ABRECHNUNGSFIRMA INSOLVENT

Tausende Apotheken stehen vor der Pleite

Die Apotheker-Branche steht nach dem Insolvenzantrag des Rezepte-Abrechners AVP Kopf. Hätte die Politik diese wirtschaftliche Katastrophe verhindern können?
Gute Beratung in Apotheken ist nicht nur in Corona-Zeiten wichtig – doch nun droht unter Deutschlands Apotheken eine Sch
Gute Beratung in Apotheken ist nicht nur in Corona-Zeiten wichtig – doch nun droht unter Deutschlands Apotheken eine Schließungswelle. Kirsten Nijhof
Schwerin.

Nach der Pleite des Düsseldorfer Rechenzentrums AVP könnten nach Ansicht des Branchenverbands Tausende Apotheken in den kommenden Wochen in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Bundesweit ist etwa ein Sechstel der 19 000 Apotheken betroffen, in Mecklenburg-Vorpommern etwa 60 von knapp 400 . Auch in der Uckermark stehen nach Angaben des Landesapothekerverbands einige Apotheken vor dem Abgrund.

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Branchenexperten schätzen, dass die betroffenen Apotheken auf durchschnittlich 120 000 Euro warten, in Mecklenburg-Vorpommern liegt die Erstattungssumme nach Nordkurier-Informationen in Einzelfällen sogar bei bis zu 700 000 Euro. „Apotheken schleusen faktisch extrem viel Geld durch, die Finanzausfälle sind dabei riesig“, erklärt der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes in MV, Axel Pudimat. „Wenn ein Monat in der Abrechnung fehlt, dann ist es so, als wäre der Gewinn von zwei Jahren weg. Das macht den Fall so brisant.“

Hat die Aufsichtsbehörde Bafin versagt?

Seit Bekanntwerden der AVP-Insolvenz stellen Betroffene die Frage, ob all dies nicht hätte verhindert werden können. Grundsätzlich sind Apotheker nicht verpflichtet, ein Abrechnungszentrum zu nutzen. Dennoch seien die Abrechner sinnvolle Einrichtungen: „Es ist für Apotheker nicht praktikabel, einzeln mit jeder der über 100 Krankenkassen abzurechnen“, sagte der Schweriner CDU-Bundestagsabgeordete Dietrich Monstadt dem Nordkurier. Die Zentren fungieren sozusagen als Schnittstelle, um die Zahlungsströme zwischen Apotheken, Krankenhäusern, Medikamenten-Großhändlern und Krankenkassen zu lenken. Sie sind privatwirtschaftliche Unternehmen und werden, ähnlich wie Banken, von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) überwacht.

Genau hier sieht die Linksfraktion im Schweriner Landtag Nachbesserungsbedarf. Man müsse sich die „Bafin endlich zur Brust nehmen“, fordert der gesundheitspolitische Sprecher der Linksfraktion Torsten Koplin. Die Bafin sei wie im Fall Wirecard „wieder einmal zu spät“ gekommen und laufe den Ereignissen nun hinterher. Koplin spricht sich stattdessen dafür aus, die Abrechnungen von einer öffentlich-rechtlichen Stelle abwickeln zu lassen, „schließlich handelt es sich hierbei ja um Treuhänderschaft von Versichertengeldern“.

Staatsanwaltschaft untersucht Insolvenz

Inzwischen untersucht die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft die genauen Hintergründe der AVP-Insolvenz. „Wir ermitteln gegen zwei Beschuldigte wegen Bankrotts“, erklärte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ein Bankrott ist eine betrügerische Überschuldung, bei der Vermögenswerte unterschlagen wurden. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, müssten die Apotheken einen Großteil der ausstehenden Zahlungen wohl abschreiben. Die Apotheker- und Ärztebank, Medikamenten-Großhändler und andere Abrechenzentren haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. So sollen Überbrückungsdarlehen gewährt und Zahlungsverpflichtungen nach hinten verschoben werden. Abrechner Noventi legte ein Hilfsprogramm über 250 Millionen Euro für AVP-Kunden auf.

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Am heutigen Dienstag findet zudem ein Treffen zwischen Wirtschafts- und Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) mit den Spitzen der Apothekerkammer und der Branchenverbände statt, um über schnelle Lösungen auf Landesebene für die betroffenen Apotheken zu diskutieren.

Das Finanzbeben hat beispielsweise schon Spuren in Demmin hinterlassen. Demminer Apotheken bangen um ihre Existenz. 

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