FRAUENTAG

Syrerinnen in Rostock brauchen ein dickes Fell

Sie sind geflüchtet vor Krieg und Zerstörung: Syrische Frauen versuchen, auf dem Arbeitsmarkt in Rostock Fuß zu fassen. Aber trotz guter Ausbildung und Motivation ist das schwer.
dpa
Lina Alhosen (links), Frauenärztin aus dem syrischen Homs und seit 2015 in Deutschland, bespricht sich mit Hend Aldamen im Verein „Migra”.
Lina Alhosen (links), Frauenärztin aus dem syrischen Homs und seit 2015 in Deutschland, bespricht sich mit Hend Aldamen im Verein „Migra”. Bernd Wüstneck
Rostock.

„Ich möchte arbeiten, wir wollen alle arbeiten.” Die 36-jährige Lina Alhosen spricht für sich und viele andere Flüchtlingsfrauen, die teils seit mehreren Jahren in Rostock leben. 2015 war die aus dem syrischen Homs stammende Frauenärztin mit ihrem Mann und den zwei Söhnen vor dem Kriegsgrauen geflüchtet und hat in Rostock Zuflucht gefunden.

Doch im Gegensatz zu ihrem Ehemann, der als Arzt in Stralsund eine Stelle gefunden hat, wartet sie auf die Zulassung und belegt zusätzliche Kurse. In Kürze folge die Prüfung, dann hofft sie, endlich in ihrem Beruf arbeiten zu dürfen. Klar sei für sie und andere Frauen: „Es ist doch keine Lösung, vom deutschen Staat oder dem Jobcenter unterstützt zu werden.”

Zerstörte Heimat

„Man muss zuversichtlich sein”, bekräftigt Alhosen. Dabei ist die Umstellung vom Nahen Osten auf Mitteleuropa mit vielen Problemen verbunden. Sie hofft, dass am Internationalen Frauentag auch auf das Schicksal der Frauen aufmerksam gemacht wird, die sich ernsthaft um gute und qualifizierte Arbeit bemühen und doch mit leeren Händen dastehen. So kommen bei Lina Alhosen wie bei vielen anderen Flüchtlingen oft das Gefühl von Heimweh und die Trauer um die verlorene und zerstörte Heimat auf.

Wie andere Syrer wird die fließend deutschsprechende Alhosen im Bemühen um Integration vom Rostocker Verein Migra unterstützt. „Ohne die deutsche Sprache geht nichts”, betont Beraterin Hend Aldamen. Inzwischen gebe es jedoch genügend Unterrichtsmöglichkeiten. „Aber für viele Deutsche, auch für Arbeitgeber, ist das Kopftuch weiter ein großes Problem”, berichtet sie. Einen echten Grund dafür gebe es nicht. „Die Frauen müssen viel Geduld aufbringen.”

Umgang der Gesellschaft mit Flüchtlingen

Ein großer Teil Aldamens Aufgabe beim Integrationsfachdienst Migration bestehe darin, die Motivation der Frauen zu erhalten. Dies geschehe unter dem Eindruck, dass die meisten nur eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis haben, die immer wieder verlängert werden muss. Sie wisse um die Probleme der Gesellschaft im Umgang mit den Flüchtlingen. „Aber es hilft nichts: Man muss nach vorne schauen”, betont Aldamen. Die Frauen müssten zeigen, dass sie gut sind.

Auch die Friseurin und Kosmetikerin Leinda Alhussin (40) sucht Arbeit. Gerade habe sie eine Stelle aufgegeben, weil es kaum Bezahlung gab, berichtet sie. Im heftig umkämpften nordsyrischen Rakka hätten sie, ihr Mann und die Kinder alles aufgegeben. Es ging ihnen gut damals, doch der Krieg nahm ihnen die Existenzgrundlage. Wie für Lina Alhosen stand die Sorge um die Zukunft der Kinder an erster Stelle, als sie sich entschlossen, ihre Heimat zu verlassen.

Für ihre Familie sei die Situation schwer, sie lebt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Die deutsche Sprache geht Leinda nicht so leicht über die Lippen. Weil die Friseurausbildung in Syrien so gänzlich anders ist, ist es schwierig auf dem Arbeitsmarkt. Trotzdem träume sie davon, eines Tages einen Kosmetiksalon aufmachen zu können.

Erfahrung fehlt

„Diese Frauen haben eine extrem große Arbeitsmotivation”, bestätigt Claudia Kajatin vom Landesfrauenrat. „Aber sie brauchen angesichts der Bedingungen ein total dickes Fell.” Und vielen von ihnen fehle die Erfahrung im Arbeitsalltag. Ein zusätzliches Problem sei oft – wie bei deutschen Frauen – die Kinderbetreuung. Der soziale Hintergrund in den Herkunftsländern führe dazu, dass die Männer im Arbeitsalltag Fuß fassen und die Familie den Frauen überlassen.

Von den Schwierigkeiten des Fußfassens auf dem Arbeitsmarkt kann auch die 42-jährige Rania Almasri berichten. Sie hat sich 2015 auf den langen, gefährlichen Weg über das Mittelmeer gemacht, um dem Krieg zu entkommen, das Haus war zerstört.

Doch die syrischen Zeugnisse als Englischlehrerin, gepaart mit ihren Erfahrungen im Umgang mit autistischen Kindern, wurden nicht anerkannt. So macht die Palästinenserin aus Damaskus und zweifache Mutter eine Ausbildung als Erzieherin. Es mache das Leben in der deutschen Gesellschaft für sie einfacher, dass sie kein Kopftuch trägt.

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