Mit dieser Titelseite ist unsere Tageszeitung am 1. April 2022 erschienen – es handelt sich natürlich um einen Apri
Mit dieser Titelseite ist unsere Tageszeitung am 1. April 2022 erschienen – es handelt sich natürlich um einen Aprilscherz.
Aprilscherz

Warum der Nordkurier nie wieder „Freie Erde” heißen will

Am heutigen 1. April hat unsere Tageszeitung auf der Titelseite ihre Rückbenennung in „Freie Erde” bekannt gegeben. Das ist natürlich nur ein Aprilscherz – aus gegebenem Anlass.
Neubrandenburg

Wer an diesem Freitagmorgen die Nordkurier-Ausgabe aus dem Briefkasten geholt oder das E-Paper geöffnet hat, dürfte sich die Augen gerieben haben: Unsere Redaktion gab dort auf der Titelseite ihre Umbenennung in „Freie Erde” bekannt – und auch gleich die Rückkehr zu deren Layout. Den Titel trug der Nordkurier zu DDR-Zeiten, als das Blatt noch eine SED-Bezirkszeitung war. Viele unserer Abonnenten haben ihr Abo schon seit dieser Zeit.

Garniert ist die vermeintliche erste Titelseite der wiederauferstandenen „Freien Erde” mit Meldungen, die an den sprachlichen Duktus des damaligen sozialistischen Kampfblattes angelehnt sind.

Nie im Leben würden wir wirklich so heißen wollen

Das Ganze war natürlich ein Aprilscherz. Nie im Leben würden wir ernsthaft unseren Namen zurücktauschen wollen gegen jenen der unfreien SED-Parteizeitung „Freie Erde“, aus der 1990 der freie und unabhängige Nordkurier hervorging.

Mehr lesen: An der SED-Bezirkszeitung "Freie Erde" war nur der Name frei

Indes: Die Idee für diesen Aprilscherz spukte schon länger durch unsere Redaktion – und ursprünglich sollte es dann zum 30. Geburtstag des Nordkurier am 1. April 2020 so weit sein. Der erste Corona-Lockdown verhinderte das, denn damals war niemandem zum Scherzen zumute. Auch im vorigen Jahr verhinderte die sich erneut verschärfende Corona-Lage, dass wir unseren Idee mit einem Jahr Verspätung umsetzten.

Darf man mit diesem Titel Scherze machen?

Und auch dieses Jahr haben wir bis zur letzten Minute darüber diskutiert und nachgedacht, ob man diesen Aprilscherz in dermaßen bewegten, unsteten und unsicheren Zeiten riskieren kann. Wir fanden dann aber: Wann, wenn nicht jetzt, im 70. Jahr nach der Gründung der „Freien Erde“? Humor muss schließlich auch in schweren Zeiten erlaubt sein.

Auf der Zeitungsseite hinter der „falschen” Titelseite hat unser Reporter Frank Wilhelm einen ausführlichen Beitrag über das schwierige Erbe der „Freien Erde“ verfasst, der auch online abrufbar ist. Wir wissen um das schwierige Erbe der "Freien Erde" und wir haben uns schon vor langer Zeit an die Aufarbeitung dieser Zeit gemacht: 2013 erschien im Auftrag des Nordkurier und der MV-Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen das Buch von Christiane Baumann „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser”, das derzeit leider vergriffen ist.

Wir sammeln Erinnerungen an die „Freie Erde” – die schlechten und die guten

Jener Teil unserer Abonnenten, die unsere Zeitung auch schon abonniert hatten, als sie noch „Freie Erde“ hieß, erinnert sich (wie wir in Gesprächen immer wieder erfahren) einerseits mit Schaudern an Duktus, Tonfall und ständige Schönschreiberei jener Zeit. Aber andererseits sind da eben auch die freudigen Erinnerungen an heitere Artikel, an süffisant zwischen den Zeilen vorgetragene Systemkritik und an die Tatsache, dass die Zeitung schon damals das Geschehen in der Region abbildete.

In diesem Jahr jährt sich am 15. August die Gründung der „Freien Erde“ zum 70. Mal. Trotz des schwierigen Erbes werden wir deshalb in diesem Jahr Erinnerungen unserer Leser an die „Freie Erde“ sammeln – die Schlechten und die Guten – und im Spätsommer deren 70. Jubiläum begehen. Ohne Schönfärberei, aber in dem Bewusstsein, dass der Blick auf die Geschichte nie so Schwarz-Weiß sein sollte, wie es die Fotos auf unserer Aprilscherz-Seite sind. Die heutige Ausgabe enthält deshalb auch einen sehr ernst gemeinten Hinweis an alle Leser aus jener Zeit, uns ihre Erinnerungen zu übermitteln. Das geht auch per E-Mail an [email protected]

„Freie Erde” ist eigentlich ein klangvoller Titel – gerade jetzt

Zu guter Letzt kann der durchaus klangvolle Titel „Freie Erde“ in diesen Tagen auch als Mahnmal verstanden werden: Nämlich als eines für die Freiheit der Ukraine. In der „Freien Erde“ von damals wurden die Dinge nicht beim Namen genannt, das galt ganz besonders für alles, was aus der Sowjetunion kam. Im heutigen Nordkurier ist das anders. Und dafür kann heute – so paradox es wirken mag – auch die Losung „Freie Erde!“ stehen.

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