Ex-Freundin erstochen
Wie ein Fitness-Tracker half, einen Mord aufzuklären

Die Ermittler rekonstruieren die Tat im Badezimmer des Opfers und filmten die nachgestellten Szenen. Kollegen verfolgten die Szenen im Bad dann auf drei Monitoren.
Die Ermittler rekonstruieren die Tat im Badezimmer des Opfers und filmten die nachgestellten Szenen. Kollegen verfolgten die Szenen im Bad dann auf drei Monitoren.
Symbolbild (Uhr) / Polizeidokumente

Weil er seine Ex-Freundin erstochen hat, ist ein 41-Jähriger zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Ein internes Dokument der Polizei zeigt, wie eine Fitness-App den Mörder überführte.

Der 41-jährige Jens H. ist Ende Januar vor dem Landgericht Rostock wegen Mordes an seiner Ex-Freundin zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zuvor hatte er versucht, die Tat als Notwehr darzustellen.

Die Informationen, die bislang zu dem Fall an die Öffentlichkeit gelangten, hatten bereits für viel Aufsehen gesorgt. So ging der Tat eine Beziehung des Opfers mit dem Täter voraus, aus der ein gemeinsamer Sohn entstanden war.

Im Internet nachgestellt

Doch nach zwölf Jahren war alles vorbei. Die Frau versuchte, in Güstrow ein neues Leben zu beginnen. Jens H. aber wollte kein neues Leben. Er legte sich nach der Trennung unter falschem Namen ein Profil in einem sozialen Netzwerk an, um mit seiner Ex-Freundin wieder in Kontakt zu treten. Dies gelang ihm auch und gab offenbar die Gelegenheit zum Mord an der damals 36-jährigen Sophie W. in ihrer neuen Güstrower Wohnung.

So weit die aus der Verhandlung bekannten Fakten. Doch es gibt eine Reihe bislang unveröffentlichter Informationen, die einen seltenen Einblick in die Arbeit der Ermittler geben. Unterlagen der Rostocker Polizei, die dem Nordkurier vorliegen, zeigen zum einen auf, wie die Notwehr-Darstellung des Mannes durch ein minutiöses Nachstellen des mutmaßlichen Tatablaufs widerlegt werden konnte. Zum anderen gibt das Dokument preis, dass die Daten eines Fitnesstrackers den Angeklagten schlussendlich des Mordes überführten.

Polizei schweigt

Die an den Ermittlungen beteiligten Polizeidienststellen wollten sich auf Nordkurier-Nachfrage nicht zu den Inhalten des Dokuments äußern und verwiesen an die Pressestelle am Landgericht Rostock. Dort wollte man die Informationen weder bestätigen noch dementieren. Es gab auch keine Auskunft über den gemeinsamen Sohn.

Weder darüber, wo der Junge sich zur Tatzeit befand, ob er bei der Mutter oder dem Vater lebte, noch darüber, was nach der Verhaftung des Vaters mit ihm geschah. Allerdings teilte die Vorsitzende Richterin Hansje Eidam mit, dass mittlerweile Revision gegen das Mord-Urteil eingelegt worden sei.

Am 4. März vergangenen Jahres fanden Beamte Sophie W. tot in der Badewanne ihrer Güstrower Wohnung. „Die Frau wies eine Vielzahl von Stichverletzungen in der Herzgegend auf“, heißt es dazu in dem Dokument.

Täter spricht von Notwehr

Der ehemalige Lebensgefährte Jens H. hatte sich zuvor selbst der Polizei gestellt. Dabei gab er an, die Frau erstochen zu haben, weil er um sein Leben fürchtete. Demnach habe die Ex-Freundin „seinen Kopf unter Wasser gedrückt“, als er nach einem „Gerangel“ vor der Badewanne kniete. Jens H. gab an, dass er sich aus dieser Situation befreit und danach in Todesangst auf die ehemalige Partnerin eingestochen habe.

Laut Medienberichten wies die Leiche zwölf Stiche in der linken Brustseite auf. Zwei trafen das Herz direkt, ein Stich durchbohrte es. Sophie W. versuchte, die Attacken abzuwehren. Dabei durchdrang die Klinge ihre Hand.

Aus dem Nordkurier vorliegenden Dokumenten geht hervor, wie eine Zusammenarbeit mehrerer Polizeidienststellen, der Staatsanwaltschaft Rostock sowie der Rechtsmedizin Rostock direkt am Tatort „die Version des Beschuldigten eindrucksvoll widerlegt.“

Mord wurde nachgestellt

Während zwei Beamte, die der Statur von Opfer und Täter entsprechen, laut Polizei-Unterlagen versuchten, die Notwehr-Version des Ex-Partners nachzustellen, verfolgten alle weiteren anwesenden Ermittler das Geschehen aus Platzgründen über drei Monitore vom Nachbarzimmer aus.

Was sie auf den Bildschirmen beobachten konnten, führte zu der Schlussfolgerung, dass die Notwehr-Version schon allein aus „anatomischen Gesichtspunkten“ nicht stimmen konnte: So wurde klar, dass Jens H., während er nach eigener Schilderung vor der Badewanne kniete, „mit dem Kopf nicht so weit in die Wanne gedrückt werden konnte, dass er mit dem Gesicht unter Wasser gekommen wäre.“

Opfer trug Fitness-Uhr

Zudem half den Ermittlern, dass „der Todeszeitpunkt auf die Minute genau bestimmt werden“ konnte, wie aus dem Dokument hervorgeht. Dafür kam den Beamten zugute, dass Sophie W. zur Tatzeit einen „Fitnesstracker der Marke Garmin am Handgelenk getragen hatte“.

Derartige Uhren oder Armbänder sind beispielsweise bei Langstrecken-Läufern beliebt, da mit ihrer Hilfe nicht nur die Laufdistanz, sondern auch die Schrittfrequenz oder der Kalorienverbrauch aufgezeichnet werden können.

Entscheidend für die Ermittler war, dass der Fitnesstracker von Sophie W. neben Daten zum Bewegungsprofil auch die Herzfrequenz dokumentierte. „Aufgrund des abrupten Endes der Aufzeichnungen beider Parameter konnte der Todeszeitpunkt auf die Minute genau bestimmt werden“, heißt es in dem Dokument.

Todeskampf bis zu den letzten Herzschlägen

Ein Mitarbeiter des App-Herstellers aus Bayern sagte im Prozess am Landgericht Rostock als Experte aus. Laut Polizei-Unterlagen konnte dieser Experte „anhand der gespeicherten Daten das Verhaltensbild der Geschädigten über ihren Todeskampf bis hin zu den letzten Herzschlägen erläutern.“ Eine Interview-Anfrage des Nordkurier beim Hersteller des Fitnesstrackers blieb bislang unbeantwortet.

„Der Todeskampf der jungen Frau dauerte mehrere Minuten“, sagte der Richter im Prozess vor dem Landgericht Rostock, nachdem er die Ausführungen des Experten gehört hatte. Der Fall habe den Richter an einen Hinterhalt erinnert, so die Aussagen im Gerichtssaal.

Laut Anklage hat Jens H. die Mutter des gemeinsamen Sohnes aus Eifersucht getötet. Der Tat sei ein monatelanger Chat in einem sozialen Netzwerk vorausgegangen, bei dem der Mann ein Fake-Profil benutzt hatte. So habe er Sophie W. getäuscht und sich ihr genähert. Jens H. hatte sich nach Auffassung der Anklage vermutlich mit einem Schlüssel Zutritt zur Wohnung verschafft und seine ehemalige Partnerin dann getötet.