Nico Prihoda brauchte 19 Jahre, mehrere Entgiftungen und Langzeit-therapien, um endlich drogenfrei leben zu können.
Nico Prihoda brauchte 19 Jahre, mehrere Entgiftungen und Langzeit-therapien, um endlich drogenfrei leben zu können. Zoltán Szabó
Von Gras zu Heroin

„Marihuana ist nur eine Einstiegsdroge“ − der Weg aus dem Drogenkonsum

Nico Prihoda war 19 Jahre lang den Drogen verfallen. Er musste erleben, wie gute Freunde an einer Überdosis starben. Heute ist der Mann bereit, über seine Erfahrungen zu berichten.
Malchin

Drogen zu nehmen, sei für ihn etwas völlig Normales gewesen, sagt Nico Prihoda. In guten Zeiten habe er täglich „nur“ Marihuana geraucht. „Gelegentlich“ konsumierte er auch die synthetische Droge Speed. „Gelegentlich“ – das heißt bei Nico ein bis zweimal pro Woche.

Auf Speed bereitete ihm das Putzen vergnügen

Bis zu acht Tage am Stück sei er auf Speed wach gewesen und habe dabei einen Putzfimmel entwickelt. Nicht selten habe er beispielsweise im Rausch den Teppich mit einer Zahnbürste gereinigt. Das erste Mal kam der Jugendliche aus der Seenplatte mit 16 Jahren in Berührung mit Drogen. Zwei Jahre später verfiel er harten Drogen wie Ecstasy, LSD und Speed, viel später auch dem Heroin.

„Wie eine warme Umarmung“, empfand Nico den Cannabis-Konsum

Was zu Beginn Neugier war, entwickelte sich bald zur Sucht. „Marihuana ist nur eine Einstiegsdroge“, sagt Nico Prihoda. Bei manchen Leuten wirke sie sehr viel intensiver als bei anderen. Die Drogen gaben ihm ein Gefühl von Nähe und Geborgenheit, das er so nicht kannte. Sie kamen ihm vor „wie eine warme Umarmung“. Glücksgefühle und Euphorie durchströmten ihn jedes Mal.

Als Jugendlicher wurde er in einem Internat in Neubrandenburg „abgeladen“, wie er es nennt, und war fortan auf sich allein gestellt. Erst mit 20 Jahren, nachdem seine damalige Ausbilderin ihm mitteilte, dass er einen Entzug machen müsse, um seine Lehre als Gartenbaufachwerker in Ueckermünde erfolgreich zu beenden, begriff er, dass er süchtig war. Zu dieser Zeit war er teils verwirrt, erledigte Aufgaben oftmals zweimal oder gar nicht, erzählt er.

Drei Entgiftungen, zwei Langzeittherapien und Aufenthalte in Übergangseinrichtungen

Von den Drogen wegzukommen, war das Schwierigste für Nico Prihoda. Es brauchte insgesamt drei Entgiftungen, zwei Langzeittherapien und zwei Aufenthalte in Übergangseinrichtungen für Alkohol- und Drogenabhängige – zusammengerechnet 32 Monate, bis er dem Teufelskreis der Drogen mit 35 Jahren endgültig entkommen ist.

Wenn er von dieser Zeit spricht, dann deutet Nico oft auf sein Herz. „Der Kopf wollte keine Drogen mehr nehmen, aber das Herz wollte etwas anderes.“ Meist blieb er nur solange „clean“, wie er in Therapie war oder von einer Einrichtung betreut wurde. Von seiner einst voll ausgestatteten Wohnung blieb am Ende nur das Sofa übrig – er hatte alles verkauft, um seine Drogen zu finanzieren.

Einen Tiefpunkt erreichte er, als er nach einer Therapie in Schwerin in eine Einrichtung nach Koblenz gezogen war. Im Anschluss wurde ihm ein Zimmer vermittelt, das er nur als „Absteige“ bezeichnet. Er hatte keine Freunde, wohnt in einem sozialen Brennpunkt und besaß auch sonst nichts. „Ich musste hier einfach rückfällig werden“, meint er. Dort kam er erneut mit Heroin in Berührung.

„Jeder weiß, dass Heroin tödlich ist“, sagt er und erzählt von dem traurigen Schicksal seines Freundes Eckard

Er berichtet von seinem Nachbarn und guten Freund Eckard, der eines Tages im Drogenrausch mit dem Gesicht ins weiche Kissen versunken und daran erstickt war. Als er darüber spricht, zeigt er keine besondere Regung. „Jeder weiß, dass Heroin tödlich ist“, merkt er an. Doch kalt habe ihn das nicht gelassen: Nach dem Tod von Eckard habe er nie wieder Heroin geraucht.

Er machte einen erneuten Entzug durch und zog eine Zeit lang zu seiner Halbschwester nach Bayern, wo er „clean“ blieb. Als seine Schwester mit ihrem Freund zusammenziehen wollte, musste Nico die Wohnung verlassen und kehrte schließlich nach Mecklenburg zurück, wo er wieder rückfällig wurde. Seine alten Freunde aus Jugendzeiten rauchten immer noch Marihuana, und er zog mit. Die Einstiegsdroge wurde ihm erneut zum Verhängnis, denn bald konsumierte er auch wieder Speed und Ecstasy. Selbst seinen Führerschein machte er unter Drogen. Nach einem Jahr und zwei Kontrollen durch die Polizei wurde ihm dieser entzogen. Es dauerte noch einige Zeit, bis er den Drogen endgültig abschwor. 2017 war er auf 58  Kilogramm abgemagert und fühlte sich „total am Boden“. „Das ganze Selbstbewusstsein war weg. Ich hatte gar nichts mehr im Griff, war lebensmüde und hatte Suizidgedanken. Ich wusste, ich muss Schluss mit den Drogen machen“, erzählt der 42-Jährige.

Letzter Versuch von den Drogen loszukommen in Schwerin

Nach Gesprächen mit der Sucht- und Drogenberatungsstelle des Sozialwerks in Malchin entschloss er sich dann für einen letzten Entzug in Schwerin und brach anschließend jeden Kontakt zu seinen alten Freunden ab. Heute kiffe er nicht einmal mehr und auch bei Alkohol sei er vorsichtig. Er habe zu viel gesehen, was die Drogen mit den Leuten anstellen, und erinnert sich an junge Männer ohne Zähne, mit schiefem Gesicht oder an Heroin-Süchtige, denen die Haut am Bein fehlte.

Seit fünf Jahren hat Nico Prihoda keine Drogen genommen. Heute hat er eine Freundin, seine Wohnung ist schön eingerichtet, und er arbeitet seit vier Jahren als Koch. Zurück zu den Drogen will er nie wieder. Er würde immer ablehnen, wenn ihm jemand einen Joint anbietet, und empfiehlt jungen Leuten, die Finger davonzulassen. Denn die Einstiegsdroge könne jedem zum Verhängnis werden.

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