DEUTSCH-POLNISCHE FREUNDSCHAFT

Wenn Schüler beim Abschied auf Usedom weinen

Der Golm auf der Insel Usedom wurde im Zweiten Weltkrieg zur Gräberstätte. Wenn sich dort heute Schüler aus Deutschland und Polen treffen, fließen zum Abschied oft Tränen.
dpa
Eine trauernde und frierende Frau im Soldatenmantel,  auf der Kriegsopfer-Ruhestätte Golm bei Kamminke auf der Insel Used
Eine trauernde und frierende Frau im Soldatenmantel, auf der Kriegsopfer-Ruhestätte Golm bei Kamminke auf der Insel Usedom. Stefan Sauer
Mariusz Siemiatkowski und Kinga Sikora sind die Leiter der Jugendbegegnungsstätte Golm.
Mariusz Siemiatkowski und Kinga Sikora sind die Leiter der Jugendbegegnungsstätte Golm. Stefan Sauer
Historisches Foto vom Golm bei Swinemünde.
Historisches Foto vom Golm bei Swinemünde. Archivbild Irmgard van der Heyden
Die Kriegsopfer-Ruhestätte erinnert an die Opfer der alliierten Luftangriffe auf Swinemünde (Swinoujscie) vor 75 Jah
Die Kriegsopfer-Ruhestätte erinnert an die Opfer der alliierten Luftangriffe auf Swinemünde (Swinoujscie) vor 75 Jahren. Stefan Sauer
Am 12. März 1945 wurde die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt Swinemünde bombardiert.
Am 12. März 1945 wurde die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt Swinemünde bombardiert. Stefan Sauer
Der Golm ist die größte Kriegsgräberstätte Mecklenburg-Vorpommerns.
Der Golm ist die größte Kriegsgräberstätte Mecklenburg-Vorpommerns. Stefan Sauer
Die Ausstellung „Gesichter des 12. März 1945” auf dem Gelände der Kriegsopfer-Ruhestätte Golm.
Die Ausstellung „Gesichter des 12. März 1945” auf dem Gelände der Kriegsopfer-Ruhestätte Golm. Stefan Sauer
Am 12. März 2020 wird der Opfer der Luftangriffe gedacht.
Am 12. März 2020 wird der Opfer der Luftangriffe gedacht. Stefan Sauer
Garz.

Der mit Buchen bestandene Golm ist eine markante Erhebung auf der Insel Usedom, mit Blick über Wiesen zur Stadt Swinoujscie (Swinemünde) und zum Meer. Bis 1944 war das Ausflugslokal auf der Anhöhe ein beliebtes Ziel von Swinemündern und Urlaubern der Stadt, die zu den größten deutschen Ostseebädern zählte.

Im Herbst 1944 war es mit Vergnügen und Erholung auf dem Golm vorbei. Der Südhang wurde zum Soldatenfriedhof, im März 1945 auch zum Grab für Tausende Zivilisten. Menschen aus 16 Nationen sind dort beigesetzt, wie die Leiter der Jugendbegegnungsstätte Golm im Dorf Kamminke, Kinga Sikora (40) und Mariusz Siemiatkowski (37), berichten.

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Flüchtlinge campierten im Ort

Die beiden polnischen Pädagogen haben schon vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen vermittelt, was vor 75 Jahren geschah: Der Zweite Weltkrieg näherte sich dem Ende. Tausende flohen aus Hinterpommern, West- und Ostpreußen vor der Roten Armee. In der überfüllten Hafenstadt Swinemünde strandeten Flüchtlinge, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene. Die Flüchtlinge fanden Zuflucht bei Familien, campierten in öffentlichen Gebäuden oder im Kurpark und hofften, mit der Bahn oder einem Schiff weiter nach Westen zu kommen.

Bombenangriff am 12. März 1945

Am 12. März griffen mehr als 600 amerikanische Bomber den in der Stadt gelegenen Hafen an und zerstörten innerhalb einer Stunde einen Großteil der Wohnviertel. Um die Zahl der Toten streiten die Wissenschaftler. „Die genaue Zahl der Todesopfer konnte nie ermittelt werden und lässt sich auch durch die historische Forschung nur annäherungsweise rekonstruieren”, sagt Siemiatkowski.

