Prof. Susanne Wurm ist Lehrstuhlinhaberin und Leiterin der Abteilung für Präventionsforschung und Sozialmedizin am I
Prof. Susanne Wurm ist Lehrstuhlinhaberin und Leiterin der Abteilung für Präventionsforschung und Sozialmedizin am Institut für Community Medicine der Universität Greifswald. Oliver Mark/ZVG
Gesund und voller Pläne das Leben bis zum Ende in vollen Zügen genießen, wer wünscht sich das nicht? Dass
Gesund und voller Pläne das Leben bis zum Ende in vollen Zügen genießen, wer wünscht sich das nicht? Dass man dazu selbst sehr viel beitragen und sein Leben verlängern kann, das haben Forscher an der Uni Greifswald herausgefunden. Uli Deck
Die Natur macht es dem Menschen vor: Immer wieder neu ins Leben starten, sich Ziele setzen und dennoch anerkennen, wer und was
Die Natur macht es dem Menschen vor: Immer wieder neu ins Leben starten, sich Ziele setzen und dennoch anerkennen, wer und was man ist, das sind ein paar Bausteine für ein längeres gutes Leben.stockadobe.com © beeboys - stock.adobe.com
Forschung

Wie können wir lange und glücklich leben, Frau Professorin?

Die Lebenserwartung um mehrere Jahre verlängern? Eine Studie der Universität Greifswald hat sich mit den Gründen für ein langes und zufriedenes Leben beschäftigt.
Greifswald

Wer positiv aufs Altern blickt, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterentwickelt, aber auch mögliche Grenzen akzeptiert, kann seine Lebenserwartung um bis zu 13 Jahre verlängern. Das hat Prof. Susanne Wurm von der Universität Greifswald zusammen mit einer Kollegin deutlich machen können. Carina Göls sprach mit der Leiterin der Abteilung für Präventionsforschung und Sozialmedizin am Institut für Community Medicine über diese Studie sowie daraus resultierende Tipps und Ratschläge für uns alle.

Nordkurier: Menschen leben erstaunliche 13 Jahre länger, wenn sie Altern als Entwicklungsprozess sehen. Das haben Sie mit einer Kollegin in einer Studie belegen können. Warum war und ist es für Sie in Ihrer Arbeit so interessant, sich mit dem Thema Altern zu befassen?

Prof. Susanne Wurm: Mich fasziniert, dass mit steigendem Alter Menschen immer weniger einander ähneln. Siebenjährige sind in ihrer Entwicklung noch vergleichbar. Bei Siebzigjährigen ist die Bandbreite schon gewaltig. Mich interessieren besonders die Faktoren, die Menschen so unterschiedlich werden lassen. Dabei schaue ich vor allem auf die Zutaten, die uns gesund älter werden lassen – ein Wunsch, den wir wahrscheinlich alle miteinander teilen. Daraus abgeleitet gilt: Wir können unsere Zukunft entscheidend selbst beeinflussen, ohne Wundermittel, sozusagen Prävention in Reinform.

Ist es auch ein Phänomen unserer Zeit, dass Menschen sich mehr mit dem Altern beschäftigen statt einfach zu leben und das Alter als gegeben hinzunehmen?

Der Begriff demografischer Wandel ist mittlerweile allen bekannt, doch die Auswirkungen werden zumindest in Deutschland immer noch unterschätzt. Vor rund 40 Jahren lag der Anteil von Menschen ab 60 Jahren noch bei rund 20 Prozent, heute liegt er bei rund 29 Prozent. Wir haben über die vergangenen rund 100 Jahre sozusagen ein drittes Lebensalter hinzugewonnen, durch die starke Zunahme der Lebenserwartung. Das hat enorme gesellschaftliche Auswirkungen, die beispielsweise in den USA mehr beachtet werden als bei uns. Deutschland sollte hier dringend aufholen, damit wir besser auf den demografischen Wandel vorbereitet sind.

Wie lange haben Sie an der aktuellen Studie gearbeitet und mit wie vielen Probanden?

Die Arbeit hat ungefähr ein Jahr in Anspruch genommen. Dabei konnten wir auf eine umfangreiche und repräsentative Befragung zurückgreifen, die in Deutschland bundesweit seit 1996 durchgeführt wird. Dieses wertvolle Datenmaterial hat uns die entscheidenden Hinweise aus einem Zeitraum von 23 Jahren für unseren überraschenden Befund gegeben.

