Die Peene hat viele der Maler inspiriert.
Die Peene hat viele der Maler inspiriert. ZVG Margreet Boonstra
Margreet Boonstra hat bei ihrem Aufenthalt in der Region unter anderem den Kummerower See gemalt.
Margreet Boonstra hat bei ihrem Aufenthalt in der Region unter anderem den Kummerower See gemalt. ZVG
Kultur

Künstler malen Demmins Landschaft zwischen Idylle und Schrecken

Die Künstlergruppe Norddeutsche Realisten hat bei einem außergewöhnlichen Symposium Demmin und die Umgebung gemalt. Zur Kunstnacht sind die Werke zu sehen.
Demmin

Malerisch und idyllisch ist Demmin zwischen drei Flüssen unter dem weiten Himmel Vorpommerns eingebettet. Doch die Geschichte, die in der Luft hängt und die Erinnerungen, die die Peene auch nach all den Jahren nicht fortgespült hat, sind tragisch. Der Kontrast zog vor einiger Zeit mehrere Mitglieder der Künstlergruppe „Norddeutsche Realisten“ in die Region. Dabei geht es den Malerinnen und Malern bei ihren Symposion in unterschiedlichen Städten und Landschaften Europas laut dem Galeristen Augustin Noffke „eigentlich nur um die ästhetische Dokumentation der prächtigen Außenwelt“. Unter freiem Himmel malen sie, was sie sehen, und sind dabei nach eigenen Angaben durch Wetterbedingungen, Farb- und Lichtwechsel „gezwungen, sich kurz zu fassen und aus dem Überangebot der Eindrücke ihr Bild zu finden“. Am französischen Hartmannswillerkopf, der wegen der heftigen Kämpfe im Ersten Weltkrieg auch als „Berg des Todes“ bezeichnet wird, setzte sich ein Teil der von Nikolaus Störtenbeker gegründeten Gruppe erstmals intensiver auch mit der Geschichte eines Ortes auseinander. Karsten Wolkenhauer, damals noch Pastor in Demmin, lud die Künstler daraufhin 2018 ein, auch die hiesige Landschaft zu erforschen. Zur Kunstnacht ist eine Ausstellung der bei dem Demminer Symposium entstandenen Werke zu sehen.

„Es ist ein komplexes Unterfangen, blühende Landschaften zu malen und zu zeichnen, wo schwer nachzuvollziehende Qualen lebten“, beschreibt Noffke in dem dazugehörigen Katalog. Zu dem Symposium hatte er unter anderem die Künstlerin Margreet Boonstra eingeladen. Die Niederländerin, berührt von der Tragodie, die sie in Martin Farkas‘ Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin“ gesehen hatte, nahm die Herausforderung an. „Ich war neugierig, wie eine Malerin wie ich in der Lage wäre solch eine Dunkelheit zu verdauen und in Gemälden ans Licht zu bringen“, erklärte sie. In Demmin angekommen, inspirierten sie die Ungeschminktheit des täglichen Lebens, der Natur, der Menschen, „während man darunter manchmal die Interaktion zwischen Gegenwart und Vergangenheit spüren konnte.“

Erwartungen aufgeweicht vom täglichen Leben

Ihre Erwartungen, als Künstlerin gewissermaßen an den herzzerreißenden und tragischen Erinnerungen teilzuhaben, seien aufgeweicht worden von den Eindrücken des täglichen Lebens. Zu sehen, wie „die Natur sich erholte und verdeckte“ und die Eindrücke des Demmins 75 Jahre danach mit Kollegen und Anwohnern auszuwerten, all das habe ihr die nötige Distanz für ihre Arbeit zu geben. Trotzdem war die Pleinair-Künstlerin „natürlich von mehr als ‚nur‘ einer Landschaft getriggert, die an sich schon eine Doppelbedeutung hat“. Die Doppelbedeutung, ob sie sie nun sah oder bloß spürte, erschien ihr als eine „Art versteckte Realität“, die sie im Gemälde einfangen musste. Wie sie haben nur wenige der teilnehmenden Künstler die Geschichte Demmins explizit in ihren Werken aufgegriffen.

Doch auch André Krigar hätte ohne das Wissen um die Massensuizide 1945 nach eigenen Angaben andere Bilder gemalt. „Ich hätte beispielsweise wahrscheinlich nicht diesen Himmel über der Tollense gemalt, aber sicher nicht das Triptychon“, erklärt er in einem Kommentar zu seinem Triptychon „Der Dreiweg“. Der Titel referiert auf das griechische Motiv der Weggabelung, an dem die Helden schicksalhafte und unumkehrbare Entscheiungen treffen müssen. Krigars „Dreiweg“ zeigt einsame Pfade an Peene, Trebel und Haus Demmin.

Lauschiger Ort an einer Vogelwarte

Die Peene war auch für Margreet Boonstra eine Inspirationsquelle. Wegen „der Geschichte, der Spiegelungen, der Tiefe dieses stillen Stroms: Heute so präsent und einladend wie sie wohl in jenen Tagen war.“ Doch sie erinnert sich auch noch an „die Himmel über Demmin, die jede Szene und auch den Zuschauer überspannten“. Ihre Weite hätte etwas Religiöses gehabt.

Frank Suplie, den bei der Anreise vor allem die langen Felder auffielen, fand schließlich doch noch lauschige Orte für seine Malerei, zum Beispiel an einer Vogelwarte. „Es war eine schöne Stelle“, erinnert sich der Künstler. „Alle Wetter sind darüber gezogen, Sonne, Regen und Sturm, und haben Licht- und Schattenspiele auf die Landschaft geworfen.“ Festgehalten hat er sie auf der Leinwand.

Die verschiedenen Teilnehmer des Symposiums haben ihre Eindrücke von der Region in ihrem jeweils eigenen Stil und ihrer Technik künstlerisch verwertet. Gegenstand, Fokus und Blickwinkel sind dabei unterschiedlich, doch es ist „ein liebevoller Blick“, den die Maler auf Demmin und die Umgebung hatten, meint Pastor Wolkenhauer. „Ein Blick, der neu sehen hilft“. Zu betrachten sind die Bilder am 7. Mai ab 16 Uhr in der Sparkasse, der Volksbank und im Rathaussaal. Der Film „Dreistromland“, in dem Tom Salt die Künstler bei ihrer Arbeit in Demmin begleitet hat, wird 17.30 Uhr im Kino gezeigt.

 

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