Giftig und explosiv
Weltkriegs-Granaten auf dem Meeresgrund bleiben gefährlich

Zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg werden in der Ostsee vor Wustrow gezielt gesprengt. (Archivbild)
Zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg werden in der Ostsee vor Wustrow gezielt gesprengt. (Archivbild)
Bernd Wüstneck

Millionen Tonnen alter Kampfstoffe lagern auf dem Grund von Ost- und Nordsee. Mit Wegschauen ließ sich das Problem nicht lösen. Die Zeit heilt in diesem Fall keine Wunden.

Die Zahlen sind gigantisch und in ihrer Dimension unfassbar. Etwa 900 000 Seeminen aus dem 1. und 2. Weltkrieg schlummern auf dem Boden von Nord- und Ostsee. 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220.000 Tonnen chemische Kampfmittel werden in beiden Meeren vermutet. Als ob das nicht reichte, rechnen Experten mit großen Mengen an Blindgängern aus dem militärischen Übungs- und Erprobungsbetrieb zur „Friedenszeiten”.

„Es ist inzwischen erkannt worden, dass man etwas tun muss”, sagt Edmund Maser vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel. Denn dank der Forschungen seines Teams sei klar, dass freigesetzte Schadstoffe von Meerestieren aufgenommen werden.

Lange Zeit sei man davon ausgegangen, dass es reicht, die Munition abzudecken und sich selbst zu überlassen. Doch die Granaten rosten und geben ihre Inhaltsstoffe frei. Wie es dann mit diesen Stoffen weitergeht, ist eine der zentralen Fragen bei einem Symposium kommende Woche im Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW).

„Aus dem Auge, Aus dem Sinn” klappt nicht

Schon die Geschichte, die zum Ablagern dieser Unmengen Kampfstoffe führte, ist abenteuerlich. „Die Alliierten hatten Angst, dass die Deutschen damit eine Art Partisanenkrieg führen könnten und schütteten einfach alles ins Meer”, berichtet Jens Greinert vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und Leiter des Projektes Udemm (Umweltmonitoring für die Delaboration von Munition im Meer).

Die Strategie „Aus dem Auge, Aus dem Sinn” ist nicht aufgegangen, sagt Greinert. Selbst nach mehr als 70 Jahren sind die Kampfstoffe nicht unschädlich. So könne der Sprengstoff TNT nach wie vor explodieren, der TNT-Abbaustoff ADNT sei hochgiftig. „Aber es fehlt das Basiswissen, eine Folge der jahrzehntelangen Untätigkeit”, bedauert er. Die Politik habe das jedoch inzwischen verstanden. Nun gehe es daran zu erkunden, „was da unten vor sich geht.”

Bei den aktuellen Forschungsarbeiten helfen auch Meerestiere selbst, berichtet Maser. Vor dem Hintergrund von Plänen, dass künftig ferngesteuert Roboter die Granaten aufschneiden und den Sprengstoff inaktivieren sollen, müsse auch bekannt sein, ob dabei Stoffe freigesetzt werden und wie sich das auf die Umwelt auswirkt. „Das Problem darf dadurch nicht vergrößert werden”, betont er.

Irgendwann gibt's TNT zum Frühstück

Die Forschungen werden von Muscheln als „Biomonitore” unterstützt. Sie sind hocheffektive Wasserfiltrierer und pumpen pro Stunde mehrere Liter Wasser durch ihren Körper. Die Kieler Forscher setzten sie in kleinen Körbchen unter anderem auf die Granaten, berichtet Maser. Bei „Vorher-Nachher-Messungen” zeigte sich schon, dass sich schädliche TNT-Abbauprodukte im Muschelgewebe anreichern.

„Wir haben das Problem der austretenden Schadstoffe also schon jetzt”, sagt der Toxikologe. Er geht davon aus, dass die Stoffe irgendwann „auf unseren Tellern” landen. Es gibt allerdings keine verbraucherrelevanten Grenzwerte, nach denen sich die Gesellschaft richten könne. Zudem summierten sich die verschiedenen Schadstoffe.

Ein vom IOW entwickeltes Simulationsmodell könnte Aufschluss geben, wie sich die Sprengstoffe ausbreiten. Grund sei das Wissen um Strömungen oder Temperaturen in der Ostsee, sagt IOW-Forscherin Anja Eggert. Das Modell gebe Hinweise, wann eine Bergung mit der damit verbundenen Gefahr von Freisetzungen sinnvoll erscheint oder ob sie zum geplanten Zeitpunkt wegen ungünstiger Strömungen in Richtung Küste eher nicht ins Auge gefasst werden soll, erklärt sie. Das Modell erleichtere aber auch die Suche nach womöglich unbekannten Quellen der Sprengstoffe. Tauchten irgendwo alte Kampfstoffe in hohen Konzentrationen auf, könne zurückgerechnet und die Quelle möglicherweise identifiziert werden.

Klar ist allen Forschern, dass die Beseitigung der Kampfstoffe in Nord- und Ostsee Milliarden verschlingen wird, daran führe kein Weg vorbei. Denn die Gefahr werde immer größer. Es würden Fahrrinnen für Schiffe freigelegt und Pipelines gebaut, Offshore-Parks brauchten Landstromanbindungen. Auch wenn für die Granaten haltbare Materialien verwendet wurden – irgendwann geben sie alle ihren Inhalt frei.