:

Strandkorbsprint-WM auf Usedom

Die Strandkorbsprint-WM ist der Höhepunkt des alljährlichen Winterstrandkorbfestes.
Stefan Sauer

Der Silvester-Kater ist verflogen, da startet die Insel Usedom mit der Strandkorbsprint-WM in die Badesaison 2015. Beim Schleppen der Strandmöbel fließt der Schweiß und gerät das Blut in Wallung.

Sie heißen "Hauptstadtexpress" oder "Schneggen" und wühlen sich mit schwerem Gepäck bei Temperaturen um den Gefrierpunkt durch den Sandstrand auf Usedom. Am Samstag (14.00 Uhr) kämpfen 14 Zweierteams am Ostseestrand von Zinnowitz um den Titel "Strandkorbsprint-Weltmeister 2015". Die Bedingungen seien in diesem Jahr nicht rekordverdächtig, mutmaßt Initiator Mayk Borchardt und schiebt die Begründung gleich nach: "Zu tiefes Geläuf." Bei halbwinterlichen Temperaturen um den Nullpunkt sei der Sandstrand zwar am Morgen noch fest, doch nach ein paar Probeläufen ist er aufgebrochen, weich und tief – fast wie im Sommer.

Überhaupt schwingt beim Anblick des weiß-blau bestofften Strandmöbels die Sehnsucht nach Sommer und Cocktail-Feeling mit. Weil die wärmende Sonne im Winter fehlt, muss jetzt der Strandkorb als Wärmespender her, wird als Sportgerät umfunktioniert und bringt so das Blut in Wallung und echte Kerle wie auch Frauen ins Schwitzen.

Nach den Trainingsläufen am Freitag startet am Nachmittag das Finale im Strandkorbschleppen, bei dem ein 60 Kilogramm schwerer Strandkorb im Sandstrand über eine Strecke von 20 Meter gehievt werden muss. Der Rekord aus den Vorjahren liegt bei 4,91 Sekunden.

Der Spaß hat kaufmännisches Kalkül

Inspiriert hatte die Usedomer Strandkorb-Fans einst Stefan Raabs Wok-WM. Man habe etwas gesucht, was Spaß mache, zur Insel passe und im Winter auch zur Saisonverlängerung beitrage, sagt Gründer Borchardt. Während beim Spaßonkel von Pro Sieben sportlich mehr oder weniger ambitionierte Prominente eine Bob-Bahn in Chinapfannen runterrutschen, ist das Strandkorb-Wettrennen ein Gaudi mit weit geringerem Verletzungsrisiko. Bislang habe sich weder jemand den schwergewichtigen Strandkorb auf den Fuß gestellt, noch seien Bandscheiben zu Schaden gekommen, sagt Borchardt. 2007 wurde auf Usedom die erste "Weltmeisterschaft" im Strandkorbschleppen ausgetragen – eingebettet in einem dreitägigen Winterstrandkorbfest.

Der launige Spaß hat durchaus kaufmännisches Kalkül: Für den Tourismus auf der Insel Usedom, auf der 80 Prozent der Bevölkerung direkt oder indirekt in der Branche arbeiten, sind Veranstaltungen wie diese oder das Eisbadespektakel mehr als ein Glühwein-Gaudi. Die Tourismuszahlen im Winter seien durch diese Events und qualitativ hochwertige Wellness-Angebote kontinuierlich gewachsen, sagte Sandra Grüning von der Usedom Tourismus GmbH. Wachstum ist auf der Insel mit jährlich 4,9 Millionen Übernachtungen im Sommer kaum noch möglich.

Im Winter kommen Kurzurlauber auf die Insel

"Der Winter ist eine Jahreszeit, in der der Urlauber die Natur unmittelbarer erleben kann und sie ihm an manchen Punkten auch ganz allein gehört", sagt die Kurdirektorin von Zinnowitz, Monika Schillinger. Staus auf Straßen oder übervolle Strände wie im Sommer gibt es dann nicht.

Immer mehr Großstädter zieht es zu einer winterlichen Auszeit in das Ostseebad. Kamen im Januar 2004 rund 2200 Gäste nach Zinnowitz, waren es im Januar 2014 mit 6800 mehr als Dreifache, sagt Schillinger. Inselweit zählten die Touristiker im Januar des Vorjahres rund 35 000 Gäste – ein Fünftel dessen, was sich in den Sommermonaten auf Usedom tummelt.

Eines haben die Touristiker ebenfalls festgestellt. Die Winterurlauber kommen vor allem zu verlängerten Wochenenden auf die Insel. "Der Winter ist die typische Reisezeit für einen Kurzurlaub", sagt Touristikerin Sandra Grüning. Besonders Großstädter aus Berlin, Sachsen, Brandenburg oder Hamburg zieht es dann zu Strandspaziergängen, Sauna und abendlichem Spitzendinner auf die Insel.