Trotz Balliets Unsportlichkeit, die ihm übrigens auch schon seine einstigen Grundschullehrer bescheinigten, tat er sich während seines Grundwehrdienstes im Bereich Waffennutzung hervor. In seiner Ausbildungszeit habe er den Umgang mit der Pistole P8 und dem Gewehr G36 erlernt haben. „Definitiv war er waffenaffin wie ich, aber da sehe ich nichts Schlimmes drin”, ordnete der Zeuge diese Begebenheit der Vergangenheit ein.

„Vielleicht hätte es eines Freundes bedurft, der sich mehr um ihn gekümmert hätte”, spekuliert der Zeuge über Voraussetzungen, unter denen aus dem unsportlichen, aber vielseitig interessierten Stephan Balliet kein Mörder und Antisemit geworden wäre. Balliet selbst sagte in einer der jüngsten Prozesstage selbst in nüchternem Tonfall, dass er die Untat „wohl nicht begangen hätte, wenn ich eine Freundin gehabt hätte”. Hätte, hätte, Gedankenkette – und eine Nachricht, die für die Überlebenden aus der Synagoge, für die Angehörigen der Opfer und die Verletzten schwer verdaulich ist.

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