FAMILIEN IM AUSNAHMEZUSTAND

Wieder harte Zeiten für Eltern und Kinder in MV

Die Kitas schließen ab Montag, die Schulen in Mecklenburg-Vorpommern aller Voraussicht nach auch. Für Familien mit Kindern ist die seit einem Jahr andauernde Corona-Krise extrem belastend.
Claudia Klose und ihr Sohn Gero. Die Schulschließung bereitet der jungen Mutter Bauchschmerzen.
Claudia Klose und ihr Sohn Gero. Die Schulschließung bereitet der jungen Mutter Bauchschmerzen. Privat
Juliane Bertram aus Pasewalk sorgt sich um die Zukunft ihrer Tochter.
Juliane Bertram aus Pasewalk sorgt sich um die Zukunft ihrer Tochter. NK-Archiv
In der Europaschule Arnold Zweig in Pasewalk herrschte am Donnerstag noch Betrieb. Ab Montag wird es wohl für länger
In der Europaschule Arnold Zweig in Pasewalk herrschte am Donnerstag noch Betrieb. Ab Montag wird es wohl für längere Zeit still. Rainer Marten
Schüler der Europaschule Arnold Zweig in Pasewalk warten nach dem Unterricht auf den Bus. Ab Montag müssen sie wohl
Schüler der Europaschule Arnold Zweig in Pasewalk warten nach dem Unterricht auf den Bus. Ab Montag müssen sie wohl zu Hause bleiben. Rainer Marten
Miriam Haude aus Lüttenhagen bei Feldberg ist froh, dass die Großeltern das Homeschooling übernehmen.
Miriam Haude aus Lüttenhagen bei Feldberg ist froh, dass die Großeltern das Homeschooling übernehmen. Ulrich Krieger
Susanne Rotzal-Netzband aus Weitendorf bei Feldberg ist froh, dass ihr Mann in Elternzeit ist.
Susanne Rotzal-Netzband aus Weitendorf bei Feldberg ist froh, dass ihr Mann in Elternzeit ist. Ulrich Krieer
Andrea Metz aus Hoffelde bei Feldberg muss ab Montag wieder drei Kinder zu Hause betreuen.
Andrea Metz aus Hoffelde bei Feldberg muss ab Montag wieder drei Kinder zu Hause betreuen. Ulrich Krieger
Ulf Gohrs aus Burg Stargard sorgt sich um die sozialen Kontakte seines Sohns.
Ulf Gohrs aus Burg Stargard sorgt sich um die sozialen Kontakte seines Sohns. Tim Prahle
Neubrandenburg ·

Während Vertreter aus Landesregierung, Wirtschaft, Gewerkschaften, Kommunen und Landkreisen am Donnerstagabend beim MV-Gipfel über einen möglichen harten Lockdown beraten, rechnen Tausende Eltern im Land wieder mit dem familiären Ausnahmezustand: Schulen zu, Kitas zu, alles zu und zwar wochenlang, dazu Ausgangssperren, Kontaktverbote und mehr.

Darauf nämlich laufen die Pläne der Regierung nach Nordkurier-Informationen hinaus. Schon ab Montag dürfte das öffentliche Leben aller Voraussicht nach weitgehend heruntergefahren werden. Was bedeutet das für all die Eltern in Mecklenburg-Vorpommern, die seit vielen Monaten immer wieder den Spagat zwischen Homeschooling, Beruf, Kinderbespaßung und vielleicht sogar noch eigenen Interessen hinbekommen müssen?

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Alleinerziehende und ihre Kinder trifft es oft besonders hart

Kopfschütteln löst die Corona-Politik des Landes bei Nadine Drews aus Koblentz im Landkreis Vorpommern-Greifswald aus. Mutter von zwei Kindern, 11 und 12 Jahre alt, alleinerziehend. Sie muss weiter arbeiten. „Die Kinder sind im Homeschooling, eine Tante schaut vorbei, was die Kinder machen, sonst würde es gar nicht gehen”, sagt sie. Mit der Länge des Homeschooling lasse verständlicherweise auch die Lust am lernen nach, was wiederum einen Leistungsabfall nach sich ziehe. „Die politischen Entscheidungen sind nicht nachzuvollziehen”, so die Koblentzerin. Auch an der Müritz herrscht Unsicherheit und Frust in den Familien.

