ARBEITERWOHLFAHRT ROSTOCK

Wo eine Hand die andere wäscht

Jetzt brodelt es auch bei der Awo in Rostock. Dubiose Beraterverträge, umstrittene Wahlen, Posten-Geschacher zwischen Funktionären und SPD-Politikern zeichnen das System aus.
Eine Hand wäscht die andere bei der Arbeiterwohlfahrt.
Eine Hand wäscht die andere bei der Arbeiterwohlfahrt. NK-Grafik
Rostock.

Es müssen herrliche Zeiten gewesen sein – in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts hatten sich Verantwortliche der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Rostock ihr eigenes wirtschaftliches Paradies gezimmert. Fast schon selbstverständlich marschierte der seit 2002 amtierende Vorstandschef Christian Kleiminger vorne weg. Der hauptberuflich als Rechtsanwalt tätige Kleiminger ließ sich von seinen Awo-Vorstandskollegen einen Beratervertrag mit seiner eigenen Kanzlei genehmigen. Abgesegnet wurde dieser Vertrag in einer Vorstandssitzung am 27. April 2005. Mit anderen Worten: Der Awo-Chef Kleiminger ließ sich gegen ein entsprechendes Honorar vom Rechtsanwalt Kleiminger juristisch beraten.

Ihr Okay zu dieser ungewöhnlichen Konstellation gaben unter anderem die Vorstandsmitglieder Detlef Bathel (er ist heute noch im Vorstand), Adelheid Priebe und Conny Proske. Letztere ist die Lebensgefährtin des späteren SPD-Finanzministers Mathias Brodkorb (SPD), der in diesem Frühling von diesem Amt zurückgetreten war. Brodkorb war damals noch nicht in der ersten Politikerriege aktiv, sondern baute für die Arbeiterwohlfahrt in Rostock und auch für andere Kreisverbände der Arbeiterwohlfahrt ihre jeweiligen ersten Webseiten. Da sowohl Kleiminger der SPD angehörte und auch der damalige Rostocker Awo-Geschäftsführer Sven Klüsener Sozialdemokrat war, half man dem SPD-Parteifreund Brodkorb gerne mit einem Auftrag – selbstverständlich, ohne den Auftrag offiziell auszuschreiben.

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Eine selbst installierte „Gelddruckmaschine“

Das Motto „Eine Hand wäscht die andere“ wurde seinerzeit bei der Awo zum Geschäftsprinzip erhoben. Auch das Awo-Vorstandsmitglied Adelheid Priebe schloss mit ihrer „ipc Dr. Talkenberger GmbH“ und als Projektleiterin der „Dorsch Gruppe“ lukrative Verträge mit der Awo Rostock. Etwas eleganter profitierte Awo-Vorstandsmitglied Detlef Bathel von seiner ehrenamtlichen Funktion – über seine Frau. Seine Ehepartnerin Anke kam mit ihrem „Bathel Planungsbüro“ ebenfalls zu einem wirtschaftlich gut dotierten Beratervertrag mit der Awo. Und so genossen die Awo-Vorstandsmitglieder ihre selbst installierte „Gelddruckmaschine“, wie es bei der Awo-Belegschaft hieß. Dass bei der Ausschüttung der Awo-Gelder in die privat-wirtschaftlichen Kassen der Vorstandsmitglieder auch Steuergelder geflossen sind, wollen Awo-Insider nicht ausschließen.

Bei der Vergabe der Aufträge ging es dabei wohl eher um einen Wohlfahrtsdeal, seltener um die Kompetenz der Auftragnehmer. Konkret: Das „Planungsbüro Bathel“ durfte ein Brandschutzkonzept für das Awo-Pflegeheim „Haus am Bodden“ in Ribnitz-Damgarten verwirklichen, baute darin aber etliche Fehler ein. Fehler, durch die bei einer dringend notwendigen Nachrüstung viel Geld verbrannt wurde.

