Ein Fischer von Hiddensee machte im Januar den Fang seines Lebens. Beim Anlanden auf Rügen wurde er gefilmt.
Ein Fischer von Hiddensee machte im Januar den Fang seines Lebens. Beim Anlanden auf Rügen wurde er gefilmt. ZVG
Als sich dieser Fischer mit seinem Mega-Fang filmen ließ, ahnte er nicht, was das für Folgen hat.
Als sich dieser Fischer mit seinem Mega-Fang filmen ließ, ahnte er nicht, was das für Folgen hat.
Auf Rügen und Hiddensee eskaliert der Streit um Hechte.
Auf Rügen und Hiddensee eskaliert der Streit um Hechte. Archiv/Daniel Gunter
Auf Rügen und Hiddensee ist ein Streit um Hechte eskaliert.
Auf Rügen und Hiddensee ist ein Streit um Hechte eskaliert. Herbert Frei
Angler gegen Fischer

Streit um Boddenhechte vor Rügen eskaliert

Ein Fischer von Hiddensee machte den Fang seines Lebens und wurde beim Anlanden gefilmt. Er ahnte nicht, was das für Folgen hat. Er und seine Kollegen sind Drohungen und tätlichen Attacken ausgesetzt.
Schaprode

Der Konflikt zwischen Berufsfischern und Freizeitanglern rund um Rügen und Hiddensee ist eskaliert. Ausgelöst durch einen Bericht in sogenannten sozialen Netzwerken im Januar sehen sich die Fischer verbalen Anfeindungen, Drohungen und sogar tätlichen Attacken ausgesetzt.

„Ein Fischer von der Insel Hiddensee ist bedroht worden, einem anderen wurde Altöl ins Boot geschüttet”, teilte Fischerei- und Umweltminister Till Backhaus am Donnerstag mit. „Der Landesanglerverband und der Verband der Küsten- und Kutterfischer verurteilen diese Verrohung in dem Konflikt, den man längst gemeinsam mit der Politik zu lösen versucht. Ich rufe dazu auf, sich nicht durch Polemik aus dem Internet aufstacheln zu lassen.”

Fischereiminister spricht von „skandalösen” Zuständen

Was sich derzeit zwischen Greifswald und Hiddensee abspielt, sei „skandalös”. „Sachbeschädigung oder die Androhung von Gewalt sind keine Kavaliersdelikte und auf keinen Fall hinnehmbar. Angestachelt wurden diese Taten offenbar durch Halbwahrheiten, die in den gar nicht so sozialen Medien verbreitet wurden. Die sind offensichtlich zu einer Geißel der Zeit geworden.”

Aktuell nehme die Berufsfischereiaktivitäten auf den Boddenhecht wieder zu, nachdem sie jahrelang stark rückläufig gewesen sei. Neben den Berufsfischern würden aber auch Angler und Kormorane die Bestände dezimieren. „Es hat sich deutschlandweit herum­gesprochen, dass hier die größten Hechte zu fangen sind, was viele Angelfreunde nach Rügen gelockt hat. Spekulationen über abnehmende Hechtfänge sind uns seit einigen Jahren bekannt”, so Till Backhaus.

Wissenschaftler schauen sich die Hechte genauer an

Um gesicherte Erkenntnisse zu erlangen, wie es um die Bestände tatsächlich stehe, schaue sich das Leibniz- Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei Berlin (IGB) die Hechte derzeit genauer an – entlang der ganzen Küste von der Darßer Boddenkette über die Rügenschen Gewässer bis zu Peenestrom und Stettiner Haff. Die Ergebnisse dieser Untersuchung seien die Grundlage für ein „nachhaltiges Bestandsmanagement”.

Seit 2019 arbeite ein das Team um Prof. Dr. Robert Arlinghaus hieran und binde dabei Freizeit- und Berufsfischer sowie deren Verbände im Land ein. Im Jahr 2024 solle dann eine geänderte Küstenfischereiverordnung in Kraft treten. „Wenn das Land hierfür rund 1,5 Millionen Euro einsetzt, so ist das aus meiner Sicht gut angelegtes Geld. Denn wir wissen ja auch, wie viel an zusätzlichen Einnahmen aus einem effektiven Hechtbestandsmanagement bereits über die angel­touristische Schiene erwachsen kann”, erklärt der Fischereiminister.

Der Landesanglerverband habe sich gegenüber dem Ministerium von den Vorkommnissen an den Boddengewässern distanziert und verurteile „die Handlungsweisen von Straftätern aufs Schärfste”. Der Verband betonte die jahrzehntelange gute Zusammenarbeit mit den Berufsfischern. Im Boddenhecht-Projekt wirkten in einer eigens gegründeten Arbeitsgruppe Angler, Fischer, Naturschützer, Fischereiverwaltung und Wissenschaftler eng zusammen, um dem Zustand des Hechtbestandes im Bodden sowie der sinnvollen Bewirtschaftung mit Fakten auf den Grund zu gehen und abgestimmte Empfehlungen zu geben. Die vom IGB geleitete Arbeitsgruppe suche noch engagierte Hechtfischer, die ihr Wissen einbringen wollen, denn erste Ergebnisse der Forscher zeigen in der Tat, dass aktuell der Boddenhechtbestand stellenweise rückläufig ist.

Anglerverband ist bestürzt

Der Landesverband der Kutter- und Küstenfischer habe gegenüber dem Ministerium ebenfalls mit Bestürzung auf die Vorgänge auf Hiddensee und bei Greifswald reagiert. In einem Schreiben an das Fischereiministerium versichert die Verbandsvorsitzende, Ilona Schreiber, der Verband werde auch weiterhin die langjährige und effektive Zusammenarbeit mit dem Landesanglerverband fortsetzen. So ein Ereignis werde keinen Einfluss auf die festgelegten gemeinsamen Ziele haben.

Der wissenschaftliche Leiter des Projektes „Boddenhecht“ Prof. Dr. Arlinghaus bittet unterdessen die Anglerschaft, darunter insbesondere die einheimischen Anglerinnen und Angler, sich in möglichst großer Zahl an einer laufenden Umfrage zu beteiligen, um so die Sichtweise der Angler in einer strukturierten Form in das Projekt einfließen zu lassen. Die Teilnahme an der Umfrage ist über den Link https://www.imug-research.de/Boddenhecht/ jederzeit möglich. „Unter den Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmern werden Gutscheine und Angelgeräte als kleines Dankeschön für die zusätzlichen Bemühungen verlost. Daneben seien jegliche Rückmeldungen an das Projekt über im Küstenmeer des Landes gefangene markierte Hechten jederzeit sehr willkommen unter www.boddenhecht-forschung.de und für uns Wissenschaftler sehr wichtig“, so Professor Arlinghaus.

Ein Hiddenseer Fischer hatte vor Rügen zu Jahresbeginn eine größere Menge Hechte gefangen. „Der Fang meines Lebens”, hatte er dem Nordkurier gesagt. Beim Anlanden wurde er mit einem Handy gefilmt. Das Video gelangte ins Internet, wo sich innerhalb kürzester Zeit ein sogenannter Shitstorm, eine Hetzkampagne verselbständigte.

zur Homepage