HOCHSCHULE NEUBRANDENBURG

Studentin erhebt schwere Vorwürfe nach Abschiebung in Ukraine

Im Mai sind zwei Studentinnen kurz vor ihren Abschlussprüfungen in die Ukraine abgeschoben wurden. Eine der Frauen erhebt nun schwere Vorwürfe: Die Rede ist von Zwangsmedikation und von Ärzten ignorierten Selbstmordabsichten.
Miroslava und Jurij Uglov bei der Abiturfeier ihres Sohnes Daniil.
Miroslava und Jurij Uglov bei der Abiturfeier ihres Sohnes Daniil. Privat
An der Hochschule Neubrandenburg fand nach der Abschiebung eine Mahnwache mit rund 100 Teilnehmern statt.
An der Hochschule Neubrandenburg fand nach der Abschiebung eine Mahnwache mit rund 100 Teilnehmern statt. Carsten Korfmacher
Neubrandenburg.

Der Fall der beiden Studentinnen der Hochschule Neubrandenburg, die im Mai in die Ukraine abgeschoben wurden, schlägt weiter hohe Wellen. In den Wochen danach hielten sich hartnäckig Gerüchte, dass es bei der Abschiebung nicht mit rechten Dingen zugegangen sein soll. Nachdem bereits eine der abgeschobenen Personen, Hanna Lukianenko, dem Nordkurier aus der Ukraine von ihrem Schicksal berichtete, meldete sich nun auch die zweite Studentin zu Wort – sie berichtet detailliert über die Einzelheiten ihrer Abschiebung.

„Um drei Uhr morgens klingelte es an der Tür”, erzählt Miroslawa Uglova. Schlaftrunken und nur in einem Bademantel bekleidet öffnete die 44-Jährige die Tür, worauf acht Polizeibeamte in kugelsicheren Westen, ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde und ein Arzt die Wohnung betraten. Uglova wollte ihren 19-jährigen Sohn Daniil anrufen, der 2018 sein Abitur in Neubrandenburg machte und seitdem nicht mehr in der Wohnung der Eltern wohnt. Doch die Polizisten untersagten ihr diesen Anruf.

„Sie sagten, ich solle ihnen das Handy geben, ich lehnte ab. Ich steckte das Handy in meine Manteltasche. Dann stahlen sie das Handy aus der Tasche des Morgenmantels, als ich ihn beim Umziehen auszog”. Die Polizisten hätten das Telefon ebenso wie das ihres Mannes Jurij Uglov, der bis zur Abschiebung eine Tischlerlehre in Neubrandenburg absolvierte, ohne ihr Wissen in den gepackten Koffern verstaut. Erst nach ihrer Ankunft in der ukrainischen Hauptstadt Kiew hätten sie ihre Handys wiedergefunden.

Bomben und Beschuss in der Ostukraine

Innerhalb von rund 20 Minuten sollte das Ehepaar nach eigenen Angaben ihre Koffer packen, dann seien sie in einem Bus zur Polizeiinspektion Neubrandenburg gebracht worden. Dort, so Uglova, mussten sie drei Stunden warten, während sich der Bus langsam mit anderen Personen füllte, die ebenfalls abgeschoben werden sollten. Nach drei Stunden setzte der Bus seine Fahrt zum Flughafen fort. „In Berlin habe ich versucht, etwas zu tun, ich fing an laut zu weinen und zu sagen, dass wir sehr integriert sind und ich krank und nicht transportfähig bin”, erzählt Miroslawa Uglova.

Ihre Krankheit geht auf ihre Erlebnisse in der Ostukraine zurück, berichtet sie. In ihrer Heimatstadt Donezk erlebte sie Bombeneinschläge und Schusswechsel auf offener Straße, seitdem leidet sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) nahm diese Umstände in einer persönlichen Anhörung im Oktober 2016 zu Protokoll: „Außer den allgemeinen schlechten Umständen in Folge des bewaffneten Konfliktes und den Bomben sowie Beschüssen sei den Antragstellern in Donezk nichts passiert”. Trotzdem lehnte das Bamf die Asylanträge der Uglovs im Januar 2017 ab.

Mehrere Ärzte diagnostizieren Selbstmordabsichten

Danach versuchte Miroslawa Uglova sich das Leben zu nehmen, sie lag zwei Monate im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Krankenhauses bescheinigte Miroslawa Uglova daraufhin, dass eine „unfreiwillige Rückkehr in die Ukraine mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Retraumatisierung” führen würde. „Suizidhandlungen wären zu erwarten”. In einem anderen Attest bestätigt Uglovas ambulante Psychotherapeutin, dass nach einer „Abschiebung in die Ukraine” mit einer „Destabilisierung mit Suizidalität” zu rechnen sei.

Selbst das Gesundheitsamt des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte kam im November 2018 nach intensiver Prüfung zu dem Schluss, dass eine Rückführung „nicht angestrebt werden” solle, da Miroslawa Uglova aufgrund von „schweren Depressionen und einer durch die Kriegserlebnisse bedingten posttraumatischen Belastungsstörung” selbstmordgefährdet sei. All diese Atteste liegen dem Nordkurier vor.

