"HORROR-ARBEITSZEITEN"

Kritik an langen Arbeitstagen im MV-Tourismus

Tourismusland Nummer eins: Mit diesem Titel schmückt sich MV gerne. Doch der Erfolg hat seinen Preis, den die Beschäftigten zahlen – sagt ein Gewerkschafter.
Eberhard Rogmann Eberhard Rogmann
Die Besucherzahlen im Urlaubsland MV steigen. Die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Gastgewerbe sind dabei nach Auffassung der Gewerkschaft vielfach an der Grenze des Leistbaren.
Die Besucherzahlen im Urlaubsland MV steigen. Die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Gastgewerbe sind dabei nach Auffassung der Gewerkschaft vielfach an der Grenze des Leistbaren. Paul Zinken
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Güstrow.

Rekordzahlen bei Übernachtungen und achtungsgebietende Zuwachsraten vermeldet die Tourismusbranche für das zurückliegende Jahr im Landkreis Rostock. Selbst Gewerkschafter Jörg Dahms spricht von einer „starken Bilanz“. Dabei verweist der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auf die Kehrseite des Erfolgs. Dieser sei nur dank des starken Engagements der Beschäftigten überhaupt möglich.

Rund 5800 Menschen beschäftigt das Gastgewerbe nach Angaben der Arbeitsagentur im Landkreis Rostock. „Allerdings fehlen hier zunehmend Fachkräfte – auch, weil die Branche ein waschechtes Image-Problem hat“, ist Dahms überzeugt.

Ein Hauptgrund seien immer extremere Arbeitszeiten. Zwar gehöre das Arbeiten am Abend oder am Sonntag für Hotelfachleute und Kellner fest zum Job. „Aber in den vergangenen Jahren sind die Schichten deutlich länger und die Erholungszeiten kürzer geworden. Das macht nicht jeder ewig mit“, so der Geschäftsführer.

Schon jetzt Probleme bei Besetzung von Lehrstellen

Dahms kritisiert insbesondere die in MV mögliche Ausnahme vom Arbeitszeitgesetz. Danach sind 12-Stunden-Arbeitstage erlaubt, wenn Unternehmen nachweisen, dass sie einen Saisonbetrieb haben. Die Kriterien für die Ausnahmegenehmigung wurden in diesem Jahr gelockert. Nach Einschätzung der Gewerkschaft NGG könnten nun viele Hotels und Gaststätten davon Gebrauch machen, obwohl sie keine Saisonbetriebe sind. „Aber wer die Arbeitszeit immer weiter nach oben schraubt, der spielt mit der Gesundheit der Beschäftigten. Nicht umsonst gibt es gesetzliche Grenzen“, so Dahms. Das Arbeitszeitgesetz schreibt eine Regelarbeitszeit von acht Stunden täglich vor. In Ausnahmefällen kann sie auf zehn Stunden ausgedehnt werden.

„Die guten Übernachtungszahlen und steigende Umsätze zeigen, wie groß der Einsatz der Beschäftigten in der Gastronomie und Hotellerie ist“, sagt Dahms. Im Landkreis Rostock arbeiteten gerade gelernte Fachkräfte „längst am Limit“. Die dürfe man nicht mit „Horror-Arbeitszeiten“ verprellen. Schon jetzt falle es der Branche schwer genug, Schulabgänger für eine Ausbildung zu gewinnen.

Jeder Vierte von „Arbeit auf Abruf” betroffen

Die NGG warnt davor, das Gastgewerbe zum „Vorreiter für ausufernde Arbeitszeiten“ zu machen. Bei einer aktuellen Branchenumfrage der Gewerkschaft gaben 81 Prozent der Befragten an, ihre Arbeitsbelastung habe in den letzten Jahren zugenommen. Fast jeder Zweite muss demnach in der Freizeit für den Betrieb einspringen. Von der Arbeit auf Abruf ist im Gastgewerbe jeder Vierte betroffen.

„Wenn der Chef per Whatsapp in letzter Sekunde die Dienste verteilt, dann können Beschäftigte ihren Alltag kaum planen“, kritisiert Dahms. Statt längere Arbeitszeiten zu fordern, sollten Hoteliers und Gastronomen die Branche attraktiver machen: „Das fängt bei einer guten Ausbildungsqualität an und reicht bis zur Bezahlung nach Tarifvertrag. Und wenn das Personal Spaß an der Arbeit hat, dann kommen die Gäste auch gern wieder.“

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