Auch im Ökodorf Krummenhagen bei Stralsund regt sich Protest gegen neue Windräder, die auf den Feldern rund um den Ort neu gebaut werden sollen.
Auch im Ökodorf Krummenhagen bei Stralsund regt sich Protest gegen neue Windräder, die auf den Feldern rund um den Ort neu gebaut werden sollen. Stefan Sauer
Interview mit Norbert Nieszery

SPD-Mann sieht Widerstand gegen Windkraft als Luxusproblem

Landwirtschaft und Tourismus allein werden es nicht richten, finden die regierenden Sozialdemokraten und setzen auf Erneuerbare Energien. Doch noch ist beim Umbau der Wirtschaft in MV der Knoten nicht geplatzt. Über mögliche Gründe sprach Uwe Reißenweber mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Norbert Nieszery.
Schwerin

Je länger die SPD im Land die Energiewende propagiert, umso größer wird der Widerstand.

Die Energiewende wollen wir umsetzen. Sie ist die große nationale Aufgabe der nächsten Jahrzehnte. Es ist aber immer so, dass, wenn man an einem großen wirtschaftspolitischen Rad dreht, auch einige dabei sind, die ein wenig zu leiden haben. Ich glaube, ein solches „Leid“ kann man für das Allgemeinwohl auf sich nehmen.

Denn wir haben die einmalige wirtschaftspolitische Chance, aus eigener Kraft künftigen Wohlstand zu erarbeiten und das mit sauberer Energie. Ich kann aber die Forderung verstehen, dass die Menschen, die Belastungen ertragen müssen auf der anderen Seite etwas gut haben wollen, und daran arbeiten wir auch.

Wie wollen Sie die Menschen überzeugen? Arbeitsplätze, saubere Energie, Beteiligungen an den Anlagen – all diese Argumente sind bekannt.

Wir arbeiten an einer finanziellen Beteiligung der Menschen an diesen Anlagen, wir versuchen auch Strompreise regional zu staffeln. Aber über Generationen war es auch so: Diejenigen, die produktiv waren, haben unter den Fabriken gelitten, aber auf der anderen Seite für breite Teile der Gesellschaft und für sich selbst Wohlstand erwirtschaftet.

Heute sind die Opfer im Bereich der erneuerbaren Energien sehr gering. Da gibt es keine Umweltverpestung. Da ist vielleicht eine geringe Lärmbelästigung, ein bisschen Schlagschatten und ein wenig die Sicht eingeschränkt – aber es ist das Symbol für saubere Energie, auf das wir stolz sein können. Die Alternative – und das darf man nie vergessen – sind Kohle- und Atomkraftwerke.

Gegenwärtig jedenfalls müssen in MV mit die höchsten Netzentgelte bezahlt werden. Das ist doch ungerecht.

Wir sind in Gesprächen mit den anderen Bundesländern, um die Entgelte bundesweit umzulegen. Es ist aberwitzig, dass diejenigen, die den Strom produzieren, die höchsten Entgelte für die Netze zahlen. Ich bin mir sicher, dass sich da demnächst etwas ändern wird.

Kann ein Teil des Problems sein, dass einige, die sich vor Ort wehren, es gar nicht mehr nötig haben, sich für die Allgemeinheit einzusetzen? Diejenigen, die sich gut situiert in die ländliche Idylle zurückgezogen haben und das nun nicht aufgeben wollen.

Das ist oftmals leider so. Die Menschen in Ost und West haben nach dem Krieg eine Aufrüstung der Industrie in Kauf genommen, weil sie damit im eigenen Land ihren Lebensunterhalt sichern konnten. Dieses Bewusstsein ist wohl nicht mehr so ausgeprägt.

Aus meiner Sicht ist dieser Widerstand auch ein Luxusproblem. So wird bei uns kein Mensch seine Heimat verlieren, wie in Brandenburg, wo viele Dörfer dem Kohleabbau zum Opfer gefallen sind.

Es gibt Leute, die handeln da schon aus sehr egoistischen Motiven und verbauen damit der jungen Generation wirtschaftliche Perspektiven. Der Rückzug in die ländlichen Idylle ist aus Sicht des Einzelnen nachvollziehbar, darf aber nicht die Richtschnur für die Entwicklung des Landes sein.

Wir müssen auf die wenigen Wachstumskerne setzen und davon jetzt unsere Bürger überzeugen. Ich hatte es mir nicht so schwer vorgestellt, das gebe ich ehrlich zu.

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