„GRENZREGIME“

Zeitzeugen zu Todesfällen bei DDR-Flucht über die Ostsee gesucht

Ganze Familien ertranken bei dem Versuch, über die Ostsee aus der DDR zu flüchten. Die Universität Greifswald steigt in das Forschungsprojekt „Grenzregime“ ein und sucht Zeitzeugen.
Die Fluchtversuche von DDR-Bürgern über die Berliner Mauer sind heutzutage weitgehend erforscht. Jetzt widmet sich e
Die Fluchtversuche von DDR-Bürgern über die Berliner Mauer sind heutzutage weitgehend erforscht. Jetzt widmet sich ein Greifswalder Team den tödlich ausgegangenen Fluchtversuchen über die Ostsee. Jan Meßerschmidt
Greifswald.

30 Jahre nach der Wende sind die Fluchtversuche von DDR-Bürgern über die Berliner Mauer und die Landgrenze zur Bundesrepublik gut erforscht. Jetzt widmet sich ein Greifswalder Team den bislang wenig untersuchten Fluchtversuchen über die Ostsee.

„Nach bisherigem Kenntnisstand hatten bis zur Grenzöffnung 1989 etwa 5.600 Personen einen Fluchtversuch über die Ostsee gewagt“, sagt der Greifswalder Politikwissenschaftler Prof. Hubertus Buchstein. Rund 80 Prozent von ihnen seien bei dem Versuch verhaftet worden. Vermutlich 913 Menschen, also etwa 16 Prozent, sei die Flucht über die Ostsee gelungen.

Leichen an den Stränden

Das neue Forschungsprojekt der Universität Greifswald widmet sich nun vorrangig jenen Menschen, die bei ihrem Fluchtversuch ums Leben gekommen sind. „Mindestens 174 Flüchtlinge fanden dabei den Tod“, sagt Buchstein. Ihre Leichen seien an die Strände zwischen Fehmarn, Rügen und Dänemark gespült oder im Meer in Fischernetzen gefunden worden.

Ziel des Vorhabens sei es, die Schicksale der Opfer nachzuzeichnen und sie dadurch vor dem Vergessen zu bewahren. Dafür würden Zeitzeugen sowie Angehörige gesucht, die mit persönlichen Erinnerungen zur Aufarbeitung des Themas beitragen könnten (Kontakt: buchstei@uni-greifswald.de; Tel. +49 03834-4203150).

Das Gemeinschaftsprojekt „Grenzregime“ mit der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam wird vom Bund mit rund drei Millionen Euro gefördert. Am Ende sollen die Erkenntnisse in einem Buch sowie im Internet veröffentlicht werden.

Fluchtversuch 1979 vor Rügen

Der vermutlich tragischste Fluchtversuch hatte sich am 10. September 1979 vor der Insel Rügen abgespielt. An diesem Tag wollten sich die beiden Brüder Balzer, ihre Ehefrauen und ein Kleinkind mit zwei Paddelbooten absetzen, die sie wahrscheinlich zu einem Katamaran zusammengebaut hatten.

Bei der Überfahrt nach Bornholm waren sie von einem schweren Wetter überrascht worden. DDR-Fischtrawler fanden später drei Leichen in ihren Netzen. Eine weitere Leiche wurde bei Rügen angeschwemmt. Es gilt als sicher, dass alle fünf Personen starben.

Zweieinhalb Jahre zuvor, am 9. März 1977, war der Fluchtversuch einer fünfköpfigen Familie gescheitert, die in zwei Paddelbooten heimlich von Kühlungsborn aus auf offene See gesteuert war. Der Vater mit den zwei Töchtern kenterte, alle drei ertranken. Die Frau und ihr Sohn wurden gerettet.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Greifswald

Kommende Events in Greifswald

zur Homepage