Amtsgericht Stralsund

Staatsanwalt ermittelt nach Schuss gegen Rechtsanwalt

Bei einem Haftrichtertermin im Amtsgericht Stralsund löste sich ein Schuss, ein Gerichtshelfer wurde verletzt. Der Vorfall könnte ernsthafte Folgen für den Anwalt haben.
Ralph Sommer Ralph Sommer
In einem Vernehmungsraum des Stralsunder Amtsgericht hatte sich am Freitag ein Schuss aus einer herunterfallenden Schreckschusspistole gelöst.
In einem Vernehmungsraum des Stralsunder Amtsgericht hatte sich am Freitag ein Schuss aus einer herunterfallenden Schreckschusspistole gelöst. Stefan Sauer
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Stralsund.

Dieser Schreckschuss hat nicht nur Schrecken ausgelöst, sondern auch ernsthafte Folge: Als am vergangenen Freitag im Stralsunder Amtsgericht eine 18-Jährige wegen räuberischer Erpressung dem Haftrichter vorgeführt wird, fällt plötzlich in dem kleinen Vernehmungsraum ein Schuss. Schnell wird klar, dass der Schuss versehentlich ausgelöst wurde, nachdem die Schreckschusswaffe aus der Tasche des Pflichtverteidigers gefallen war.

Der Knall sei in dem engen Raum so laut gewesen, dass erst mal alle geschockt gewesen seien, sagte später ein Zeuge der Ostseezeitung. Kurz darauf habe der verdutzte Anwalt, der an einer Kanzlei in Vorpommern arbeitet, nach einer lapidaren Entschuldigung die Waffe in einen Nebenraum gebracht.

Doch einige der Anwesenden mussten später zur Untersuchung ins Klinikum gebracht werden. Tatsächlich habe sich bei einem Vertreter der Jugendgerichtshilfe der Verdacht eines Knalltraumas bestätigt, sagt Oberstaatsanwalt Martin Cloppenburg. „Wir ermitteln deshalb wegen fahrlässiger Körperverletzung.“ Noch sei unklar, welche körperlichen Langzeitfolgen der Verletzte davontragen werde. Er könnte Strafantrag gegen den Anwalt stellen.

Kein Polizeieinsatz nach Schuss

Dass ein Anwalt überhaupt mit einer Waffe in ein öffentliches Gerichtsgebäude marschiert, hat in Stralsunder Richterkreisen Empörung ausgelöst. Laut Hausordnung ist dies ausdrücklich untersagt. Bei besonders brisanten Verhandlungen müssen Besucher sogar – ähnlich wie auf Flughäfen – aufgestellte Torsonden passieren oder sich Taschenkontrollen unterziehen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Verfahren wegen Mordes, organisierter Kriminalität oder gegen sogenannte Reichsbürger anstehen.

Amtsgerichtsleiter Sascha Ott hat inzwischen Strafanzeige gegen den Anwalt wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Waffengesetz gestellt. Ihm sei wichtig, dass sich Mitarbeiter und Besucher im Amtsgericht sicher fühlten, sagte er.

Zusätzliche Brisanz erhielt der Vorfall, weil nach dem Schuss auch keine Polizei hinzugezogen wurde. Stattdessen war der zuständige Richter nach einer kurzen Standpauke einfach zur Tagesordnung zurückgekehrt und habe die Haftprüfung fortgesetzt.

Besorgnis im Justizministerium

Weil die Polizei nicht zum Einsatz gekommen war, muss der ermittelnde Staatsanwalt nun zunächst auch noch klären, um was für eine Waffe es sich gehandelt hat. Laut Zeugenbeschreibung soll es sich um eine Neun-Millimeter-Schreckschusspistole gehandelt haben. „Wir werden dazu auch den Richter noch einmal befragen“, sagt Cloppenburg.

Noch nicht zweifelsfrei geklärt ist, ob der betroffene Pflichtverteidiger überhaupt im Besitz eines gültigen Waffenscheins ist. Es gebe zwar die Vermutung, dass der Mann über Waffenscheine verfüge, sagt Cloppenburg, schränkte aber zugleich ein: „Die Frage ist aber, ob dieser Waffenschein der richtige für genau diese betreffende Schreckschusswaffe ist.“

Auch im Justizministerium Mecklenburg-Vorpommern hat der Vorfall Besorgnis ausgelöst. Waffen seien grundsätzlich an Gerichten verboten, sagte ein Sprecher. Der Beruf des Rechtsanwalts würde nicht automatisch dazu berechtigen, Waffen mit sich zu führen.