Gescheitert? Befördert? Nach nur drei Jahren als Rostocker Oberbürgermeister wechselt Claus Ruhe Madsen in das schwa
Gescheitert? Befördert? Nach nur drei Jahren als Rostocker Oberbürgermeister wechselt Claus Ruhe Madsen in das schwarz-grüne Landeskabinett nach Schleswig-Holstein. Jens Büttner
Von Rostock nach Kiel

Talkshow-Liebling Madsen auf neuer „Mission” als Wirtschaftsminister

Zu Beginn der Corona-Pandemie galt Rostocks Claus Ruhe Madsen als Vorzeige-Bürgermeister mit den niedrigsten Inzidenzwerten. Während Corona noch da ist, ist der Däne in der Hansestadt Geschichte.
Rostock

Rückblende, 23. April 2020: Die Hansestadt Rostock feuert eigens eine Pressemitteilung in die nahe und ferne Welt, in der Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen stolz verkündet, dass Mecklenburg-Vorpommerns einwohnerstärkste Stadt coronafrei ist – „vielleicht sogar als einzige Großstadt Deutschlands“, ergänzte seinerzeit der parteilose Rathauschef.

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Gleich in seinem ersten Jahr als Rostocker Stadtoberhaupt durfte der heute 49-Jährige seine Lieblingsrolle spielen – als Stammgast in den Talkshows der Republik. Ob bei „Lanz“, „Hart aber fair“, „Anne Will“ oder „Maybrit Illner“ – Madsen war ein begehrter Gesprächspartner und absolvierte den Ritt durch die Medienlandschaft sichtlich genüsslich. Überall durfte der gebürtige Däne sein Erfolgsrezept erklären.

Doch ein Jahr später war Madsens Corona-Strategie, die in der Anfangsphase vor allem auch anlassloses Testen beinhaltete, entzaubert – plötzlich war Madsen in den Corona-Statistiken Schlusslicht und hatte die höchsten Inzidenzen. Das Coronavirus interessierte sich nicht für Talkshows – es grassierte einfach durchs Land. Mal schneller, mal langsamer – am Ende erwischte es aber alle Regionen.

Der Glanz Madsens als „brillanter Außenminister” – dies konstatierten ihm selbst seine politischen Kontrahenten –, reichte aber nicht für die oftmals matte und spröde Ebene des täglichen Verwaltungshandelns. Der frühere Unternehmer und dänische Freigeist scheiterte an den verschlungenen Pfaden von Rathaus und Bürokratie.

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Höhepunkt von Madsens Fremdeln mit der deutschen Sacharbeiterkultur war die Absage der Bundesgartenschau 2025 (Buga). Rostock hatte 2018 den Zuschlag für das Großprojekt bekommen, mit dem die Stadtentwicklung vorangetrieben werden sollte. Die Gründe für das Scheitern der Buga waren Madsen zur Last gelegt worden, weil er es nach Ansicht seiner Kritiker nicht geschafft habe, die Verwaltung auf die Buga einzuschwören.

Zuletzt hatte sich auch die Landesregierung gegen ihn gewandt. Der für die Buga zuständige Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) hatte sich öffentlich darüber beklagt, bis zuletzt nicht über Verzögerungen und Kostensteigerungen informiert worden zu sein. Und auch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hatte intern in den vergangenen Wochen mit Unverständnis und Kopfschütteln über die Vorgänge in Rostocks Stadtpolitik reagiert.

Madsens nun übereilter Abgang und sein weiches politisches Fallen in das Amt des Wirtschaftsministers in der schwarz-grünen Koalition in Schleswig-Holstein löste in der Landespolitik ganz unterschiedliche Stimmen und Stimmungen aus.

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„Es überrascht nicht wirklich, dass Madsen nach der Buga-Klatsche einen Wechsel anstrebt. Seine Kritik an den komplizierten Corona-Regeln war richtig – hat ihm aber nicht nur Freunde hier im Bundesland gebracht. So verlässt wieder einmal ein kluger und innovativer Kopf Mecklenburg-Vorpommen”, meinte beispielsweise Nikolaus Kramer, Fraktionschef der AfD im MV-Landtag.

Franz-Robert Liskow, Vorsitzender der CDU-Fraktion, betonte: „Herr Madsen war drei Jahre lang das Gesicht der Stadt Rostock, seine Fernsehauftritte haben der Stadt Rostock zurecht viel Sympathie eingebracht. Als Repräsentant ist Herr Madsen ein Ausnahmetalent, seine Funktion als politische Führungsfigur hat er aber nie ganz ausgefüllt. Angesichts der großen Herausforderungen, vor denen das Wirtschaftsressort steht, liegt viel Arbeit vor ihm. Zumal sein Amtsvorgänger in Kiel große Fußstapfen hinterlässt.”

Liskow spielte dabei auf den bisherigen Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) an. Die Liberalen in Schleswig-Holsten feuerten als Willkommensgruß für Madsen auch gleiche eine politische Breitseite ab. „Es überrascht mich schon, dass das Vermasseln einer Gartenschau für die Übernahme unseres Wirtschafts- und Verkehrsministeriums qualifizieren soll”, sagte Christopher Vogt, Fraktionschef der FDP im Kieler Landtag.

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Bei den Liberalen in MV dagegen ist die Stimmung gegenüber Madsen eher positiv. „Viele Menschen hatten sich in Rostock einen Neustart gewünscht, den wir Freie Demokraten gerne unterstützt haben. Es gab einige Initiativen zur Modernisierung der Hansestadt, wie zum Beispiel im Bereich Smart City, von der man noch lange profitieren wird”, äußerte sich René Domke von der FDP-Fraktion im MV-Landtag. Jetzt müsse es darum gehen, den eingeschlagenen Weg für eine fortschrittliche Verwaltung fortzuführen und einen passenden Nachfolger zu finden.

Auch Eva-Maria Kröger, Landtagsabgeordnete der Linken aus Rostock, blickte nach Madsens politischem Ende in der Hansestadt lieber schnell nach vorne. „Rostock hat nun viele Herausforderungen zu schultern, die nicht auf die lange Bank geschoben werden können. So muss beispielsweise weiter mit der Landesregierung verhandelt werden, welche Projekte nach der Absage der Buga noch realisiert werden können und welche Fördermittel dafür zur Verfügung stehen.” All das dürfte Madsen aber nicht mehr wirklich interessieren. Oder?

In einer persönlichen Erklärung erwähnte Madsen die Buga jedenfalls mit keinem Wort. Stattdessen stellte der selbst ernannte „politische Quereinsteiger” fest, dass er nach intensiver Abwägung Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) zugesagt habe, diese „Mission” anzunehmen. „Mit den Themen Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus sowie dem Bezug zu Dänemark ist dies für mich keine Abkehr von meiner zweiten Heimat Rostock, sondern vielmehr eine Rückkehr zu den Wurzeln, geographisch und inhaltlich”, sagte Madsen.

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