Nun steht die Frage im Raum, ob eine Abschiebung unter diesen Bedingungen überhaupt rechtens war. Aus datenschutzrechtlichen Gründen wollte sich der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, dem diese Informationen bekannt sind, nicht zu diesem Sachverhalt äußern, wies aber darauf hin, dass Abschiebungen generell durch das Bamf angeordnet und nicht lokal beschieden werden.

Bekamen Abgeschobene zwangsweise Medikamente?

Die weiteren Vorwürfe, die Miroslawa Uglova nun gegenüber den Behörden erhebt, wiegen vor dem Hintergrund ihres Gesundheitszustandes um so schwerer: Sie sei bei der Abschiebung zwangsmedikamentiert worden, zudem hätten die Ärzte sie für die Abschiebung gesundgeschrieben, obwohl sie Selbstmordgedanken äußerte.

„Sie fingen an, mir Tabletten zu geben. Sie übten psychischen Druck auf mich aus”, berichtet Uglova. Die Tabletten, die sie zwangsweise habe nehmen müssen, hätten ihr das Gefühl gegeben, betrunken zu sein. Dem Arzt sagte Uglova, dass sie sich „schlecht fühle” und „Selbstmordgedanken” habe. Doch das änderte nichts an der Situation: „Danach bekam ich ein Papier, dass ich gesund bin”. Gemeinsam mit ihrem Mann und rund 30 bis 40 weiteren Personen wurde Miroslawa Uglova in die Ukraine abgeschoben.

Der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte widerspricht dieser Darstellung. Nach Angaben der „anwesenden Sachbearbeiter der Ausländerbehörde” seien „die Handys den Betroffenen nicht abgenommen” worden, schreibt der zweite stellvertretende Landrat Thomas Müller in einer Antwort auf eine Anfrage der grünen Kreistagsabgeordneten Jutta Wegner und Werner Freigang. Laut Müller habe die zweite abgeschobene Studentin, Hanna Lukianenko, sogar ihre Rechtsanwältin anrufen können, die noch einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht Greifwald stellte.

Familie in der Ukraine, Sohn in Deutschland

Auch lägen keine „Erkenntnisse, dass während der Maßnahme gegen den Willen der Betroffenen Medikamente verabreicht wurden”, vor. Nach Angaben des Landesamtes für innere Verwaltung MV, das für die Organisation der Abschiebung verantwortlich ist, „verlief die Zuführung zum Flughafen ohne besondere Vorkommnisse”.

Wie es nun weitergeht, ist offen. Miroslawa Uglova und ihr Ehemann haben eine 30-monatige Einreisesperre für den Schengenraum bekommen, dürfen also weite Teil der EU nicht mehr betreten. Ihren Sohn Daniil, der unterdessen in Berlin eine Ausbildung zum Mediatechniker begann, haben die beiden seit ihrer Abschiebung nicht mehr gesehen.

Daniil hat mittlerweile eine Aufenthaltserlaubnis, möchte gerne an der Filmhochschule Babelsberg studieren und Regisseur werden. Wann er seine Eltern wiedersehen wird, ist ungewiss. Mitstudenten der Hochschule Neubrandenburg haben eine Online-Petition gestartet, in der sie die Behörden auffordern, die Abschiebefälle Lukianenko und Uglova noch einmal zu überprüfen und die Einreisesperre von 30 Monaten aufzuheben. Sie wurde von rund 3300 Personen unterzeichnet und soll noch bis Ende des Monats laufen.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

Kommende Events in Neubrandenburg

zur Homepage

Kommentare (5)

"... während sich der Bus langsam mit anderen Personen füllte, die ebenfalls abgeschoben werden wollten." Wenn alle abgeschoben werden wollten, ist doch alles super abgelaufen. Es sollten noch viel mehr unserer Gäste aus sicheren Herkunftsländern so etwas wollen!

Jetzt sollten Sie.
Mir wird auch nie für das Korrekturlesen gedankt...

Hier hat der Staat Recht gesprochen und wer sich gegen den Staat stellt wird kalt gestellt. So ist die Demokeatie und wer damit nicht umgehen kann sollte bleiben wo der Pfeffer wächst!

die Heimat zu verbessern - nicht zu vergessen - die derzeitige pol. Leitkultur - Verfallsdatum ist ebenfalls ueberschritten

gegen die Abschiebung und die Ärzte usw.. Was sie aber verschweigt und der Nordkurier aber auch nicht erwähnt ist der Fakt, das die zuständige Behörde ihrem Antrag abgelehnt hat und sie zur freiwilligen Ausreise aufgefordert hat. Dieser Aufforderung hat sie nicht folge geleistet. Eine Abschiebung durch die Polizei im Rahmen der Amtshilfe/Vollzugshilfe ist das Ultima Ratio am Ende des Verfahrens. Wenn der Arzt auf die angesprochene Suizidabsicht nicht weiter einging, dann hat er wohl keine medizinische Indikation gesehen und es muss daher unterstellt werden, das dies nur eine vorgeschobene Behauptung sein wird um die drohende Abschiebung dennoch zu verhindern.
Also viel Wind um nix.