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„Wir sind Eltern und keine ausgebildeten Lehrer”, kommentiert Kristin Grote aus Pasewalk die Festlegung, dass ihre zehnjährige Tochter ab Montag wieder Zuhause ist. „Ich mache mir wirklich Sorgen um einen erneuten Leistungsabfall, auch wenn wir die Aufgaben gemeinsam lösen, wissen wir nicht, ob alles korrekt ist. Kontrolliert wird nicht, was wir herausgefunden haben”, sagt sie. „Problematisch ist auch, dass dann wieder alle sozialen Kontakte wegbrechen.”

Großeltern springen ein

Nur weil er und seine Frau als Großeltern einspringen, treffe das Homeschooling der Familie seiner Tochter nicht so stark, sagt Roland Haase aus Viereck, der am Donnerstag seine elfjährige Enkeltochter von der Schule aus Pasewalk abholte. „Was das Homeschooling betrifft macht meine Tochter schon Druck, unsere Enkelin lernt aber auch gut. Mittag gibt es bei uns, nachmittags geht es dann raus, damit auch ein Ausgleich da ist.

Auf die Hilfe ihrer Eltern greift auch Mirjam Haude aus Lüttenhagen in der Feldberger Seenlandschaft zurück. Ihre Tochter Tessa besucht die dritte Klasse. „Mein Mann und ich sind berufstätig und können nicht zu Hause bleiben. Zum Glück haben wir unsere Eltern, die dann einspringen. Unser Kind arbeitet am Laptop, wobei die Geschwindigkeit der Datenübertragung zu wünschen lässt. Wir helfen hier natürlich auch bei vielen Aufgaben. Das ist natürlich eine zusätzliche Belastung. Dabei dürfen wir unseren zweijährigern Sohn nicht vernachlässigen”, sagt die 39-Jährige.

Nur weil sie aktuell nicht berufstätig sei, könne sie die kommenden Phase zusammen mit ihrer zehnjährigen Tochter bewältigen, sagt Claudia Schmidt aus Pasewalk. „Wir werden keine Probleme haben, bei vielen anderen sehe ich die aber”, sagt sie.

Wahnsinnig schwierige Zeit

Für Beatrice Oertel aus Neverin in der Mecklenburgischen Seenplatte und ihren achtjährigen Sohn ist der Lockdown eine „wahnsinnig schwierige” Zeit. „Wir Eltern sind eben keine Pädagogen, Lehrer können die Aufgaben einfach besser erklären. So kommen wir selbst und die Kinder schnell an unsere Grenzen.” Sie fühle sich allein gelassen. „Meinem Sohn fehlt dann auch schnell mal die Motivation, weil er nicht mit sienen Klassenkameraden zusammen lernen kann. Uns Eltern kostet der Spagat natürlich auch Kraft, aber für seine Kinder will man eben alles ermöglichen. Und man merkt, dass die vergangenen Monate bei den Kindern Spuren hinterlassen haben. Da besteht viel Redebedarf.”

Mit Unbehagen denkt Claudia Klose an die kommenden Wochen. Ihr Siebenjähriger besucht die erste Klasse in Neverin. „Die Schließung der Schulen bereitet mir Bauchschmerzen. Da kommen dann 40 bis 50 Arbeitsstunden in der Woche zusammen und das gemeinsame Lernen am Vormittag. Ich fühle mich da als Elternteil auch nicht wirklich begleitet. Es werden nur die Aufgaben gestellt, aber wirklicher Unterricht findet nicht statt. Beim letzten Mal musste ich mir selber Erklärvideos suchen. In der ersten Klasse kommt dazu: Die Kinder konnten sich noch gar nicht richtig kennenlernen. Da fehlen dann wirklich prägende soziale Kontakte.”

Für die Neubrandenburgerin Doreen Knispel ist Schule zu Hause ebenfalls eine Belastung, da ihr Mann und sie beide in Vollzeit arbeiten und ihr Partner sogar außerhalb der Stadt. „Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.” In den Hauptfächern klappe alles gut, allerdings fielen Religion oder Kunst teils „hinten runter”. Zu Hause hätten die Kinder auch mehr Ablenkung, was schwierig für die Motivation sei. „Da müssen wir gemeinschaftlich durch.”

