DDR-Staatsdoping

Späte Gerechtigkeit für Rostocker Turnerin

In jungen Jahren hat eine Rostocker Sportlerin ohne ihr Wissen Dopingmittel verabreicht bekommen. Vor Gericht hat die Frau jetzt einen Sieg gegen das Justizministerium errungen. Ihr Kampf ist allerdings noch nicht vorbei.
Eine Auswahl an Arzneimitteln, die Sportlern in der DDR als „unterstützende Mittel“ verabreicht wurden.
Eine Auswahl an Arzneimitteln, die Sportlern in der DDR als „unterstützende Mittel“ verabreicht wurden. Burkhard Bley/LAMV
Rostock

Eine heute 59-jährige, frühere Turnerin des SC Empor Rostock hat vor dem Verwaltungsgericht Greifswald einen juristischen Sieg errungen, der wegweisend für Dopingopfer des Leistungssports in der DDR sein könnte. Im Rechtsstreit mit dem Justizministerium Mecklenburg-Vorpommern entschieden die Richter, dass der Frau eine so genannte Verwaltungsrechtliche Rehabilitierung zusteht.

Damit hat die frühere Turnerin das Recht, einen Ausgleich für gesundheitliche Beeinträchtigungen nach dem Bundesversorgungsgesetz zu beantragen, erklärte Anne Drescher, Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur.

ZK der SED verantwortlich für Doping-Vorgaben

Die Mitarbeiter ihrer Behörde betreuen und beraten auch Dopingopfer aus dem Nordosten. Das Gericht hat sein Urteil Ende 2020 ohne mündliche Verhandlung gefällt. Jetzt liegt das schriftliche Urteil vor. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wird der Name der Betroffenen nicht genannt.

Laut Urteil wurde die Frau im Alter von zehn Jahren in den Leistungskader des SC Empor aufgenommen und nahm unter anderem an DDR-Meisterschaften und internationalen Wettkämpfen teil. Ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung seien ihr von ihrem Trainer täglich Dopingmittel als leistungsfördernde Stimulanzen verabreicht worden. Grundlage dafür sei der Staatsplan 14.25 des ZK der SED aus dem Jahr 1974 gewesen. Bereits ein Jahr zuvor sei ihr das Anabolikum Oral-Turinabol verordnet worden, nachgewiesen durch das Gesundheitsjournal des damaligen sportmedizinischen Dienstes.

„Das Präparat hat im staatlich organisierten Dopingsystem der DDR Verwendung gefunden, sollte den Sportler belastbarer machen, um länger und härter trainieren zu können und führte insbesondere bei Frauen zu deutlichen Leistungszuwächsen“, führt der Richter aus. Die Klägerin gehörte bis zu ihrem 17. Lebensjahr dem Empor-Leistungskader an. Ein Arzt hatte ihr Anfang 2017 „erhebliche Gesundheitsschäden“ infolge der verabreichten Dopingmittel bescheinigt, wie es in dem Urteil heißt.

Einen ersten Antrag auf eine Rehabilitation hatte das Justizministerium abgelehnt, unter anderem mit der Begründung, dass die Maßnahme „nicht der politischen Verfolgung gedient“ habe und „keinen Willkürakt im Einzelfall“ darstelle.

Justizministerium akzeptiert das Urteil

Das Gericht sieht das anders. Es handele sich durchaus um einen „Willkürakt im Einzelfall“: „Willkürlich handelt ein Staatsorgan, wenn es sich über das Recht hinwegsetzt und damit die Rechtsordnung für sich als unverbindlich ansieht. Ein Rechtsverstoß lag im Hinblick auf die eigenmächtige Körperverletzung der Klägerin, vermutlich auch hinsichtlich eines Verstoßes gegen das Arzneimittelrecht der DDR vor“, so der Richter.

Eine Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht wäre möglich. Das Schweriner Justizministerium verzichtet aber auf den Einspruch, erklärte ein Sprecher: „Wir akzeptieren das Urteil.“ Für Anne Drescher hat das Verwaltungsgericht deutlich begründet, dass es sich beim Zwangsdoping gegenüber der Betroffenen um einen rechtsstaatswidrigen Willkürakt handelt. Die Entscheidung zeige einen möglichen Weg für in der DDR sportgeschädigte Betroffene zu einer nachhaltigen Versorgung auf.

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Beratungsangebote im Nordosten

Der ehemaligen Turnerin war 2017 bereits eine finanzielle Hilfe von 10.500 Euro nach dem Dopingopfer-Hilfegesetz zugesprochen worden. Auf der Grundlage des aktuellen Urteils könne sie nun eine Grundrente beim Versorgungsamt beantragen, sagte der Vize-Landesbeauftragte von Mecklenburg-Vorpommern Burkhard Bley.

Die Modalitäten der Beantragung seien aber kompliziert, die Erfolgsaussichten ungewiss. Deshalb sei eine Beratung empfehlenswert. Bley hält das aktuelle Urteil aber trotzdem wegweisend auch für Dopingopfer in anderen Bundesländern. Er gehe davon aus, dass sich andere Gerichte in ähnlichen Fällen am Votum des Greifswalder Verwaltungsgerichts orientieren könnten.

Beratung für Dopingopfer:

Im Land Brandenburg: [email protected]

In Mecklenburg-Vorpommern: www.landesbeauftragter.de

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