AUSBAU AUF NORD- UND OSTSEE

Strategie für Offshore-Windenergie bis 2030 soll im Sommer stehen

Die Windenergie auf Nord- und Ostsee hat sich zu einem bedeutenden Energieträger entwickelt. Nun wird festgelegt, wie der Ausbau weitergehen soll – mit einigen Unwägbarkeiten.
dpa
Beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg laufen die Planungen für die weitere Entwicklung der Windenergie auf See auf Hochtouren.
Beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg laufen die Planungen für die weitere Entwicklung der Windenergie auf See auf Hochtouren. Ingo Wagner
Hamburg.

Beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg laufen die Planungen für die weitere Entwicklung der Windenergie auf See auf Hochtouren. Am Donnerstag berieten Wirtschaftsverbände, Umweltschützer und andere Interessierte über den ersten Flächenentwicklungsplan (FEP) für die Windenergie auf Nord- und Ostsee. Bis zum 30. Juni soll der Plan fertig sein und festlegen, wo auf dem Meer sich künftig Windräder drehen werden. Im Rahmen des Verfahrens waren 26 Stellungnahmen eingegangen.

Die Offshore-Windenergie ist in Deutschland eine Erfolgsgeschichte, zumindest technisch. In nur wenigen Jahren errichteten Energieversorger mehr als 1300 Windräder auf See mit einer Kapazität von 6,4 Gigawatt, das entspricht ungefähr sieben großen Kohle- oder Atomkraftwerken. Sie speisten im vergangenen Jahr 18,8 Terawattstunden Strom ins Netz, das bedeutet einen Anteil von 3,5 Prozent an der öffentlichen Stromversorgung. Für die Branche entstand eine eigene Struktur von Projektbüros, Herstellern, Zulieferern, Dienstleistern und Versorgern, die den Betrieb der Anlagen sicherstellen. Sie beschäftigt rund 18.000 Menschen. In einigen Jahren könnten es 30.000 Arbeitnehmer sein, bei einer Wertschöpfung von rund 22 Milliarden Euro jährlich.

Kosten für Verbraucher

Auf der anderen Seite stehen hohe Kosten, die von den Verbrauchern über die Strompreise aufgebracht werden müssen. Die Windkraft aus dem Meer wird bei den jetzt laufenden Anlagen mit bis zu 19,4 Cent je Kilowattstunde gefördert. Den Stromkunden in Deutschland hat das die zweithöchsten Preise in Europa eingebracht. Rund ein Viertel des Strompreises entfällt auf die EEG-Umlage, mit der erneuerbare Energien gefördert werden. Doch der Strom aus dem Meer wird zunehmend billiger: Die Anlagen werden immer größer, leistungsfähiger und effektiver und kommen bei Zukunftsprojekten teilweise schon ohne öffentliche Förderung aus.

Das BSH als Behörde richtet sich nach politischen Vorgaben. „Wir gehen bei den Planungen von 10,8 Gigawatt installierter Leistung Ende 2025 aus, davon 1,8 Gigawatt in der Ostsee”, berichtet Kai Trümpler, Chefplaner im Bundesamt. Und bis 2030 sollen es dann 15 Gigawatt sein. Der Entwicklungsplan legt fest, wo die nächste Generation Windräder gebaut wird. Und das ist nicht so einfach, denn die Nordsee ist durchzogen von unsichtbaren Grenzen. Sie markieren Schifffahrtsstraßen, Energie- und Kommunikationsleitungen, Naturschutzgebiete und Übungsflächen der Luftwaffe. „Ein Großteil der Nordsee ist für unsere Planungen tabu”, sagt Trümpler.

Neue Flächen für Windparks

Dementsprechend liegen die neuen Flächen für Windparks überwiegend dort, wo schon Windräder stehen und Anschlussmöglichkeiten an Konverterstationen gegeben sind, um den Strom an Land zu transportieren. Das BSH hat Flächen nördlich der ostfriesischen Inseln Juist und Borkum ausgewiesen, sowie noch weiter nordwestlich davon, sehr weit draußen auf See. „Wir planen die Netzentwicklung und den Aufbau der Windparks zusammen”», sagt Trümpler. Das hat es vorher so noch nicht gegeben; es ist der erste Flächenentwicklungsplan dieser Art. Durch 19 Leitungen in der Nordsee und zehn in der Ostsee soll der Strom zum Verbraucher fließen.

Bei der Industrie findet die Planung im Großen und Ganzen Zustimmung, wenn auch nicht in jedem Detail. Die Unternehmen begrüßen vor allem, dass für höhere Ausbauziele als 15 Gigawatt bis 2030 bereits Planungen vorliegen, für 20 oder rund 23 Gigawatt. Die Flächen dafür wären vorhanden. Die Interessenverbände machen sich gemeinsam mit den norddeutschen Bundesländern seit langem dafür stark, die Ausbauziele für die Offshore-Windenergie heraufzusetzen. Nur so lasse sich das Ziel des Koalitionsvertrags erreichen, 65 Prozent des Stroms aus erneuerbarer Energie zu erzeugen. „Das wird nicht ohne eine deutliche Änderung des Offshore-Mengengerüsts gehen”, heißt es in der Stellungnahme der Verbände.

Naturschützer gegen neue Flächen in Ostsee

Ganz andere Sorgen haben die Naturschützer. Sie möchten in der Ostsee, wo etwa ein Zehntel der deutschen Offshore-Windkraftanlagen steht, am liebsten gar keine neuen Flächen mehr ausweisen. „Wir bewerten den Bau weiterer Offshore-Windparks in der Ostsee als nicht naturverträglich, wegen der geringen Größe dieses Meeres und bereits bestehenden starken Belastungen anderer Nutzungen”, erklärt der Naturschutzbund Nabu. Zusammen mit den Projekten in schwedischen Gewässern entstehe in der Ostsee ein nahezu geschlossener Riegel von Windparks auf einer wichtigen Route des Vogelzugs.

Hoch umstritten ist auch eine Fläche westlich der Insel Sylt, nahe der schon bestehenden Windparks Dan Tysk und Sandbank. Hier leben seltene Seetaucher und genießen auch Schutzstatus. Doch offenbar machen sie um Windräder einen riesigen Bogen von 16 Kilometern. Die fragliche Fläche ist auch noch nicht ausgewiesen, sondern wird vom Amt überprüft.

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