Homeschooling mit drei Pflegekindern

Drei Pflegekinder, sieben, zehn und elf Jahre alt, haben Andrea Metz und ihr Mann aus Hoffelde bei Feldberg zu betreuen. Das lässt sich nicht mit dem Beruf in Einklang bringen. „Ab Montag muss mein Arbeitgeber wieder auf mich verzichten”, sagt die 60-Jährige. „Ich lasse die Kinder nicht im Stich. Zwei Schulen schicken Unterrichtsmaterial per Post, eine arbeitet mit dem Internet. „Das mit dem Internet ist aber sehr umständlich und vieles muss erst ausgedruckt werden.”

Nora Domscheidt aus Malchin, Mutter eines Erstklässlers, findet es unmöglich, dass die Kinder wieder nicht in die Schule gehen sollen. „Die sozialen Kontakte, die fehlen einfach”, meint sie. Gerade mal fünf Monate habe ihr Kind in diesem Schuljahr Unterricht gehabt.

Susan Marschefski aus Leuschentin bei Malchin bereitet sich darauf vor, dass sie von zu Hause aus am PC arbeitet, kocht, Hausaufgaben macht und putzt. „Das ist richtig stressig”, sagt sie. Bei der Kleinen müsse sie noch helfen, die sei erst in der ersten Klasse. Die Große in der neunten Klasse arbeite schon sehr selbstständig. Das laufe. Eine Nachhilfe habe sie bereits organisiert. Dort könne sie über Whats App viel fragen, wenn sie nicht weiterkommt. Wenn Home-Schooling auch wieder nervig ist, sei es richtig. Die Angst sei da, sich anzustecken. Die Kinder seien nunmal Überträger.

Manche sind erstaunlich gelassen

Es gibt aber auch Eltern, die die Mehrfachbelastung erstaunlich gelassen bewältigen. Juliane Bertram aus Pasewalk gehört zu jenen Müttern. „Die Entscheidung nervt mich eigentlich nicht, denn es sind ja unsere Kinder, für die wir uns nun einmal entschieden haben. Viel schlimmer ist für mich die Situation danach. Welche Entscheidungen werden getroffen, damit unsere Kinder den Lernstoff aufholen? Welche Zusatzprogramme werden entwickelt? Gibt es Förderprogramme”, fragt sie. „Resignierend ist, dass ich keine in die Zukunft gerichteten Programme sehe und mich frage, wie die Schülerinnen und Schüler der zehnten oder der zwölften Klassen nach einer Phase des Leistungsabfalles die Prüfungen schaffen sollen?” Das Bildungsministerium halte an alten Konzepten fest, der Lehrplan sei fest gestrickt und werde nicht verändert.

Sie habe noch Glück, unterstreicht sie: Ihre zwölfjährige Tochter, jetzt in der fünften Klasse, besitze eine gute Lernbereitschaft und arbeite selbständig. „Am Tag sozial nicht eingebunden sein, macht ihr schon zu schaffen, weil auch wir arbeiten. Das spüren wir abends, wenn alle Emotionen auf uns einströmen.“

Janko Klöpsch, Familienvater aus Neubrandenburg, sieht im Homeschooling kein großes Problem. Seiner Ansicht nach könnte man aber einiges besser machen. Er finde es beispielsweise nicht gut, dass der digitale Unterricht trotzdem noch in Papierform stattfindet. „Warum kann die Bundesrepublik bespielsweise nicht einen standardisierten Rechner herausbringen, auf dem sich alles befindet, was Schüler und Lehrer brauchen, aber auch nicht mehr.” Andere Länder, wie etwa Afrika, würden es Deutschland vormachen.

Ulf Gohrs aus Burg Stargard ist ebenfalls entspannt. „Bei meinem Sohn klappt es mit dem Homeschooling ziemlich gut, er ist aber auch schon 16 Jahre alt. Bei kleineren Kindern wäre das sicherlich eine andere Geschichte. So braucht er keine durchgehende Betreuung, sondern bearbeitet selbstständig seine Aufgaben. Viel schlimmer wiegt für ihn, dass ihm die sozialen Kontakte fehlen, das frustriert Jugendliche in dem Alter natürlich besonders.”

Susanne Rotzal-Netzband aus Weitendorf bei Feldberg ist erleichtert: Ihr Mann ist in Elternzeit und betreut die Kinder. Allerdings sorgt auch sie sich um die sozialen Kontakte. „In diesem Jahr war Emely erst zwei Wochen in der Kita. Damit ist die wichtige Vorschule hinten runtergefallen.”

