Unsere Themenseiten

:

Wie ein Baby-Mord in der DDR an einem Tag aufgeklärt wurde

Die Polizei, Freund und Helfer der Kinder: Natürlich wurde auch mit gestellten, offiziellen Volkspolizei-Fotos ein positiver Eindruck gegenüber der Bevölkerung vermittelt.
Die Polizei, Freund und Helfer der Kinder: Natürlich wurde auch mit gestellten, offiziellen Volkspolizei-Fotos ein positiver Eindruck gegenüber der Bevölkerung vermittelt.
"Die Volkspolizei"

1983 erstickte eine junge Frau ihr Kind. Ein Ermittler von damals erinnert sich an den Fall – und kritisiert eine aktuelle Studie zu sexuellem Missbrauch in der DDR.

Den 20. Juni 1983 wird Peter Kunzig wohl nie vergessen. Es war einer dieser Tage voller Arbeit und Grauen. Gleich drei Entführungen wurden in dieser Woche in Ostberlin gemeldet. Ein Fall hat sich eingebrannt: „Eine Mutter kam um die Mittagszeit aufgelöst zu uns. Ihr vier Monate altes Kind sei aus dem Kinderwagen im Hof entführt worden“, sagt der heute 73-Jährige. Die Kripo-Maschinerie setzte sich in Gang.

Die Polizisten erarbeiteten ein so genanntes Weg-Zeit-Diagramm, in dem die Aufenthaltsorte und -zeiten der 21-jährigen Mutter Sabine K. und ihres Lebensgefährten erfasst wurden. „Dabei stießen wir auf Unstimmigkeiten.“ Die junge Frau wurde in die Mangel genommen. Sie gestand schließlich, ihr Baby getötet zu haben. Die Pflichten als Mutter seien ihr zu viel gewesen, „sie wollte wieder tun und lassen können, was sie wollte“, wird es später im Gerichtsbericht der Berliner Zeitung zu den Motiven der Mörderin heißen.

In wenigen Stunden den Fall gelöst

Nach dem Geständnis fanden die Ermittler den Leichnam des Kindes hinter einem Stromkasten auf einem einsam gelegenen Grundstück. „Ohne das Geständnis hätten wir das tote Baby nie gefunden“, sagt Kunzig. Sabine K. wurde 1984 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Noch heute ist Kunzig stolz darauf, dass er und seine Kollegen den Fall in nur wenigen Stunden gelöst hatten. Von 1973 bis 1985 arbeitete Kunzig als Untersuchungsführer bei der Kripo. Zu seinem Verantwortungsbereich gehörten die Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs.

Jedem Hinweis auf Gewalt an Kindern sei nachgegangen worden

Deshalb ärgert er sich auch über die verkürzte Zusammenfassung einer gerade erschienenen Studie zu den Hintergründen sexuellen Missbrauchs an Kindern in der DDR. Demnach seien diese Straftaten tabuisiert und Täter nicht verfolgt worden. Zumindest letzteres stimme nicht.

Genauso wie heute sei aber auch zu DDR-Zeiten jedem Hinweis auf Gewalt gegenüber Kindern nachgegangen worden. Auch wenn offiziell versucht wurde, den Eindruck zu erwecken, Kriminalität werde mit dem Fortschreiten des Sozialismus nach und nach verschwinden, habe es die gesamte Palette an Straftaten gegeben, auch gegenüber Kindern. Dazu gehörten sexuelle Handlungen Erwachsener an Kindern in der Öffentlichkeit, Exhibitionismus vor Mädchen und Jungen sowie Delikte gegenüber Kindern in der Familie.

Expertise beleuchtet Hintergründe des Missbrauchs

„Historische, rechtliche und psychologische Hintergründe des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen in der DDR“, so der Titel der Expertise, die jüngst von der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft vorgelegt wurde. Eine Grundaussage: „Sexueller Missbrauch war in der DDR ein Politikum und wurde als solches behandelt und gleichermaßen tabuisiert.“ Einbezogen wurden Akten der Stasi, der Staatsorgane der DDR und interne Statistiken. Demnach habe es 1960 bis 1989 etwa 84 000 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs gegeben. 36 000 Täter seien verurteilt worden. Durchschnittlich führten 43 Prozent der Anzeigen zur Verurteilung. Der Anteil der Anzeigen gemessen an der Bevölkerungszahl lag in DDR und BRD in etwa gleich. Die Urteilspraxis in der DDR sei über die Jahre immer milder ausgefallen. 1960 bis 1967 wurden 80 Prozent der Täter zu Freiheitsstrafen verurteilt, 1989 waren es knapp 44 Prozent. Gemessen an der Bevölkerungszahl gab es die meisten Fälle in Berlin, gefolgt von den Bezirken Frankfurt, Halle und Neubrandenburg.