MERKWÜRDIG

Warum spritzen Landwirte trotz angeblichem Insektensterben?

Glaubt man den Berichten, gibt es in Deutschland kaum noch Insekten. Aber warum nutzen die Bauern dann trotzdem noch teure Pestizide? Da ist doch was faul. Wir haben einen Experten gefragt.
Fred Lucius Fred Lucius
Landwirte sind auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln angewiesen. Bei einem Verzicht müssen sie mit Ertragsverlusten bis hin zu einem Totalverlust rechnen.
Landwirte sind auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln angewiesen. Bei einem Verzicht müssen sie mit Ertragsverlusten bis hin zu einem Totalverlust rechnen. Archiv
Vorpommern.

Überall wird vom großen Insektensterben geschrieben und geredet. Aber warum benutzen die Bauern dann eigentlich immer noch die teuren Pestizide? Dr. Joachim Vietinghoff, Leiter der Abteilung Pflanzenschutz im Landesamt für Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit, beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Basis hauptberuflich mit solchen Fragen. Mit ihm sprach unser Reporter Fred Lucius.

Es soll in Deutschland einen massiven Rückgang von Insekten geben, Naturschützer machen die Landwirte und deren Einsatz von Pflanzenschutzmitteln dafür verantwortlich. Können Sie das bestätigen?

Aus Sicht unserer Behörde ist derzeit nicht ausreichend geklärt, ob und in welcher Größenordnung ein Insektensterben vorliegt. Die viel zitierte Insektenstudie aus Krefeld, auf die Sie anspielen, weist methodische Mängel auf und gibt keinen Hinweis auf die Ursachen des dort festgestellten Rückgangs der Biomasse von Insekten.

Unser Amt erhebt seit 42 Jahren ununterbrochen das Auftreten von Schadinsekten im Raps, und zwar immer auf die gleiche Art und Weise und in den gleichen Regionen. Diese Daten sind also extrem belastbar. Ein Rückgang der von uns erfassten Insekten ist dabei nicht festzustellen, eher eine gewisse Zunahme. Obwohl jedes Jahr notwendige Bekämpfungsmaßnahmen gezielt gegen diese Insekten praktisch auf allen Rapsflächen des Landes erfolgen.

Sie reden von den Schädlingen. Was ist dann mit den anderen Insekten?

Wenn nicht einmal die Zahl der Schadinsekten, die gezielt mit Pflanzenschutzmitteln bekämpft werden, zurückgeht, dann ist das das auch nicht für andere Insekten anzunehmen, die mit den Wirkstoffen gar nicht oder kaum in Berührung kommen, denn die meisten Insektenarten leben nicht auf ackerbaulich genutzten Flächen.

Um bei diesem Gesamtproblem Klarheit zu bekommen, sind wissenschaftlich basierte Beobachtungen erforderlich und entsprechende Fachleute, die es durchführen. Hier liegt ein weiteres Problem, denn in Deutschland spielte die Ausbildung von Entomologen in den vergangenen Jahrzehnten praktisch keine Rolle mehr.

Könnten Landwirte nicht auch ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auskommen?

Grundsätzlich ist ein Verzicht nur teilweise bei bestimmten Kulturen möglich und mit mehr oder weniger hohen Ertragsverlusten verbunden. Bei totalem Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ist je nach Kultur und Befallsituation von Ertragsverlusten in Höhe von fünf bis 35 Prozent bis hin zu einem Totalverlust unter entsprechenden Befallsituationen auszugehen. Das kann betriebswirtschaftlich nicht aufgefangen werden.

Eine Ausnahme stellt der Ökoanbau dar, der jedoch finanziell umfangreicher gestützt wird. Allerdings kann auch in Ökobetrieben bei Erfordernis ein chemischer Pflanzenschutz durchgeführt werden. Diese Mittel besitzen jedoch eine spezielle Zulassung für den Ökoanbau.

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