LUFT IM NORDOSTEN

Diesel ist nicht so schmutzig wie sein Ruf

Der Druck auf die Hersteller soll erhöht werden, sagte nun Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). Die Luft müsse sauberer werden. Autofahrern bringt das nur Unsicherheit – erst recht, weil der Dieselmotor nicht so schmutzig ist wie sein Ruf.
Gerald Bahr Gerald Bahr
Gebrauchte Diesel werden derzeit oft unter Wert verkauft, neue Modelle sind aber auch nicht mehr beliebt. Benziner oder E-Autos sind aber gerade für Vielfahrer selten eine Option.
Gebrauchte Diesel werden derzeit oft unter Wert verkauft, neue Modelle sind aber auch nicht mehr beliebt. Benziner oder E-Autos sind aber gerade für Vielfahrer selten eine Option. Sebastian Kahnert
Neubrandenburg.

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Auto-Land. Die Menschen müssen weite Wege zurücklegen. Das bevorzugte Mittel ist für viele ein Diesel-Fahrzeug. „In dünn besiedelten Flächen ist oft bereits bei geringerer Entfernung eine Motorisierung für den Arbeitsweg erforderlich. Hinzu kommen sicherlich auch Aspekte wie Flexibilität und weitgehende Wetterunabhängigkeit bei Nutzung eines Pkw. Es überrascht daher nicht, dass 69,6 Prozent aller in Mecklenburg-Vorpommern wohnenden Erwerbstätigen 2016 mit dem Auto zur Arbeit fuhren“, hieß es Anfang dieser Woche vom Statistischen Landesamt.

Geht es nach der politischen Debatte und einigen Studien, müssten Diesel-Pkw fast als Tatwaffen bezichtigt werden. Fahrer stecken in der Misere, loswerden können sie ältere Diesel nur unter Wert, neuere zu kaufen, bringt wenig. Zu groß ist die Unsicherheit, wo Diesel-Fahrverbote eingeführt werden. Mehr E-Autos in MV wurden unter andrem vor einem Diesel-Gipfel schon gefordert. Aber die Infrastruktur ist dafür noch nicht weit genug ausgebaut.

Abwrackprämien erweisen sich als Bumerang

Die „historisch einzigartige Prämiensause“ habe die Flucht aus dem Diesel eher verstärkt, schreibt das CAR-Center der Universität Duisburg-Essen in seiner Rabattstudie für den Monat März. „Die Angst vor dem Diesel ist mit den Prämien gestiegen“, erklärte Studienleiter Ferdinand Dudenhöffer.

Als Beispiel führt er den gesunkenen Anteil von Diesel-Fahrzeugen an, die der VW-Konzern noch an Privatkunden verkauft. VW habe besonders hohe Abwrackprämien für Alt-Diesel ausgelobt und diese stärker beworben als andere Hersteller. Bei den Neuwagen griffen die Kunden dann meist zu Benzinern, sodass der Diesel-Anteil bei VW-Privatverkäufen von 33,5 Prozent im Januar 2015 auf 17,1 Prozent im Februar 2018 absackte. Im Gesamtmarkt sank der Diesel-Anteil bei Verkäufen an Privat von 33,4 auf 18,0 Prozent.

Umrüstungen als zu teuer abgetan

Umrüstungen seien daher sinnvoll, erklärte Dudenhöffer. Mit zusätzlichen Katalysatoren könnten ältere Autos in saubere Diesel verwandelt werden. Die Hersteller wollen aber mit Software-Updates von Dieselfahrzeugen die Schadstoffe senken.

Hardware-Nachrüstungen, also Umbauten direkt am Motor, lehnen sie als zu teuer ab. Was die Frage aufwirft, wie sich die Hersteller das vorstellen. Denn ein simples Software-Update würde bedeuten, dass die bereits verbaute Hardware ausreicht und die Hersteller die bessere, effizientere Software bislang nicht nutzte beziehungsweise den Fahrern vorenthalten hat.

Saubere Luft hängt vom Standort ab

Die neue Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) sagte nun: „Es muss auch Hardware-Nachrüstungen geben. Auch der ADAC sagt, dass das sehr viel bringen wird. Dass wir etwas tun müssen, um die Luft sauberer zu machen, das bezweifelt keiner mehr.“

Das darf sehr wohl bezweifelt werden, denn Deutschland ist bei diesem Punkt gespalten. Großstädte wie Stuttgart, Berlin, München, Hamburg oder Ballungsgebiete wie der Ruhrpott haben eine enorme Schadstoffbelastung. Flächenländer wie Mecklenburg-Vorpommern haben das Problem nicht, wie die aktuellen Luftdaten des Umweltbundesamtes zeigen. Beispielsweise die maximalen Stundenwerte der Stickstoffkonzentration vom 2. April 2018: MV und Brandenburg liegen fast durchgehend unter dem Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Ein Feiertagsphänomen? Offenbar nicht, MV war bis auf einen Tag im gesamten März größtenteils so sauber. Das gilt auch für den 3. April, der Tag mit den aktuzellsten Daten. Nur am 12. März wurden im Westen des Landes großflächig bis zu 60 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter gemessen. Selbst die Städte Schwerin, Neubrandenburg, Rostock und Stralsund liegen über den Monat verteilt meist bei diesem Wert. Berlin, Stuttgart oder München beispielsweise hatten meistens eine rund doppelt so hohe Belastung mit Stickstoffdioxid.

Die aktuellen Luftdaten finden Sie hier.

Allgemeine Lösung kann es nicht geben

Teure Umrüstungen, bei denen noch nicht feststeht, ob die Hersteller die Kosten tragen müssen, würden die Menschen in MV genauso treffen, wie die Fahrer in Ballungsgebieten, obwohl im Nordosten wenig Anlass dafür besteht. Zumal Hersteller die Umrüstkosten, so viel darf aus betriebswirtschaftlicher Sicht unterstellt werden, auf ihre Preise umlegen und so wieder über den Verkauf anderer Fahrzeuge und Dienstleistungen abfangen.

Und dann ist da noch die Fahrverbotsdebatte. Aus Sicht des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) sind diese in jeder Hinsicht falsch. „Man darf auch nicht vergessen: Die meisten Menschen meinen, die Luft sei immer schlechter geworden, aber das Gegenteil ist richtig. Die Luftwerte sind über die Jahre stetig besser geworden“, sagte Weil. „Auch die blaue Plakette ist nur die freundliche Umschreibung für Fahrverbote – und ich bin gegen Fahrverbote.“ Weil sitzt auch im Aufsichtsrat von Volkswagen.

Zweifel an Studien und Messstationen

Zumal es auch berechtigte Zweifel daran gibt, wie fundiert einige Studien zu Diesel-Abgasen sind. Rund 6000  Menschen in Deutschland sterben dem Umweltbundesamt zufolge pro Jahr vorzeitig an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die von Stickstoffdioxid ausgelöst werden. Die EU geht von mehr als 10 000 Todesfällen in Deutschland aus. Doch kein behandelnder Arzt oder Pathologe brachte einen konkreten Fall von „Tod durch Stickoxide” an die Öffentlichkeit, wie hier nachzulesen ist.

Das Bundesverkehrsministerium stellt jetzt die Erhebung der Messwerte an rund 500 Stationen infrage. „Einige Standorte von Messstellen werden zurzeit kritisch hinterfragt, ob sie überhaupt den europäischen Vorgaben entsprechen“, sagte der Staatssekretär Steffen Bilger (CDU). Das Bundesumweltministerium wies die Bedenken zurück.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

zur Homepage