FLAKE LORENZ

Rammsteins Keyboarder erinnert sich an seine Jugend in Mecklenburg

Was hat die Band Rammstein mit dem stillen Kaff Repnitz in der Mecklenburger Schweiz zu tun? Eine ganze Menge! Flake Lorenz schätzt diesen Ort und schrieb exklusiv für den Nordkurier seine eigene Repnitz-Geschichte, in der er sich an turbulente Ferien in der wilden Nachwendezeit erinnert.
Christian Christian "Flake" Lorenz
Schräge Zeiten: Der Repnitzer Maler Malte Brekenfeld und Christian "Flake" Lorenz (rechts), damals noch bei Feeling B.
Schräge Zeiten: Der Repnitzer Maler Malte Brekenfeld und Christian „Flake” Lorenz (rechts), damals noch bei Feeling B. Alexander Mouton
Rammstein-Sänger Till Lindemann, sitzt beim Wacken Open-Air Festival auf dem Keyboarder Flake Lorenz.
Rammstein-Sänger Till Lindemann, sitzt beim Wacken Open-Air Festival auf dem Keyboarder Flake Lorenz. Axel Heimken
Schon wilde Rocker, als es Rammstein noch lange nicht gab: Links im Bild ist Garagenbesitzer Wolfgang.
Schon wilde Rocker, als es Rammstein noch lange nicht gab: Links im Bild ist Garagenbesitzer Wolfgang. Alexander Mouton
Repnitz.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass der Geschmack des Bieres nicht davon abhängt, um welche Sorte es sich handelt, sondern davon, wo man es trinkt. Und am besten schmeckt Bier in der Garage. Die Garage von Wolfgang war so gemütlich, dass er da mehr Zeit verbrachte als in seinem Wohnhaus.

Auch wir schlenderten spätestens nach dem Mittagessen, das eigentlich ein spätes Frühstück war, den Sandweg hinunter in Richtung Dorf, bis wir bei Wolfgang auf dem Hof standen. Meistens stand er schon gemütlich mit ein paar anderen Nachbarn vor der Garage und hielt ein Bier in der Hand. Wie schaffte er es bloß, dass wirklich immer mindestens ein halb voller Kasten Bier bereitstand? Wir hatten nie ausreichend Bier im Haus.

Darin bestand wahrscheinlich der Unterschied zwischen Jugendlichen und Erwachsenen, letztere hatten immer genug Bier da und wir Jugendlichen bekamen immer eins angeboten. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass je auch nur einer von uns abgelehnt hätte. Es war erstaunlich, aber ich konnte anscheinend um jede Tageszeit Bier trinken.

Es gab ja auch nichts Schwieriges, was ich danach tun musste. Autofahren war kein Problem, da wir in einem kleinen Dorf in Mecklenburg waren. Und selbst Dorf war übertrieben, eher ein Fleck. Ich habe nicht erlebt, dass hier mal ein Bewohner sein Auto stehen ließ, wenn er mehr als ein paar Bier getrunken hatte. Die meisten hatten nicht mal eine Fahrerlaubnis. Ein paar Autos standen trotzdem auf jedem Hof.

Gleich nach der Wende wollte sich jeder Ostler den Traum vom eigenen Westauto erfüllen. Nur hatten sie noch die Preise aus DDR-Zeiten im Kopf, wo ein alter Trabi oft mehr als 20.000 Mark gekostet hat. Ich habe keine Ahnung, wie viele Schrottautos in den Osten verkauft wurden, aber ich denke, dass ein Großteil des zur Währungsunion umgetauschten Geldes für Autos ausgegeben wurde.

Mit dem „kleinen Freund“ auf dem Dach gelandet

Bei mir war es jedenfalls so. Ich hatte mir vom Umtauschgeld ein Oldsmobile Regency Sedan gekauft, der allerdings nie richtig fuhr, weil die Lichtmaschine nicht richtig oder überhaupt nicht funktionierte. Der Strom reichte nicht einmal mehr für den Zündfunken. Also waren wir mit einem anderen Auto hier. Ein Freund hatte sich an der französischen Grenze einen alten R5 gekauft, den „kleinen Freund“, wie er in der Werbung genannt wurde. Angeblich hatte er dafür nur 250 Mark bezahlt, aber wenn er teurer gewesen wäre, hätte er ihn uns wahrscheinlich nicht geborgt.

Der „kleine Freund“ machte seinem Ruf alle Ehre. Wir mussten zwar den Blinkerhebel mit Gummis am Lenkrad festbinden, damit das Licht funktionierte, aber ansonsten brachte er uns wunderbar ans Ziel. Jetzt stand er vor der Garage und schien auf uns zu warten. Wir waren ein bisschen stolz auf das Auto, obwohl wir jetzt nichts anderes damit gemacht hatten, als ihn herzufahren.

