Vögel vermisst

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Stare fliegen großen Bogen um Kirschen

Hunderttausende Stare verdunkeln jedes Jahr im Spätsommer auf ihrem Weg in die Winterquartiere den Himmel über dem Nordosten.
Hunderttausende Stare verdunkeln jedes Jahr im Spätsommer auf ihrem Weg in die Winterquartiere den Himmel über dem Nordosten.
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Große Schwärme hungriger Stare haben vielen Gärtnern im vergangenen Jahr die Kirsch-Ernte vermiest. Zurzeit lassen die Vögel sich aber kaum blicken. Wo sie bleiben, gibt selbst Naturschützern Rätsel auf.

Rote Kirschen an den Bäumen, aber keine Stare: Der Vogel des Jahres 2018 verschont Gärtner und Obstanbaubetriebe bislang. Für den Naturschutzbund ist das Ausbleiben der Stare „ein typisches Beispiel für den stillen Rückgang der häufigen Vogelarten, denn sein Bestand nimmt stetig ab”, sagte Nabu-Mitarbeiter Ulf Bähker am Donnerstag. Allerdings sei das keine Erklärung für das Wegbleiben der Vögel in diesem Jahr.

„Tatsächlich schwankt der Bestand des Stars in Deutschland jährlich zwischen drei und viereinhalb Millionen Paaren, je nach Nahrungsangebot und Bruterfolg im Vorjahr.” Das seien zehn Prozent des europäischen Starenbestands, der auf 23 bis 56 Millionen Brutpaare geschätzt wird.

Vogelkundler sehen Rückgang der Populationen auf die Hälfte

Beunruhigt ist auch Dr. Klaus-Dieter Feige, Vorsitzender der Ornithologische Arbeitsgemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern (OAMV), in der rund 500 Ornithologen aus dem ganzen Land organisiert sind. „Nicht umsonst ist der Star der Vogel des Jahres 2018“, sagte Feige auf Nachfrage. Denn Vogelkundler haben bei dieser Art einen Rückgang der Populationen auf die Hälfte, ja sogar auf ein Drittel beobachtet. „Dieser Rückgang tritt nicht überall auf. Es gibt Orte, da sind die Stare nach wie vor massenhaft da und holen sich die Kirschen vom Baum. Im Herbst wird an den Schlafplätzen gezählt Aber es gibt eben aber auch Gegenden, da fällt auf, dass es generell weniger Stare gibt“, so Feige.

Ein einzelner Grund dafür, warum es weniger Stare gibt, lasse sich dabei aber nicht ausmachen, erklärte der Ornithologe. „Meist ist es ein Mix an Ursachen“, betonte Feige. Zum einen seien es die Produktionsformen, die Landwirte anwenden müssen, um konkurrenzfähig zu sein, so der OAMV-Vorsitzende. Darüber hinaus sei es auch der Klimawandel, der zu einem Rückgang der Artenvielfalt führe.

Nahrung hingegen fanden die Stare während der vergangenen Ernte im Überfluss: Im vorigen Sommer beklagten Obstbauern und Kleingärtner, dass sich Starenschwärme auf Kirschen, Erdbeeren, Weintrauben und Heidelbeeren stürzten. Auf dem Weingut Rattey (Mecklenburgische Seenplatte) hatte die Weinlese früher begonnen, damit überhaupt etwas zu ernten übrig blieb. Die Agrargesellschaft Chemnitz bei Neubrandenburg verscheuchte die Vögel sogar mit einer Drohne in Adlerform von ihren Blaubeerfeldern.

Vogel-Experte warnt vor Panikmache

In diesem Jahr hat sich noch kaum ein Star auf den Anbauflächen der Agrargesellschaft blicken lassen. „Die Drohne mussten wir bislang nicht einsetzen”, sagt ein Mitarbeiter auf Nordkurier-Nachfrage. Hat es also innerhalb eines Jahres einen dramatischen Rückgang der Star-Population gegeben? "Ich würde jetzt nicht in Panik verfallen", sagt Nabu-Mitarbeiter Bähker dem Nordkurier. Es könne viele Gründe dafür geben, dass noch keine Stare auf den Kirsch-Bäumen sitzen.

Über Jahrzehnte hinweg betrachtet sei zwar ein Rückgang der Population nachweisbar. Doch das Angebot an Nahrung als einzige Ursache zu betrachten sei "nicht seriös". Zudem sei es möglich, dass das Vorkommen der Stare "kleinräumig betrachtet sehr unterschiedlich ausfällt", so Bähker. Warum nach dem Star-Sommer im vergangenen Jahr jetzt die Vögel kaum zu sehen sind, bleibt auch für ihn vorerst ein Rätsel.