Johannes Arlt und Erik von Malottki vertreten die Wahlkreise 16 und 17 – also den Süden Vorpommerns, die Seenplatte
Johannes Arlt und Erik von Malottki vertreten die Wahlkreise 16 und 17 – also den Süden Vorpommerns, die Seenplatte und einen Teil des Landkreises Rostock – im Bundestag. Christina Ohmann/Stefan Sauer
KINA - Er soll kleiner werden
KINA - Er soll kleiner werden Ralf Hirschberger
SPD-Abgeordnete

„Viele Menschen hier haben Angst, ihren Wohlstand zu verlieren“

Vor einem Jahr sind zwei junge SPD-Politiker per Direktmandat aus dem MV-Osten in den Bundestag gekommen. Jetzt werfen Johannes Arlt und Erik von Malottki einen Blick zurück.
Neustrelitz

Nicht immer einer Meinung, aber immer gemeinsam für den ländlichen Osten von MV – das war die Botschaft, die Johannes Arlt und Erik von Malottki senden wollten, seit sie im September 2021 überraschend die Wahlkreise an der Seenplatte und in der Mecklenburgischen Schweiz für die SPD gewonnen hatten. Kein Wunder also, dass sie zum Rückblick auf das erste Jahr gemeinsam empfangen.

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Vieles hatten sich die beiden leichter vorgestellt, sagen sie dem Nordkurier bei einem Kaffee in Arlts Wahlkreisbüro in Neustrelitz. Dass die Interessen des dünn besiedelten Nordostens längst nicht bei jedem in der Hauptstadt auf Begeisterung stoßen, sei ihnen als Neulingen regelmäßig vor Augen geführt worden.

Kritik an Waffenlieferungen aus MV

„Es ist ein permanenter Kampf“, sagt Malottki. Einstiegshilfen im Parlament habe es von erfahrenen Abgeordneten nicht gegeben, macht auch Arlt deutlich. Im Gegenteil, nach einem streng hierarchischen System würden Spitzenposten in der Regel an Alteingesessene gehen. „Niemand hat in Berlin auf uns gewartet.“

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Die Wünsche und Nöte der Menschen in der Mecklenburgischen Schweiz würden sich zudem nicht selten von denen aus Ballungsgebieten unterscheiden. Während man beispielsweise im Nordosten bei Waffenlieferungen an die Ukraine vermehrt Zurückhaltung fordert, schreien nach Einschätzung der beiden zuerst Menschen und Politiker aus dem Westen nach mehr Kriegsgerät – egal wie unsinnig eine Unterstützung mit völlig veralteten Panzern aus Sicht von Sachverständigen wie Arlt selbst auch sein mag.

Energie-Krise trifft den Nordosten härter

In den reicheren Regionen Deutschlands sei zudem die Inkaufnahme hoher Energiepreise aus Solidarität mit der Ukraine weniger umstritten. Die Existenzängste seien im Nordosten einfach größer. „Viele Menschen mussten hier ihren Wohlstand ganz langsam aufbauen und haben Angst, ihn wieder zu verlieren“, sagt Arlt.

„Ich höre von Menschen, dass sie ihr Haus verkaufen wollen, um ihre Energierechnung bezahlen zu können“, berichtet der Neustrelitzer weiter. Er kämpfe mit seinem Parteigenossen seit Langem gegen harte Widerstände für einen Gasdeckel. „Wir hatten das schon früh auf dem Papier“, sagt Malottki. Gegenwärtig arbeite man in Berlin an Umsetzungsmöglichkeiten. Man brauche aber eine langfristige Lösung. „Diese Prozesse dauern lange.“

Erfolge nicht immer sichtbar

Schließlich müsse man das ganze System ändern. Der Druck sei enorm und besonnene Entscheidungen würden oft erst spät wertgeschätzt. Zu Beginn des Krieges seien zum Beispiel gleich Stimmen laut geworden, Gaslieferungen aus Russland ganz zu boykottieren. Doch damals seien die Gasspeicher leer gewesen. Die Situation wäre jetzt eine ganz andere, hätte man damals den Forderungen nachgegeben, betonen sie.

Bei all der Krisenbewältigung mussten andere Ziele zurückgestellt werden, räumt Malottki ein. Werde eine Herzensangelegenheit dann einfach gestrichen, nehme ihn das auch persönlich mit, wirbt er um Verständnis. Die Bevölkerung sehe oft nur das Ergebnis und nicht den langen Kampf. „Die Region erfährt kaum, was wir in Berlin tun.“ Selbst Errungenschaften seien nicht immer sichtbar.

Fortschritte beim Kampf um die Südbahn

Zur Wiederbelebung von Bahnlinien habe beispielsweise schon viel Überzeugungsarbeit auf Bundes- und Landesebene gefruchtet. Die Landesregierung unterstütze nun die Reaktivierung der Karniner Brücke. Und auch im Kampf um die Südbahn seien Fortschritte erzielt worden. Ganz so weit ist man bei der Bahn nach Feldberg dagegen nicht, wohl aber wegen des schlechteren Zustands. „Wir kommen von ganz unten.“

Von Maßnahmen gegen unfaire Netzentgelte über eine Verbesserung der medizinischen Versorgung auf dem Land, zum Beispiel durch Gemeindeschwestern, bis hin zum Sprung an die Spitze der Wasserstoff-Industrie durch Standortvorteile für erneuerbare Energien und umrüstbare Pipelines in Lubmin sei einiges in Arbeit, versichern die beiden Abgeordneten mit reichlich Optimismus.

Krise, Stress und familiäre Pflichten

Den haben sie sich trotz des Krisenmodus erhalten. Arlt hofft beispielsweise, dass sich durch Digitalisierung in Verwaltungen bald Arbeitskräfte einsparen lassen, die an anderer Stelle benötigt werden. „Wir brauchen jetzt jeden Einzelnen auf dem richtigen Platz.“ Erik von Malottki strebt eine größere Fachkräfteoffensive für Erzieher sowie mehr Geld für frühkindliche Bildung und Wertschätzung von Sprachkitas an, von denen es allein 67 in den Wahlkreisen der beiden Abgeordneten gibt.

Den Fokus auf der eigenen Region zu halten, das sei allerdings nicht immer einfach. „Berlin reißt sehr an einem“, sagt Arlt, der als Bundeswehroffizier – von denen es im Bundestag nur etwa eine Handvoll gibt – und Mitglied des Verteidigungsausschusses jetzt besonders gefragt ist. Niemand habe damit gerechnet, dass Sicherheit in Deutschland zum Top-Thema werde. „Ich bin genau am richtigen Platz.“ Eine Arbeitswoche mit 80 Stunden sei dadurch keine Ausnahme. Das eine oder andere zusätzliche graue Haar will der Neustrelitzer auch erkannt haben. Arlt versuche, sich zumindest einen Tag in der Woche für die Familie frei zu halten. „Es ist nicht einfach, diese Aufgabe mit Familie zu vereinbaren“, schließt sich Familienvater Malottki an.

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