Die wissenschaftliche Auswertung aller zur Verfügung stehenden Quellen habe ergeben, dass etwa 4000 bis 6000 Menschen durch den Bombenangriff am 12. März 1945 ihr Leben verloren. „Neben deutschen Zivilisten und Soldaten waren das polnische, holländische oder französische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene aus ganz Europa und auch ein Japaner”, berichtet Sikora. „Die Kriegsgräberstätte ist somit keine deutsche, sondern eine internationale”, erklärt sie.

Mahnmal gegen Krieg und Faschismus

Vor 20 Jahren übernahm der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Trägerschaft für den Friedhof, auf dem in der DDR ein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus entstand. 2005 eröffnete der Volksbund in der Nähe die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm, eine von vier derartigen Einrichtungen und die einzige innerhalb Deutschlands.

Sikora war als junge Deutschlehrerin fast von Anfang an dabei. In die Begegnungsstätte kommen Schüler von der 5. Klasse an für Projektwochen, ebenso Berufsschüler und Erwachsene, etwa von Bundeswehr und Polizei oder Lehrer zur Fortbildung. Anfang März ist ein deutsch-französischer Verein zu Gast, der dort für Seminare zur Mediation Räume und Übernachtungen gemietet hat. „Ein perfektes Tagungshaus”, kommentiert Vereinschef Timm Uekermann aus Kiel.

Zum 75. Jahrestag der Zerstörung Swinemündes mit der traditionellen Gedenkveranstaltung werden vier Schulklassen aus Gifhorn in Niedersachsen erwartet. „Viele Schulen sind Stammkunden, sie schicken ganze Jahrgänge zu uns”, sagt Sikora. Pro Jahr kämen im Schnitt 10.000 Übernachtungen zusammen.

Schüler befassen sich mit Krieg, Kindheit, Flucht und Migration

In den Projektwochen befassen sich die Schüler anhand konkreter Schicksale mit dem Krieg, mit Kindheit und Jugend unter extremen Bedingungen, mit Flucht und Migration. „Wir versuchen bei jedem Thema, eine Brücke zur heutigen Zeit zu schlagen”, erläutert Siemiatkowski, der durch seine deutsche Großmutter in Masuren zur deutschen Sprache fand.

„In der ersten Zeit war ich unsicher, wie die Leute reagieren, wenn eine Polin über eine deutsche Kriegsgräberstätte führt”, gibt Sikora zu. Für die junge Generation aber sei das kein Problem. Am liebsten habe sie deutsche und polnische Schüler gleichzeitig in der Bildungsstätte, damit sie sich kennenlernen und gemeinsam spielen und Freizeit verbringen.

Tränen zum Abschied

„Ein Ort für besseres Kennenlernen ist ein guter Weg, um das, was in der Vergangenheit passiert ist, in Zukunft zu vermeiden”, formuliert Sikora. „Wenn sich die Schüler dann verabschieden und manchmal Tränen fließen, wissen wir, dass alles richtig war.”

Die beide Pädagogen leben mit ihren Familien auch privat das deutsch-polnische Miteinander: Wohnen in Swinemünde, Arbeit, Schule und Kindergarten in Mecklenburg-Vorpommern, deutsche Touristen in Polen, Freundschaften beiderseits der Grenze. Sie fühlen sich als Insulaner, sagen sie.

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Kommentare (1)

... nie wieder eine Mutter ihren Sohn beweint. " steht auf einem Mahnmal. Neben den Schülern, was ich ich persönlich für eine sehr gute Idee halte, sollten alle Politiker des Deutschen Bundestages dieses Mahnmal zum Gedenken besuchen und eine schriftliche Erklärung abgeben, das dies auch nicht mehr passiert. Vielleicht würden sie dann keine Deutschen Soldaten mehr ins Ausland entsenden. Es gibt keinen Grund die Bundeswehr mit Auslandsmissionen zu betrauen wo eben doch Mütter ihre Söhne beweinen. Punkt