Beidseitig des Keilerweges hinter Siedenbüssow in Richtung Wietzow erhoffen sich Landbesitzer und Investoren einen rund 7
Beidseitig des Keilerweges hinter Siedenbüssow in Richtung Wietzow erhoffen sich Landbesitzer und Investoren einen rund 70 Hektar großen neuen Solarpark. Was die Gemeinde dazu sagt, ist allerdings noch unklar. Stefan Hoeft
Im Hintergrund das Hauptdorf Alt Tellin: Auf dem Gelände der ehemaligen Deponie südlich des Ortsteiles Siedenbü
Im Hintergrund das Hauptdorf Alt Tellin: Auf dem Gelände der ehemaligen Deponie südlich des Ortsteiles Siedenbüssow steht seit einem Jahrzehnt ein Solarpark, er ist allerdings weniger als vier Hektar groß. Stefan Hoeft
Auf der Westseite des Keilerweges stellt dieser alte Landweg, der hinter der ehemaligen Deponie Siedenbüssow hinunter zum
Auf der Westseite des Keilerweges stellt dieser alte Landweg, der hinter der ehemaligen Deponie Siedenbüssow hinunter zum Tollenesetal zwischen Alt Tellin und Broock führt, die Nordgrenze für die neuen Solarpark-Pläne dar. Stefan Hoeft
Erneuerbare Energien

Heiße Diskussionen um geplanten Riesen-Solarpark

Die Gemeinde Alt Tellin möchte bei dem geplanten neuen großen Solarpark südlich von Siedenbüssow bald Nägel mit Köpfen machen. Doch bei den Abgeordneten und Bürgern ist das Vorhaben durchaus umstritten.
Siedenbüssow

Sind es die Energiewende und der Finanzbedarf der Kommune wert, den Rand des Tollensetales großflächig mit weiteren Photovoltaikmodulen vollzustellen und damit den Blick in die Landschaft zu verschandeln? Diese Frage bildet die Quintessenz jener Diskussion, die gerade Alt Tellin beschäftigt und für teils heftige Wortwechsel sowohl in einer Einwohnerversammlung während des Sommers als auch in der jüngsten Gemeindevertretersitzung sorgte. Auslöser ist ein Kooperationsprojekt zwischen der in Kruckow ansässigen Daberkower Landhof AG und dem Vattenfall-Konzern, das in einen neuen B-Plan münden soll und mehr als 70 Hektar hinter dem südlichen Rand des Ortsteiles Siedenbüssow betrifft.

Deponie dient bereits als Sonnenstrom-Kraftwerk

Dabei geht es um Ackerflächen des Betriebes am sogenannten Keilerweg Richtung Wietzow, die vergleichsweise wenige Bodenpunkte aufweisen und daher als Standort für einen Solarpark auserkoren wurden. Basierend auf einer Initiative Mecklenburg-Vorpommerns, die für Solarparks auf bis zu 5000 Hektar Agrarland minderer Qualität sogenannte Zielabweichungsverfahren entgegen dem normalen Planungsrecht ermöglicht. Zum einen handelt es sich um eine Fläche von gut 30 Hektar, die unmittelbar hinter dem letzten bebauten Siedenbüssower Grundstück an der Straße beginnt und bis an den Verbindungsweg zur Kreisstraßenkreuzung aus Richtung Plötz führt. Zum anderen geht es gegenüber liegend um ein Areal, das sogar noch ein Stück weiter gen Süden bis an einen Heckenriegel reicht. Beginnend an der ehemaligen Deponie und den sie umlaufenden Feldweg kommen dort über 40 Hektar zusammen. Wobei die besagte Deponie selbst bereits seit einem Jahrzehnt als Sonnenstrom-Kraftwerk dient.

Mehr lesen: Neue Solarpark-Pläne bei Alt Tellin

Schon im Frühjahr war das Vorhaben auf dem Tisch der Gemeindevertretung gelandet, die innerhalb von Alt Tellins Gemarkung sozusagen die Planungshoheit ausübt und ohne deren Zustimmung alles von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Sie lockt vor allem die Aussicht auf rund 150 000 Euro jährlich als Ertragsbeteiligung für die Kommune, die es zusätzlich zu etwaigen Steuereinnahmen und ohne Anrechnung auf die Umlagekraft geben soll. Sprich Geld, das 1:1 vor Ort bliebe und eingesetzt werden könnte, wie es Bürgermeister Frank Karstädt bei der jüngsten Sitzung unterstrich.

Gemeinde braucht Geld

Er verwies überdies auf die aktuell zugespitzte Energiekrise inklusive der exorbitant steigenden Kosten für die öffentlichen Haushalte. „Aber die Gemeinde hat noch gar keine Entscheidung getroffen. Und die Gemeindevertretung macht es sich auch nicht einfach mit diesem Beschluss.“ Gleichzeitig informierte er darüber, dass sich der Investor in Vorgesprächen dahin gehend äußerte, dass er sich nicht mit nur einer Straßenseite zufriedengeben wird und demnach, das Ganze dann wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit komplett abblasen würde. „Ich weiß nur eins, die Gemeinde braucht Geld“, entgegnete Karstädts zweiter Stellvertreter Björn Au auf kritische Nachfragen aus dem Publikum, die zu mehr Augenmaß beim Umfang des Solarparks oder gar einer Abkehr von diesem Standort aufforderten. „Schauen Sie sich die Neubauten an, die Straßen. Überall muss die Gemeinde investieren. Wer soll das bezahlen“, fragte er in die Runde.

