Ein altes Gutshaus auf dem Land: Für viele Menschen ist es ein Traum, sie wieder aufzubauen. Manche erleben dabei einen A
Ein altes Gutshaus auf dem Land: Für viele Menschen ist es ein Traum, sie wieder aufzubauen. Manche erleben dabei einen Albtraum. (Symbolbild) Patrick Pleul
Zugezogen nach MV

„Verpiss dich, Wessischlampe!” – Ausgrenzung auf dem Dorf

Eine Süddeutsche lebt seit 17 Jahren in Vorpommern und will hier nicht mehr weg. Sie musste viel Ausgrenzung ertragen und ist stolz, durchgehalten zu haben.
Vorpommern

Johanna Walz* liebt die Weite Vorpommerns. Ursprünglich kommt sie aus Süddeutschland, doch dass es hier oben keine Berge gibt, passt ihr ganz gut. So kann sie besser Fahrrad fahren und die Umgebung genießen. Außerdem geht sie gern ins Theater, nach Greifswald, Usedom oder Neubrandenburg und zu den Festspielen im Sommer. Doch sie schwärmt auch vom Winter, wenn es ruhig ist und sie an der menschenleeren Ostsee spazieren kann. „Ein schönes Land”, sagt die 68-Jährige, die vor 17 Jahren mit ihrem Mann in ein Dorf zwischen Demmin und Greifswald gezogen ist.

Dass sie so entspannt über ihre neue Heimat reden kann, war nicht immer so. Als sie damals ankamen, hätten sie arge Gemeinheiten erlebt, wie sie sagt. Nachbarn hätten mit ihren Märchen das ganze Dorf gegen sie aufgebracht. „Verpisst euch aus dat Dorf, Wessischlampe”, seien Sätze gewesen, die sich sich anhören mussten.

Wie im schlechten Kriminalfilm

Johanna Walz erzählt das alles mit einem hörbaren Dialekt aus dem Süden. Sie arbeitete beim Film und ihr Mann, ein Hamburger, ist Ingenieur. Als sie damals Geld geerbt hatten, wollten sie ein historisches Gutshaus auf dem Land kaufen und es wieder auf Vordermann bringen. Über eine Zeitungsannonce kamen sie zu dem Anwesen mit zugehörigem Park in Vorpommern, es habe damals schon zehn Jahre leer gestanden und zuletzt der LPG gehört. Sie kauften es und zogen ein. Sie waren damit die Neuen in Dorf, noch dazu aus dem Westen. Wer ein leichtes Opfer zum Ausgrenzen sucht, wird bei ihnen fündig und so habe der Ärger auch kurz danach begonnen.

Ein Nachbar, er habe viel getrunken, hätte sich in seinen Hass immer weiter reingesteigert, Autospiegel abgebrochen, Türen zerkratzt, Pyrotechnik auf die Motorhaube geworfen, neu gepflanzte Sträucher und Bäume abgesägt. An eine Szene erinnert sich Johanna Walz besonders gut: „Wir haben sehr große Fenster und man hat uns einen Winter lang mit einem roten Laserpunkt verfolgt, immer auf den Kopf gezielt, wie in einem schlechten Kriminalfilm.”

Diese Geschichte stammt aus dem Heimweh-Newsletter: Wer weggezogen ist, sollte das hier lesen

„Es hat sich gelohnt, sich zu wehren.”

Eigentlich wollten sie sich nicht provozieren lassen, doch als dann Nagelbretter in der Anfahrt gelegen hätten, gingen sie zur Polizei. Als der Nachbar dann von der Kripo vorgeladen wurde, sei er über Nacht weggezogen. „Danach war Ruhe und wir leben heute in Frieden. Man respektiert uns und viele Mitbewohner unseres Dorfes sitzen heute gerne bei einer Tasse Kaffee bei uns.” Erst kürzlich feierten sie auf ihrem Anwesen ein Fest, alle waren eingeladen. „Es hat sich gelohnt, sich zu wehren, ich habe daraus gelernt. Ich hätte nicht so lange zusehen sollen, eher Hilfe holen, um das Ganze zu unterbinden”, sagt Johanna Walz heute.

Ihr richtiger Name und der Name des Dorfes sind der Redaktion bekannt, sie bleiben in diesem Text aber geheim, weil die 68-Jährige diese Episode nach so vielen Jahren hinter sich lassen möchte. Dabei betont sie: „Dieses Klientel gibt es wahrscheinlich in jedem Dorf” Ganz egal, wo es liege.

Irgendwie anders behandeln würde man sie aber weiterhin, auch nach 17 Jahren. Wenn sie sich öffentlich äußern, etwa in der Gemeindevertretung, seien sie immer „die Zugezogenen”. Sachargumente würden da keine Rolle spielen. Sie erinnert sich an ein Geschäft in Greifswald, an dessen Fensterscheibe jahrelang ein Schild hing: „Der Ossi ist klug und stellt sich dumm, beim Wessi ist das anders rum.”

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Engstirnigkeit schreckt Zuzügler ab

Mobbing gegen Wessis – mit dem Frust der Nachwendezeit lassen sich solche Reaktionen erklären, zu entschuldigen sind sie damit aber nicht. Auch Leser des Heimweh-Newsletters hatten schon davon berichtet, wie sie wegen ihrer Herkunft herabgewürdigt wurden, als sie als junge Ostdeutsche in den Westen gingen. Ein fieser Spruch oder eine spitze Bemerkung sind das eine, dieses Klima kann aber auch zur Ausgrenzung und damit zu einem ernsthaften Problem für eine Region werden. Engstirnigkeit schreckt Zuzügler ab.

So geschehen etwa bei den beiden Betreibern der Schafscheune Vietschow in der Mecklenburgischen Schweiz. Die Inhaber wollen den Betrieb abgeben und wieder nach Süddeutschland ziehen. Einer der Gründe, so sagten sie es kürzlich dem Nordkurier, sei auch, dass es immer wieder deutliche Zeichen gegeben habe, dass sie nicht unerwünscht in der Region seien: Schmierereien, explodierte Briefkästen, Müll auf der Weide. Der Tenor: Sie seien keine Ostdeutschen und hätten dort nichts zu suchen.

Am allerschlimmsten sie diese Ausgrenzung bei den Leuten, die in ihrem Leben nicht herum gekommen seien, das Dorf auch mal verlassen hätten, sagt Johanna Walz und sie ist ein bisschen stolz darauf, das sie in ihrem Gutshaus durchgehalten haben. „Uns bringt hier keiner mehr weg. Wir wollen hier alt werden.”

*Name von der Redaktion geändert.

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