Bache, Frischlinge und Wolf sind doch gut zu unterscheiden, oder?
Bache, Frischlinge und Wolf sind doch gut zu unterscheiden, oder? Nordkurier
Angriff

Wie konnte ein Jäger Wolf und Wildschwein verwechseln?

Ein österreichischer Jäger sagt, ein Wolf habe ihn gebissen. Letztlich war es aber wohl ein Wildschwein. Der Vorfall wirft Fragen auf. Wie kann man die Tiere verwechseln?
Neubrandenburg

Philipp K. aus Höflein in Österreich hatte vergangene Woche berichtet, von einem Wolf gebissen worden zu sein. Die Polizei dementierte das. Laut ihrer Rekonstruktion der Ereignisse kann der Angreifer kein Wolf, sondern muss ein Wildschwein gewesen sein. Der Vorfall soll spätabends gegen 23 Uhr passiert sein – es war also dunkel. Viele Nordkurier-Leser stellten K.s Befähigung zum Jäger in Frage. Wer kann denn Wildschwein und Wolf nicht unterscheiden? – so kommentierten die Leser.

In der Nähe des Frischlings ist die Bache

Kann man im Dunkeln tatsächlich schlecht erkennen, wer oder was einen da gerade angreift? Lernt man das nicht während der Jägerausbildung? Einer, der das wissen muss, ist Henning Voigt. Er ist stellvertretender Geschäftsführer des Landesjagdverbandes Mecklenburg-Vorpommern. Vor allem aber kümmert sich Voigt auch um den dortigen Jägerlehrhof, um die Aus- und Weiterbildung von Jägern, Brauchtum, Schalenwild und jagdliches Schießen.

Und auf die Frage des Nordkurier, ob man in der Dunkelheit überhaupt unterscheiden könne, ob ein Wolf oder ein Wildschwein angreift, sagt er: „Man lernt in der Jägerausbildung schnell, wie ein Wolf oder ein Wildschwein aussieht.” Angenommen, der österreichische Jäger hat einen Frischling angeschossen und ist ihm hinterhergegangen – dann muss man auch davon ausgehen, dass sich in der Nähe die Bache, also das Muttertier, aufgehalten hat. Das lernt man tatsächlich schon in der Schule. Wenn also ein Jäger einem angeschossenen Frischling hinterherjagt, dann wäre es nicht verwunderlich, wenn der dann von einer Bache angegriffen wird.

„Wir lernen hier nicht Minigolf”

Da kommt dann auch wieder Voigt ins Spiel: „Ich habe in der freien Natur zwar noch nie einen Wolf gesehen, würde mir aber zutrauen zu unterscheiden, ob eine Bache oder ein Wolf mich beißt”, sagt er. Das liege schon am unterschiedlichen Gebiss der Tiere.

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Also war Jäger K., dessen jagdliches Fachwissen viele Nordkurier-Leser in Frage stellten, tatsächlich auf dem falschen Pfad? Voigt vermutet, dass der Österreicher womöglich unter Schock stand.

Allerdings, solle man das Wild unterscheiden können. „Wir lernen hier nicht Minigolf”, sagt Voigt. In der Ausbildung lerne man, Sicherheitsaspekte zu beachten, aber auch zu erkennen, was man da schießt. Ohnehin dürfe man nur auf ein Tier schießen, wenn man weiß, was es für eins ist.

Onlineausbildung wird kritisch gesehen

Henning Voigt hat aber noch eine weitere Vermutung. „Womöglich hatte der Jäger aus Österreich seine Theorieausbildung online absolviert”, sagt er. Diese Art der Vermittlung sieht Voigt kritisch. Zwar ist das gestattet. Aber es mache einen großen Unterschied, ob man per Internet, Tiere zu unterscheiden lernt oder vor Ort. Voigt sagt, dass manche nach einer Onlineausbildung so schlau wie zuvor gewesen seien.

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Deshalb ist Voigt auch froh, dass sein Verband seit Anfang Juni wieder Jägerausbildungen anbieten darf. „Wir waren seit November im Corona-Lockdown”, sagt er. Es habe viele Anmeldungen aber auch Absagen gegeben. „Doch jetzt hat ein neuer Kurs begonnen und wir hoffen, dass die Ausbildung wieder laufen wird”, sagt Voigt. Dann kann man sicher auch Bache und Wolf voneinander unterscheiden.

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