Sicht auf das Tollensetal soll erhalten bleiben

„Die Gemeinde hat dieses Geld vorher auch nicht gehabt und ist trotzdem klargekommen“, warf die Abgeordnete Alina Wander ein. Sie bekannte sich zwar ausdrücklich zu erneuerbaren Energien, doch ob so etwas mit einem Großkonzern und an dieser Stelle umgesetzt werden sollte, bezweifelte sie. Genau wie ihre Fraktionskollegin Susanne Wiest, die den Landwirtschaftsbetrieb in ihre Kritik mit einbezog. Denn der verdiene das meiste daran – zu Lasten des Allgemeinguts. „Die Gemeinde sollte sich da nicht unter Druck setzen lassen.“ Zumal es ein ähnliches Projekt in der Nachbargemeinde Daberkow gebe, wo die Verantwortlichen sehr wohl mit um die 30 Hektar leben könnten.

Ihr sei es wichtig, den Landschaftscharakter und die Aussicht auf das Tollensetal zu erhalten. „Das ist für mich ein Wert und ein Gut.“ Dass es im Interesse der Bürger zu erhalten gelte, schließlich gehörten auch Landschaftsschutz und das Wohlbefinden zu den Punkten, die die Kommune neben ausgeglichenen Finanzen im Blick behalten müsse. Im Übrigen äußerte sie die Vermutung, dass die Untere Naturschutzbehörde zumindest die westlich des Keilerweges angedachte Solarfläche abschmettern wird – eben wegen des Eingriffs in eine so bedeutsame Landschaft.

Einwohner äußern Bedenken

Ähnliche Bedenken äußerten mehrere anwesende Einwohner, schon die Versammlung im Sommer hatte viel Widerspruch zu Tage gebracht. Auch diese Bürger halten das Projekt für überdimensioniert und nicht ausgewogen, was die Interessen der Allgemeinheit angeht. Dass diese Grundstücke so geringe Erträge lieferten, sei zudem in gewisser Weise die Schuld der bisherigen Bewirtschaftung, lautete ein Vorwurf. Wie schon bei Europas einst größter Schweinezuchtanlage drohe sich Alt Tellin von den Versprechungen auf Einnahmen hinreißen zu lassen, hieß es obendrein. Und am Ende müssten die Leute vor Ort dann wieder mit den Folgen leben.

Mehr lesen: Siedenbrünzow setzt auf Solarkraft

Gemeindevertreter Olaf Spillner übte sich in Pragmatismus: „Ich finde es auch nicht gut, dass Herr Maltzahn so viele Flächen hat. Aber dass er die hat, ist ein Fakt.“ Letztlich gebe es immer einen Eigentümer, der seinen Profit aus so einer Investition ziehe. Er plädierte im Hinblick auf die Aussicht vom Keilerweg auf eine Beschränkung der Paneele auf die Hanglage zur Tollense. Ein Kompromiss, den wohl auch der Investor in Betracht zieht. Ansonsten freue er sich grundsätzlich, wenn weniger Gift und Gülle auf den Acker kommen, macht Spillner klar. Was bei einer Bebauung mit Photovoltaikmodulen ja mindestens 20 bis 30 Jahre der Fall wäre.

Bau trotz Bedenken der Bürger?

„Sie haben in einer frühen Phase selbst gesagt: ‚Gegen den Willen der Bürger machen wir das nicht. Das finde ich gut‘“, erinnerte derweil Susanne Wiest den Bürgermeister. Der darauf verwiesen hatte, dass es nun schon ein Vierteljahr um dieses Projekt geht und es am 4. Oktober gemeinsam mit den Ausschussvorsitzenden einen Lokaltermin geben soll. Sozusagen die Zielgerade auf dem Weg zum Beschluss. Die Abgeordnete hingegen hegt den Verdacht, dass dieses Versprechen nur ein Lippenbekenntnis bleibt. Wenn es nach ihrem Willen ginge, würden die Bürger viel mehr einbezogen und eine Arbeitsgruppe zum Thema Solar und Windkraft gegründet – ähnlich wie es in Daberkow passiert. „Wir werden versuchen, es so gut wie möglich für alle zu gestalten“, erklärte der erste Vizebürgermeister und Bauausschussvorsitzende Jens Jager. Verbunden mit der Wahrheit, dass es sich nicht allen recht machen lasse. „Wir wollen nicht hetzen, aber wir können das auch nicht ewig verzögern“, lautete seine Ansage. Letztlich liege es am Landwirtschaftsbetrieb, welche Flächen er für so eine Verwendung ins Visier nimmt. „Wer soll das denn sonst machen. Ich habe keine Flächen dafür“, so Jager, selbst Bauer.

zur Homepage