IMMER ANDERE CORONA-REGELN

Wie lange hält Tourismus das Hin und Her noch aus?

Ein stetiges Auf und Ab: Schließungen im Frühjahr, viele Urlauber im Sommer, strenge Einreise-Beschränkungen und jetzt Lockerungen. Kriegt der Tourismus in MV jetzt noch die Kurve?
dpa
Mecklenburg-Vorpommern hebt Quarantänepflicht im Tourismus auf
Mecklenburg-Vorpommern hebt Quarantänepflicht im Tourismus auf Stefan Sauer
Boltenhagen.

Strandspaziergänge können auch im Herbst schön sein. Das zeigen die zahlreichen Menschen, die am Strand des Ostseebades Boltenhagen (Nordwestmecklenburg) entlangwandern, Kapuzen und Mützen tief ins Gesicht gezogen, zum Schutz vor Wind und gelegentlichen Schauern. Mehr noch als in den Vorjahren blieb in den Badeorten an der Ostsee nach einer guten Sommersaison die Nachfrage nach Hotelbetten oder Ferienwohnungen weiter hoch.

Doch der massive Anstieg der Corona-Neuinfektionen mit einer zunehmenden Zahl von Risikogebieten in Deutschland trübte die Hoffnung der Gastronomen und Hoteliers auf eine auch ertragreiche Nachsaison. Insbesondere im Tourismusland Mecklenburg-Vorpommern mit den bundesweit schärfsten Einreisebeschränkungen – die nun ab Mittwoch aber der Vergangenheit angehören sollen.

Tagelange Quarantäne hat Urlauber abgeschreckt

Manuela Homuth-Weilepp betreibt mit ihrem Mann ein Hotel mit Restaurant in Boltenhagen. „Im Oktober sind die Gäste im Durchschnitt nicht mehr so lange da wie im Sommer”, erzählt sie. Im Schnitt blieben sie drei bis vier Tage. Damit wird klar, dass die bislang gültige Regelung Touristen aus Risikogebieten von Reisen nach Mecklenburg-Vorpommern abhielt. Denn sie mussten sich auch bei vorliegendem negativem Corona-Test noch für mindestens fünf Tage in Quarantäne begeben, bevor sie mit einem weiteren negativen Testergebnis auch wieder zu Strandspaziergängen aufbrechen konnten.

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„Es ist unattraktiv für Touristen, sich hier in häusliche Quarantäne zu begeben. Das ist mit der Praxis nicht umsetzbar”, sagt der Geschäftsführer des Landestourismusverbandes, Tobias Woitendorf. Gemeinsam mit dem Hotel- und Gaststättenverband hatte er daher auch immer wieder bei der Landesregierung interveniert, die bundesweit einmaligen Vorgaben abzumildern und an die Praxis anzupassen.

Viele Fragen wegen unterschiedlicher Regelungen

Zumal die Branche mit einer erfolgreichen Sommersaison bewiesen habe, dass die Hygienekonzepte gut umgesetzt worden seien und aus dem Tourismus heraus kein Infektionsgeschehen ausgelöst worden sei, betont Woitendorf. Sein Verband habe bis zu 800 Anrufe pro Tag erhalten. „Durch die uneinheitlichen Regeln entstehen viele Fragen, und die Unsicherheit ist groß”, berichtet er.

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Das beharrliche Drängen der Branche und wohl auch die – zum Teil von Gerichten veranlassten – Entscheidungen anderer Bundesländer, die dort geltenden Beherbergungsverbote gänzlich abzuschaffen, haben die Regierung in Schwerin zum Einlenken veranlasst. Am Samstag verkündete Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), dass in Mecklenburg-Vorpommern für Urlauber aus deutschen Risikogebieten künftig ein aktueller negativer Corona-Test ausreicht.

Am Dienstag will das Kabinett die Quarantäneverordnung anpassen, so dass ab Mittwoch die neue Regelung wirksam werden kann. „Wir begrüßen den Verzicht auf den zweiten Test, den Mecklenburg-Vorpommern für sich alleine hatte, und den Verzicht auf die verschärfte Quarantäneverordnung”, sagt Woitendorf.

Viele Jobs in Gefahr

Für Ostseebäder wie Boltenhagen ist der Tourismus existenziell. Fast die komplette Wirtschaft sei dort vom Tourismus abhängig. „80 bis 90 Prozent der Jobs hängen am Gastgewerbe”, sagt Bürgermeister Raphael Wardecki (Grüne). Er begrüßt die Entscheidung der Landesregierung. Die neue Regelung sorge dafür, dass der Gesundheitsschutz gewahrt werden könne und die Tourismusbranche zugleich mehr Sicherheit für das Geschäft bekomme. Zudem würden nun zumindest an der Ostseeküste gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen: „Es war doch keinem zu erklären, dass in Travemünde andere Einreisebestimmungen herrschen als bei uns, im wenige Kilometer entfernten Boltenhagen”, sagt Wardecki.

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Das Grand Hotel in Heiligendamm hat im Oktober nach eigenen Angaben bislang Übernachtungsstornierungen im Umfang von rund 150 000 Euro erhalten. Die Hälfte gehe auf Touristen aus Berlin zurück, sagt der geschäftsführende Hoteldirektor Thies Bruhn. Durch Buchungen aus anderen, nicht als Risikogebiet eingestuften Regionen seien die Stornierungen aber weitgehend aufgefangen worden.

Ein Drittel der Übernachtungen storniert

Das gelang längst nicht überall. Nach Angaben Woitendorfs wurde landesweit etwa ein Drittel der Übernachtungen für die Herbstferien storniert. Besonders auf Usedom und Rügen, beliebten Reisezielen der Berliner, sei dies zu spüren gewesen. Etwa jeder vierte Tourist komme sonst zu dieser Jahreszeit aus Berlin. Doch hatte die Hauptstadt Anfang Oktober die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschritten und war so zum Hotspot geworden – mit Folgen.

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Die coronabedingten Verluste aus dem Frühjahr habe sie im Sommer wieder komplett reingeholt, berichtet Homuth-Weilepp.„Seit Ende Mai war unsere Beherbergung jeden Tag voll. Die Zahlen sind besser als in den vorherigen Jahren.” Doch auch sie habe im Oktober aufgrund der Corona-Risikogebiete mehrere Stornierungen erhalten. Die bundesweit wachsende Zahl von Infektionen macht zudem ihre Planungen schwierig. Für Weihnachten und Silvester sei bereits alles ausgebucht. „Das läuft aber alles unter Vorbehalt. Wer weiß, ob die Gäste dann auch alle kommen dürfen”, sagt sie. Doch die nun geltenden Regelungen dürften auch bei ihr die Zuversicht stärken. Weitere Anfragen lehne sie vorsorglich ab. „Nachher habe ich mehr Gäste als Plätze.”

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