Ich war von diesem deutlichen Befund selbst überrascht, als wir 2021 die komplexen Analysen von 2400 Studienteilnehmern rechneten. In einem aufwändigen Gutachterverfahren mussten wir unsere Studie ausführlich begründen, bevor die Studie dann erscheinen konnte.

Ihre Ergebnisse wurden im internationalen Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht. Wie kann man dieses Journal wissenschaftlich einordnen? Und kann das jeder beispielsweise im Internet lesen?

Fachzeitschriften werden anhand verschiedener Gütekriterien eingestuft. Das Journal of Personality and Social Psychology gehört zu den sehr guten Fachzeitschriften, es zählt zu den besten 25 Prozent in seinem Fach. Leider kann es nicht jeder im Internet lesen, deshalb haben wir auch eine Pressemitteilung geschrieben, die die Kerninhalte des Artikels beschreibt.

Das Leben verlängern zu können ist seit jeher ein Menschheitstraum, dessen Erfüllung nicht nur die Forschung, sondern zum Beispiel auch die Kosmetikindustrie antreibt, immer neue Produkte für ein junges Aussehen trotz vieler Lebensjahre verkaufen zu können.

Welche Rolle spielen psychosoziale Faktoren, wie das Umfeld, Bildung und Lebensfreude? Hört man damit im Alter auf? Oder hat es Einfluss, wie ich mental mein Leben betrachte und angehe? Und welche Rolle spielt das in der Kindheit erworbene Bild des Altseins etwa im Umgang mit den Großeltern und dann später mit den eigenen Eltern?

Wir wissen seit langem, dass es bereits genügt, wenn wir in jungen Jahren ein negatives Altersbild entwickeln. Schon dann können diese Altersstereotype für uns viele Jahre später gravierende gesundheitliche Folgen haben. Wer mit einem negativen Bild älter wird, hat zum Beispiel eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, eine Herz-Kreislauferkrankung, also zum Beispiel einen Herzinfarkt, zu erleben.

Durch viele Studien ist bekannt, dass zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle dafür spielen, wie gesund wir älter werden und wie lange wir leben. Dazu zählen auch die von Ihnen angesprochenen Faktoren Bildung, Lebensfreude und Optimismus sowie die Gesundheit, die eine Person bereits mitbringt. Wir haben in unserer Studie diese Faktoren mitberücksichtigt. Unsere Sicht auf das Älterwerden spielt aber über diese Faktoren hinaus eine bedeutsame Rolle für ein langes Leben. Die Wirkung dieser positiven Sicht auf das Älterwerden kann ich gar nicht genug herausstellen.

Wenn wir über die gesamte Lebensspanne blicken, können wir nachweisen, dass Menschen mit einem positiven Altersbild im Durchschnitt 13 Jahre länger leben und das wohlgemerkt als Benefit für ein aktives und gesundes Leben.

Gibt es ähnliche Forschungsprojekte wie Ihres in Deutschland und in anderen Ländern?

Ja, unter anderem gab es eine vergleichbare Studie von meiner amerikanischen Kollegin Becca R. Levy von der Yale Universität in den USA. Diese Studie erschien vor genau 20 Jahren, also im Jahr 2002, übrigens in genau der gleichen Fachzeitschrift. Sie konnte damals zeigen, dass Menschen mit einer positiven Sicht auf das Älterwerden im Durchschnitt 7,5 Jahre länger leben – diese Zahl findet sich bis heute in vielen Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen.

Wir konnten nun erstmals anhand von Daten aus Deutschland zeigen, dass Menschen im Durchschnitt sogar 13 Jahre länger leben. Anders als Levy können wir genauer sagen, welche Sichtweisen auf das Älterwerden dabei besonders relevant sind: Erleben Menschen das Älterwerden als persönliche Weiterentwicklung, haben sie also Ziele und Pläne und können ihre Ideen realisieren, dann trägt das zu längerem Leben bei.

Ist Ihr Projekt abgeschlossen? Und wird es weitere in der Art geben?

Ich forsche schon seit sehr vielen Jahren dazu, welche Rolle unsere Vorstellungen vom Älterwerden für die Gesundheit und Langlebigkeit spielen. Das werde ich auch in Zukunft tun. Zum Beispiel untersuche ich auch, über welche Wirkpfade unsere Sicht auf das Älterwerden zu Gesundheit und einem langen Leben beiträgt.