Eine Mutter freut sich sogar – aus einem bestimmten Grund

Stephanie Franz aus Nossendorf im Norden der Mecklenburgischen Seenplatte sieht das alles ganz anders. „Ich war schon bei der ersten Schulschließung froh und erleichtert und habe sehr gehofft, dass die Schulen erst mal zumachen. Ich neige tendenziell dazu, dass die Eltern entscheiden dürfen, ob sie ihre Kinder in die Schule lassen oder nicht, und kenne auch so viele andere Eltern, die sich sehnsüchtig wünschen, dass der Zwang aufgehoben wird.”

Sie selbst sei Risikopatientin. „Für Schüler mit wirklich kranken Eltern ist das eine ganz schwierige Situation. Sie haben enorme Ängste, dass sie sich infizieren und das Virus nach Hause schleppen. Und es gibt ja Millionen Familien, denen es so geht.”

Homeschooling sei natürlich erst mal ein Problem gewesen, nicht nur wegen der Technik und der Verbindung. „In der ersten Zeit fand es gar nicht statt. Die Schüler waren mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Jetzt ist die Situation auch nicht viel besser. Manche Lehrer machen das gut, andere nicht. Es fehlt die Struktur.” Ihre Kinder seien wegen Corona beide von der Schule abgegangen. „Mein Sohn macht jetzt eine Ausbildung und kann darüber seinen Abschluss mitmachen.”

Einige Kinder bekommen Notbetreuung

Weil sie in einem systemrelevanten Beruf, im Krankenhaus arbeitet, trifft es Nancy Viestenz und ihren Mann aus Koblentz nicht so hart. „Wir nehmen für unsere Tochter, die die 7. Klasse in Pasewalk besucht, die Notbetreuung in Anspruch. Sonst würde es gar nicht gehen. Mein Mann ist in der Baubranche tätig, er müsste kündigen”, sagt sie. „Mir tun nur die Kinder leid, die wirklich isoliert die Aufgaben lösen müssen.” Kein Verständnis bringt die Koblentzerin für die vielen neuen und widersprüchlichen Regelungen auf. Sie ist für einen klare Linie, die zeichne sich aber nicht ab.

Auf die Notbetreuung für ihre Kinder greift auch Marion Beer aus Pasewalk zurück. „Wir haben das Glück. Meiner Tochter gefällt es dann sogar noch mehr in der Schule, weil die Klassen klein sind und die Lehrer mehr Zeit haben.” Für alle anderen werde es wieder eine „schlimme Zeit”, sagt sie.

Absolut gegen Schließung

Ganz und gar gegen die Schulschließungen ist Steffi Kähne aus Strasburg. „Die Schulen müssen offen bleiben. Bildung hat oberste Priorität”, sagt die Mutter des achtjährigen Malte, der die Grundschule Strasburg besucht. In der Zeit der Corona-Pandemie haben aus ihrer Sicht der Einzelhandel und die Kinder am meisten gelitten.

Wie solle später der Fachkräfte-Nachwuchs aussehen, wenn man jetzt keine Bildung anbietet, fragt die Strasburgerin. Homeschooling könne den Unterricht in der Schule nicht ersetzen. In so mancher Familie werde nicht kontrolliert, ob die Kinder die Hausaufgaben erledigen. Steffi Kähne findet, dass der Schulbesuch auch für die Kinder möglich sein muss, deren Eltern nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten. Wenn beide Elternteile arbeiten, müsse man eine Betreuung anbieten.

 

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Kommentare (3)

Ich glaube nicht, dass es Eltern gibt, die gelassen wegen des Zirkus sind. Es bleiben die langfristigen Sorgen, was aus den Kindern wird. Als Vorbild das digitale Afrika zu nehmen, ist gewagt. Die Anforderungen der Bildung in Afrika sind für das folgende Berufsleben bei weitem nicht mit Deutschland vergleichbar.

Die fehlende Lehrerfrage in MV ist doch nach Corona gelöst.
Jedes Elternteil ist doch dann ein ausgebildeter Lehrer, oder?

Echt jetzt?
"Andere Länder, wie etwa Afrika, würden es Deutschland vormachen"
Wenn die Schulen schließen, warum sinkt dann das Bildungsniveau der NK Redaktion?
Was ist eigentlich die Hauptstadt von Afrika? Und die Nationalhymne? Welche Währung benutzt man?
Fragen über Fragen, so relevant wie der ganze Artikel