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Tausende Versicherte noch ohne neue Chipkarte

Seit Jahresanfang gilt beim Arzt nur noch die elektronische Gesundheitskarte mit einem Passbild des Versicherten. Das soll vor Missbrauch der Karte schützen. Foto: Bernd Thissen
Seit Jahresanfang gilt beim Arzt nur noch die elektronische Gesundheitskarte mit einem Passbild des Versicherten. Das soll vor Missbrauch der Karte schützen. Foto: Bernd Thissen
Bernd Thissen

Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte war lange angekündigt worden. Die meisten Versicherten haben sich rechtzeitig gekümmert. Alle anderen sollte sich sputen, denn einige Ärzte sind rigoros

Eine Neubrandenburger Praxis für Kinderchirurgie in den ersten Tagen des neuen Jahres: Humpelnd kommt ein junges Mädchen zur Anmeldung, legt ihre Krankenkassenkarte auf den Tisch. Die Empfangsschwester guckt zunächst skeptisch, gibt ihr die Karte dann zurück: „Ohne elektronische Gesundheitskarte keine Behandlung, da kann ich dir leider auch
nicht helfen.“

Glaubt man den Angaben der Krankenkassen im Land, handelt es sich dabei um einen Einzelfall. Die Zahl der Nachzügler sei sehr gering, erklären sie übereinstimmend. „Mehr als 99 Prozent unserer Kunden haben die elektronische Gesundheitskarte“, versicherte Markus Juhls, Sprecher der AOK-Nordost in Mecklenburg-Vorpommern. Dank frühzeitiger Information und eines „breiten Geschäftsstellennetzes“ konnten sich die AOK-Kunden rechtzeitig ihre neue Gesundheitskarte beschaffen. „Deshalb haben wir einen sehr, sehr hohen Versorgungsgrad“, so Juhls. Ganz ähnlich äußerte sich Bernd Schulte, Sprecher der Barmer GEK. „Mit 98,4 Prozent aller Versicherten haben wir fast alle versorgt.“

Die fehlenden 1,6 Prozent erklärte der Kassensprecher mit „einer gewissen Fluktuation“, die es immer gebe. „Verweigerer“ gegenüber der mit einem Lichtbild versehenen elektronischen Gesundheitskarte seien die Ausnahme. Kritische Fragen gebe es ebenfalls nur in Einzelfällen. „Der Nordosten ist nicht unbedingt ein Widerstandsnest“, so Schulte.

Karten-Umstellung ist Sisyphusarbeit

Doch auch wenn der Versorgungsgrad hoch ist: Bei Versichertenzahlen jenseits der 100  000 werden aus einem Prozent schnell Tausende Versicherte. So zählt die AOK-Nordost in den Ländern Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg 440 000 beziehungsweise 560 000 Versicherte. Bei der Barmer GEK sind in MV 245 000 Menschen versichert. Demzufolge sind im Nordosten deutlich mehr als 10  000 Versicherte nicht im Besitz der elektronischen
Gesundheitskarte.

Dennoch: „Die endgültige Umstellung auf die eCard ist bisher in den Brandenburger Arztpraxen geräusch- und problemlos verlaufen. Die Anfragen, die uns dazu von Ärzten und Patienten in den ersten Januartagen erreicht haben, lassen sich an einer Hand abzählen.“ Das erklärte Christian Wehry, Sprecher der  Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg. Seine Kollegin aus Mecklenburg-Vorpommern, Kerstin Alwardt, ergänzte: „Zwar ist die Umstellung für die Kassen eine Sisyphusarbeit, dafür läuft es aber eigentlich ganz gut.“ Ausdrücklich wies Alwardt darauf hin, dass im Notfall ohnehin jeder behandelt werde, mit oder ohne
elektronischer Gesundheitskarte.

Pauschale Ablehung von Patienten nicht vorgesehen

Zuletzt gab es wilde Debatten um die Frage, ob Patienten ohne elektronischen Gesundheitskarte ihre Behandlung künftig privat zahlen müssten. Dazu stellte Karen Stramm, gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion in Schwerin, klar: „Auch in diesem Jahr finanzieren die Gesetzlichen Krankenkassen die Behandlungskosten für ihre Versicherten ohne elektronische Krankenkassenkarte.“ Richtig ist aber auch, dass Patienten ohne elektronische Gesundheitskarte innerhalb von zehn Tagen nach der Behandlung ihre Versicherungsmitgliedschaft belegen müssen, sonst droht die
private Zahlung.

Wer die neue Karte nicht dabei hat, muss auch damit rechnen, seine Medikamente in der Apotheke selbst zu bezahlen. Die Ärzte dürfen bei Vorlage der alten, abgelaufenen Karte ohne Foto Arzneimittel nur noch auf Privatrezept verschreiben. Darauf haben Verbraucherschützer hingewiesen. Der Patient muss das Medikament dann beim Einlösen des Rezepts bar bezahlen und sich das Geld im Anschluss von seiner Krankenkasse zurückerstatten lassen.

Wird nach einer Behandlung die Versicherungsbestätigung wiederum innerhalb des laufenden Quartals nachgereicht, muss der Arzt dem Patienten die privat geleistete Zahlung erstatten. Eine pauschale Ablehnung der Behandlung wegen des Fehlens einer elektronischen Gesundheitskarte ist demnach nicht vorgesehen. Patienten können sich übergangsweise auch eine vorläufige Gesundheitskarte von ihrer Krankenkasse ausstellen lassen.