RUND UM RÜGEN UND USEDOM

Warum Hechte in der Schonzeit geangelt werden

Es ist Laichzeit. Zur Schonzeit dürfen weder Angler noch Fischer dem Hecht nachstellen. Doch in diesem Frühjahr gibt es eine Ausnahme.
Vorsichtig wird ein Hecht vor seiner Untersuchung in ein vorbereitetes Nelkenöl-Bad gesetzt, um ihn für einige Minut
Vorsichtig wird ein Hecht vor seiner Untersuchung in ein vorbereitetes Nelkenöl-Bad gesetzt, um ihn für einige Minuten zu narkotisieren. Ralph Sommer
Während Projektleiterin Dominique Niessner die Daten notiert, bereiten ihre beiden Kollegen Henry Hansen und Tino Rittweg
Während Projektleiterin Dominique Niessner die Daten notiert, bereiten ihre beiden Kollegen Henry Hansen und Tino Rittweg die Implantation eines Minisenders vor. Ralph Sommer
Thiessow.

Im Morgennebel tuckert Fischer Christoph Pretzel mit seinem Boot in den Thiessower Hafen. Der 37-jährige Rüganer ist Reusenfischer, und in wenigen Tagen wird auch für ihn die diesjährige Frühjahrsheringssaison beginnen. Bis es soweit ist, fischt er im Dienste der Wissenschaft.

Mit einer Ausnahmegenehmigung stellt Pretzel mitten in der Schonzeit dem Hecht nach, der jetzt zum Laichen in die Rügenschen Boddengewässer zieht. Heute hat er sechs quicklebendige Prachtexemplare im Bootstank. An der Pier wartet bereits das Team von Dominique Niessner. Es sind Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei, das in einem dreijährigen Forschungsprojekt herausfinden will, wie es dem Raubfisch an Vorpommerns Küste geht.

Mehr lesen: Schweriner fängt stattlichen Winterhecht

In Rügener Anglerkreise wird schon seit einiger Zeit darüber diskutiert, ob und warum die Hechtsbestände in den vergangenen Jahren zurückgegangen sind, möglicherweise als eine Folge des drastisch zugenommenen Angeltourismus oder der Klimaveränderung. Manche Angler schlagen deshalb bereits vor, die von März bis Ende April geltende Schonzeit wie einst zu DDR-Zeiten wieder auf die ersten vier Monate im Jahr auszudehnen.

Projekt „Boddenhecht“

Etwa 50.000 Angler zieht es jedes Jahr an die Küstengewässer Mecklenburg-Vorpommerns. Vor allem die Brackwassergebiete um Rügen zählen zu den besten Revieren, um kapitale Hechte über einen Meter Länge zu fangen. Davon profitieren Tourismus und Angeldienstleister wie Guides. Für die kommerzielle Fischerei ist der Hecht dagegen eher zweitrangig, abgesehen von einigen lokalen Vermarktern. „Die Gastronomie ist kaum interessiert am Hecht“, sagt Pretzel.

Weil belastbare Daten zur Bestandsentwicklung, zu Laichgebieten und Wanderungen fehlen, haben Forscher gemeinsam mit Anglern, Guides und Fischern jetzt das Projekt „Boddenhecht“ gestartet. Bis zum Jahr 2023 sollen regelmäßig Hechte gefangen, untersucht, markiert und wieder freigelassen werden.

Prämie für Hecht-Erstfang

Gleich nach dem Anlegen wird der erste Fisch in ein betäubendes Wasserbad gesetzt. Das darin enthaltene Nelkenöl hat seine Wirkung. Minuten später ist das Tier narkotisiert. „Jetzt muss es schnell gehen“, erklärt Niessner. Während ihre Kollegen Henry Hansen und Tino Rittweg den Hecht vermessen, wiegen und zur Altersbestimmung und für spätere genetische Untersuchungen winzige Flossen-, Schuppen- und Muskelproben entnehmen und gleichzeitig verhindern, dass die Kiemen verkleben, notiert die Forscherin die Daten.

Anschließend wird dem Tier eine kleine Kunststoffmarke in eine Flosse geheftet. „Wenn dieser Fisch eines Tages ins Netz oder einem Angler an den Haken geht, dann kann der Fang über die in der Marke angegebene Telefonnummer oder Internetseite gemeldet werden“, sagt Niesner. Der Erstfang werde mit 100 Euro prämiert. Die ganze Prozedur dauert nur wenige Minuten, dann wird der Hecht im klaren Wasser wieder aufgeweckt und schließlich in die Freiheit entlassen.

Zusätzlich implantieren die Forscher größeren Hechten einen winzigen Sender in die Bauchhöhle, um die Wanderung der Tiere zu dokumentieren. Die Sender strahlen eine Ultraschallkennung an Unterwassermikrofone aus, die flächendeckend auf dem Grund der Boddengewässer verankert wurden. In der Peene wurden auf diese Weise inzwischen die ersten besenderten Hechte geortet.

200 Hechte markiert und besendert

Das Projekt wird mittlerweile von sechs Usedomer und fünf Rügener Fischern unterstützt. Zusätzlich werden die Wissenschaftler von erfahrenen Guides beim Angeln begleitet. In der Peene und Barthe werden zudem Hechte mit elektrischen Methoden betäubt, gefangen und wieder ausgesetzt.

Mittlerweile seien bereits rund 200 Fische markiert und besendert worden, darunter auch östlich von Stralsund drei „Monsterhechte“ von jeweils 15 bis 17 Kilogramm Gewicht. Die Experten rechnen damit, dass im Frühjahr kommenden Jahres die ersten Ergebnisse vorliegen. In einem nächsten Schritt soll in Runden Tischen mit Anglern, Guides und Fischern tragfähige Bewirtschaftungsoptionen für den Erhalt der Hechtbestände erarbeitet werden.

 

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Thiessow

Kommende Events in Thiessow

zur Homepage