Als uns jetzt der Nachbar fragte, ob er mal eine Runde drehen könnte, hatten wir nichts dagegen. Ein Freund von uns, der auch noch keine Fahrerlaubnis hatte, nutzte die Gelegenheit und stieg auch mit ein. Sie wirbelten eine kleine Staubwolke auf und waren verschwunden. Nach ein paar Stunden machten wir uns dann doch Sorgen. Dann polterte es im Flur und wir hörten ihre aufgeregten Stimmen.

Also, mein Freund wollte in sicherer Entfernung vom Dorf auch mal ans Steuer. Da er noch nie gefahren war und das Auto so schön lossauste, schätzte er die Geschwindigkeit falsch ein und flog mit vollem Schwung aus der Kurve, worauf sich der Wagen auf der Böschung überschlug. Unser Nachbar schlug sich böse das Gesicht auf, natürlich war er nicht angeschnallt.

Aufgeregt und betrunken in den sumpfigen Wiesen

Als beide herausgekrochen waren, erwachte wohl das schlechte Gewissen, jedenfalls versuchten sie mit bloßen Händen die Nummernschilder abzureißen, damit die Polizei den Weg zu uns nicht zurückverfolgen konnte. Obwohl die Schilder festgeschraubt waren, schafften sie es, und dann liefen sie mit den Schildern in der Hand geduckt über das Feld auf den Wald zu. So sehr hätten sie sich nicht zu beeilen brauchen, denn es fuhr ungefähr ein Auto pro Stunde diese Straße lang, ein Polizeiauto einmal im Monat.

Irgendwann kamen sie an einem Tümpel nicht weiter und versuchten ihn zu umgehen, aber die ganze Wiese war sumpfig und sie landeten immer wieder im Wasser. Zudem wurde es dunkel. In dieser Gegend waren sie zu Fuß noch nie gewesen und da sie auch so aufgeregt und noch betrunken waren, verliefen sie sich völlig.

Als sie wieder da waren, versammelten wir uns wieder vor der Garage und versuchten den Nachbarn zu verarzten, bevor er sich seiner Frau zeigte. Ich dachte derweil darüber nach, was ich dem Besitzer des Autos sagen soll. Aber erstmal war ich hier, und Berlin erschien mir in ungefährlicher Ferne.

Gleich am nächsten Tag wollten wir uns um das Auto kümmern. Die beiden Unglücksraben lotsten einen anderen Nachbarn, der einen kleinen Pkw-Anhänger mitbrachte, zur Unfallstelle. Da lag das Auto immer noch auf dem Dach. So verkehrt herum passte es sogar auf den Hänger, aber es wackelte bedenklich, wir hatten ja keinerlei Bänder zum Befestigen mit.

Als hätten Ameisen ein totes Tier weggeschleppt

Also fuhr der Fahrer ganz langsam, und wir liefen daneben her und hielten das Auto fest. Auf der Wiese neben der Garage legten wir es ab wie ein krankes Tier. Ich hätte mir keine Gedanken zu machen brauchen, was mit den Auto geschehen soll, denn es klärte sich von selbst.

In kürzester Zeit wurde von dem Auto alles, was verwendbar erschien, von den Dorfbewohnern nachts Stück für Stück abgebaut und davongetragen. Nach drei Tagen war das Auto schlichtweg verschwunden. So als hätten die Ameisen ein totes Tier in ihren Bau geschleppt.

Nach der Wende wurde im Osten so gut wie nichts weggeschmissen, erst recht nicht, wenn es aus dem Westen kam. Wir standen wieder an der Garage und warteten auf weitere Freunde, mit denen wir dann noch mehr Unfug machen würden und die uns dann in ihren Autos wieder mit nach Berlin nehmen konnten.

Christian „Flake“ Lorenz ist der Organist bei Rammstein und ihr Bandnarr. Ohne sein Gefiepe und Gehampel wäre der Humor, auf dem ihr schweres Rocktheater balanciert, vielleicht bis heute nie gebührend wahrgenommen worden, urteilt die Presse über den schlaksigen Berliner. Flake selbst sagt lakonisch, das sei ihm auch egal. Der 51-Jährige, mit bürgerlichem Namen Christian Lorenz, hat zwei autobiografische Bücher geschrieben, zuerst „Der Tastenficker“. Und jetzt „Heute hat die Welt Geburtstag“.

Anlass für Redakteurin Silke Voß zu fragen, ob sich „Flake“ auch an Mecklenburg erinnert. An Repnitz, wo er, damals noch als Keyboarder der Ostszene-Band „Feeling B“, wilde Ferien bei seinem Freund, dem Maler Malte Brekenfeld, verbrachte. Natürlich tut er das! So gern, dass er eigens für den Nordkurier eine sympathische Geschichte voller Situationskomik geschrieben hat.

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