Aktuell untersuche ich dieses Thema aber auch im Rahmen eines gemeinsamen Projektes mit der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Greifswald. Wir wollen hier unter anderem besser verstehen, ob Vorstellungen vom Älterwerden auch dafür bedeutsam sind, wie gut sich Menschen nach schwerwiegenden Krankheiten erholen.

Was macht in Ihren Augen ein erfülltes Altern aus?

Das ist natürlich eine höchst individuelle Angelegenheit. Glück und Zufriedenheit lassen sich nur schwer von außen messen. Wichtig ist, ob eine Person ihr Altern als erfüllt erlebt. Es gibt ein paar Zutaten, die vielleicht dazu beitragen können, wie bei einem guten Gericht. Kochen muss das dennoch jeder selbst und mal gelingt dies besser, mal weniger gut.

Zu solchen Zutaten zählt, dass es hilfreich ist, wenn Menschen einen Sinn in ihrem Leben sehen können, wenn sie Ziele oder Pläne haben, die für sie bedeutsam sind und wenn sie diese mit anderen Menschen teilen können, die ihnen wichtig sind. Hilfreich ist dabei, Dinge zu ändern, die man ändern kann (und möchte), aber auch akzeptieren zu können, dass man manche Dinge nicht ändern kann.

Welche Tipps für ein längeres Leben ganz ohne Wundermittel können Sie Menschen denn geben? Gibt es quasi Bereiche in der Gesellschaft, in der Wirtschaft, die von Ihren Forschungsergebnissen profitieren? Und haben Sie ein persönliches Rezept fürs Älterwerden?

Suchen Sie sich positive Seiten des Älterwerdens und hinterfragen Sie die typischen negativen Bilder vom Alter. Bleiben Sie offen und neugierig und probieren Sie immer wieder etwas Neues aus, bleiben Sie beweglich in jeder Hinsicht – im Kopf wie mit dem Körper.

Und schließlich: Hören Sie nie auf, Dinge lernen zu wollen. Dazu zählt auch, zu lernen, dass wir manche Verluste, die wir mit dem Älterwerden erleben, akzeptieren müssen. Die große Kunst ist das Finden einer guten Balance zwischen dem Verfolgen von Zielen und dem Loslassen dessen, was nicht zu ändern ist.

Ich halte regelmäßig Vorträge vor Fachexperten, aber auch interessierten Laien und erlebe ein großes Interesse. Ich berate auch Unternehmen und Ministerien und erlebe ein Umdenken in der Prävention. Mir liegt besonders am Herzen, die Zivilgesellschaft, aber auch Politik und Wirtschaft für das Thema Altersdiskriminierung zu sensibilisieren. Denn wir sehen oft negative Altersbilder im täglichen Kontakt zwischen Patienten und Ärzten, Pflegepersonal und Pflegebedürftigen oder auch Vorgesetzten und ihren Mitarbeitern.

Die Weltgesundheitsorganisation hat das Jahrzehnt zwischen 2021 und 2030 zur Dekade des gesunden Älterwerdens erklärt. Ein zentraler Appell der WHO war dabei, unsere negativen Vorstellungen vom Älterwerden zu reduzieren und Altersdiskriminierung zu bekämpfen.

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Spielt es auch eine Rolle, wo man lebt, um gut oder weniger gut zu altern? Wo und wie leben die glücklichsten Menschen am längsten?

Ja, die Forschung hat Regionen identifiziert, in denen Menschen am längsten leben. Diese sogenannten Blauen Zonen liegen zum Beispiel auf Sardinien (Italien) und Okinawa (Japan). Es wird noch einige Zeit ins Land gehen, bis wir genau wissen, warum diese Menschen so lange leben. Sicher ist aber schon jetzt, dass Ernährung und Bewegung hierbei ebenso eine Rolle wie eine positive Einstellung.

 

Warum sollte man sich aufs Altern freuen, statt es einfach anzunehmen?

Das lässt sich vielleicht am einfachsten mit unseren Studien begründen: Menschen mit einer positiven Sicht auf das Älterwerden bleiben gesünder, zufriedener und leben viele Jahre länger – drei gute Argumente, sich lieber auf das Altern zu freuen.

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