Nach und nach wurden der Awo Rostock die Beraterverträge offenbar zu heiß, bis 2011 waren alle Verträge gekündigt. Vorstandschef Kleiminger bekam sogar schneller kalte Füße – nachdem er 2005 für die SPD in den Bundestag eingezogen war, kündigte er im August 2006 seinen offiziellen Beratervertrag. Das Selbstbedienungssystem in Rostock erinnert an den Awo-Kreisverband an der Müritz: Auch dort ließen sich Vorstandsmitglieder über Jahre bestens ausgestattete Verträge mit ihren privaten Apotheken und Architekturbüros genehmigen. Ähnliche dubiose Verträge existieren auch beim Deutschen Roten Kreuz an der Seenplatte.

Stimmen die Vorwürfe, steht die Gemeinnützigkeit auf der Kippe

Existent bei der Rostocker Awo, die mit mehr als 650 Mitarbeitern und 30 Millionen Euro Jahresumsatz zu den größten Kreisverbänden in Mecklenburg-Vorpommern gehört, ist auch immer noch Christian Kleiminger. Waren seine Anfangsjahre als Awo-Chef unter anderem von jenen Beraterverträgen geprägt, gibt es jetzt von großen Teilen der Belegschaft massive Vorwürfe, dass Wahlen wiederholt nicht rechtmäßig durchgeführt worden seien. Awo-Mitglieder sollen nicht rechtzeitig zu Wahl-Versammlungen eingeladen und gleichzeitig soll hauptamtlich bei der Awo Beschäftigten die Wahl versagt worden sein.

Aktuell werden diese Vorwürfe von einer Kanzlei überprüft. Sollten sie zutreffen, wären Wahlen und gefasste Beschlüsse ungültig, sogar die Gemeinnützigkeit der Awo stünde auf der Kippe. Sollte die Gemeinnützigkeit der Awo Rostock aberkannt werden, wäre sie in ihrer Existenz mehr als gefährdet. Mitarbeiter, die behaupten, Kleiminger würde hinter den Wahlmanipulationen stehen, werden seinerseits mit Unterlassungserklärungen bedroht.

Damit nicht genug – innerhalb der Awo gibt es Klagen in Richtung Vorstand und Geschäftsführung, notwendige Investitionen in Technik sowie Pflegeheime würden systematisch blockiert. Garniert würde die „miese Stimmung“ durch „einen rüden Umgangston von oben“. Mittlerweile gibt es binnen vier Monaten den dritten Geschäftsführer. Sven Klüsener musste im Sommer gehen – versüßt mit einer Abfindung. Abgelöst wurde er von Peter Reizlein. Der wurde von einer Unternehmensberatung engagiert, versuchte bei der Awo aufzuräumen, Missstände zu beseitigen. Das aber passte den Altgedienten im Vorstand ganz und gar nicht – von einer zur anderen Stunde wurde Reizlein vergangene Woche entlassen.

Nächste „SPD-Dill-Gurke“ als Geschäftsführer

Kurzfristig wurde Matthias Siems als Geschäftsführer installiert – die nächste „SPD-Dill-Gurke“, wie Mitarbeiter süffisant kommentieren. „Ohne Kompetenz, aber mit dem richtigen Parteibuch“, so der Tenor in der Awo. Die Belegschaft hat nach Jahren des „Missmanagements“ die Nase voll – sie will die Neuwahl des Vorstandes erzwingen. Dazu bedarf es der Zustimmung von zwei der sechs Ortsvereine.

Awo-Chef Kleiminger und Awo-Geschäftsführer Siems waren trotz mehrmaliger Versuche für den Nordkurier nicht zu sprechen. Schweigen und deckeln, eine bekannte Taktik in der Awo. Sowohl Landes- und Bundesverband der Awo sind seit Wochen über die Vorkommnisse in Rostock informiert, vertrösten die aufgebrachten Mitarbeiter aber mit substanzlosen Beruhigungspillen, sagen vereinbarte Termine ab oder melden sich einfach nicht zurück. In ihren berühmt-berüchtigten Sonntagsreden fabulieren Awo-Landes- und Bundesverband selbstverständlich dann wieder über Transparenz und Aufklärung. Das nur zu gut bekannte „System Awo“ halt.

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