Eine heiße Motorsport-Mieze! Das Bergringrennen war für viele Jugendliche eine Chance, mal ordentlich Dampf abzulas
Eine heiße Motorsport-Mieze! Das Bergringrennen war für viele Jugendliche eine Chance, mal ordentlich Dampf abzulassen. Bergring-Archiv
Eine Riesen-Veranstaltung für mehrere Tausend Menschen aus der ganzen Republik war das Rennen in den 1980ern.
Eine Riesen-Veranstaltung für mehrere Tausend Menschen aus der ganzen Republik war das Rennen in den 1980ern. Bergring-Archiv
Dietmar Lischke, Held des Teterower Bergrings. Das Kamerateam bewunderte damals das große Engagement der Fahrer.
Dietmar Lischke, Held des Teterower Bergrings. Das Kamerateam bewunderte damals das große Engagement der Fahrer. Bergring-Archiv
ZDF am Bergring

▶ So staunten West-Filmer 1986 an der Seenplatte (Video)

Viel wilder als im Westen ging’s in der DDR zu! Das erfuhr ein westdeutsches Filmteam, das für das ZDF 1986 beim Bergringrennen drehte und einiges erlebte.
Teterow

Mit kritischem Blick über den Rand der roten Brille schaut Eike Schmitz in seinen Terminkalender. Zum 100. Bergringrennen Anfang Juni in Teterow dabei zu sein, das wäre was! Schließlich hat er als Filmemacher „zauberhafte Erinnerungen“ an das Geschehen rings um die legendäre Grasrennbahn. Doch stattdessen steht Pfingsten ein Drehtermin mit seiner Berliner Filmproduktionsfirma in Venedig an.

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Das letzte Mal war Eike Schmitz vor fast 40 Jahren in Teterow, als die Stadt noch hinterm Eisernen Vorhang schlummerte. Was heißt schlummerte: So wild, wie es zu den Pfingstrennen hier zuging, war es im Westen nicht mehr, meint Eike Schmitz, damals Produktionsleiter einer ZDF-Dokumentation für den „Sportspiegel“.

Film auf Youtube zu sehen

Das Pikante: Eigentlich wollte der sozialistische Staat offiziell gar nicht mit dem „West“-Sender kooperieren. „Weil aber mein Schwager Carsten Krüger, ein Regisseur, mit dem bekannten DDR-Dokumentarfilmer Volker Köpp befreundet war, wurde unser kleines privates Drehteam als Kooperationspartner quasi zwischengeschaltet“, erklärt der heute 78-Jährige bei einem Interview in einem kleinen Dorf bei Mirow.

Noch pikanter: „Offenbar wusste die Obrigkeit nicht, dass wir zugleich auch mit Wolf Biermann befreundet waren. Und vor dem hatte die DDR ja mehr Angst als vor der Bundeswehr!“ Zeitweise hatte der singende Dissident nach seiner Ausbürgerung sogar bei Carsten Krüger gewohnt – dabei entstanden ist der Film „Mensch Biermann“.

Über das Bergringrennen 1986 jedenfalls ist ein atmosphärischer Film gedreht worden, der heute noch auf Youtube zu sehen ist. Viel Platz haben Landschaftsbeschreibungen, Menschen und das ganze Drumherum. Es ist ein neutraler Film über die Ost-Provinz, ohne billige Häme oder politische Zwischentöne. Freilich waren Tausende junge Leute in Fleischerhemden (die übrigens auch Biermann trug) aus der ganzen Republik in ihrem Freiheitsdrang dennoch ein Politikum. „Das Bergringrennen? Das war doch immer da, wo man Dampf ablassen und sich ordentlich mit der Volkspolizei prügeln konnte“, habe der Filmemacher später noch oft über Teterow gehört.

Film-Team hatte natürlich Stasi-Aufpasser zur Seite

So hat das Team auch auf dem etwas abgelegenen Zeltplatz gedreht. „Es wurde dort unheimlich gesoffen. Der Zeltplatz war wohl auch deshalb etwas abgelegen, damit die Hippies zu Fuß wieder halbwegs nüchtern am Bergring ankamen“, erinnert sich Eike Schmitz schmunzelnd. Lustige, aber auch konfrontative Begegnungen blieben nicht aus. So passierte es zum Beispiel, dass ein Jugendlicher den Mercedes-Stern vom Wohnmobil abbrach. „Plötzlich hat unser Aufpasser demjenigen einfach so eine reingeschoben. So richtig mitten ins Gesicht, dass der zu Boden ging. Wir fragten, warum er das gemacht habe, und er sagte: Glaubt ihr, ich hätte Lust drauf gehabt, dass am nächsten Tag in der Zeitung steht: Jugendlicher von westdeutschem Revanchisten niedergeschlagen?‘ Dabei war uns dieser Stern so was von egal, wir hätten jederzeit einen neuen kaufen können.“

Natürlich hatte das „Westteam“ einen „Aufpasser“, „der auch gar kein Hehl daraus gemacht hatte, bei der Stasi zu sein. Ein sehr freundlicher Mensch, der uns sogar stolz eine leckere Soljanka in unserem Wohnmobil gekocht hat. ,Ihr könnt machen, was ihr wollt‘, hat er gleich zu Beginn klargestellt, ,solange ich einen positiven Bericht schreiben kann“, erzählt Eike Schmitz. „Bei der kleinsten flapsigen Bemerkung hieß es aber auch: ,Es steht Ihnen frei, das Territorium der DDR sofort zu verlassen!‘ Aber für uns war so ein Dienstvisum ein Privileg. Und wir brachten den Käse, den Champagner und die Rolling Stones-Platten.“

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Eike Schmitz war oft in der DDR. Mit seinem Schwager drehte er auch über die sächsische Rennfahrerfamilie Melkus. „Wir sind mit wunderbar authentischen Menschen zusammengekommen. Ich war verliebt in die DDR, nicht als Kommunist, sondern wegen der Ursprünglichkeit. Für uns war es jedes Mal eine Zeitreise in die Bohème der 1950er Jahre. Ich war total charmiert, sie diskutierten da tatsächlich am Küchentisch heiß über Goethe und Schiller.“

Schmitz war vor allem oft in Ostberlin und Gransee, wo er mit vielen Intellektuellen zusammentraf: den Schauspielern Eberhard Esche und Friedo Solter, den Malern Cornelia Schleime und Helge Leihberg, der Fotografin Gundula Schulze-Eldowy oder Schriftsteller Volker Braun.

Ohne Hose in die Hotel-Bar in Neubrandenburg

Auch Regisseur Carsten Krüger hat weitgehend schöne Erinnerungen an das Teterow der 1980er. „Wir sind mit dem Wohnmobil eingereist. Die Leute waren unendlich kooperativ, sie haben uns Geräte gebaut für die Kameras, die wir dann auf Motorräder stellen konnten. Unglaublich auch, mit welchem Engagement die Rennfahrer bei der Sache waren, und das für ein wenig Internationalität und eine Kaffeemaschine oder Ähnliches als ersten Preis!“ staunt Carsten Krüger.

„Abends waren wir noch unterwegs zu so einer Heavy Metal Band. Die haben richtig einen abgezogen. Wir konnten gar nicht verstehen, dass so was erlaubt war. Wir fuhren auch in die Schlossruine Ulrichshusen. Das kommt aber im Film nicht vor, weil unser Aufpasser davon nichts wusste.“ Und auch eine Anekdote aus Neubrandenburg weiß Krüger noch zu berichten. „Wir waren in einem schicken Hotel untergebracht und wollten oben in die Bar. Da durften wir aber nicht in unseren Jeans rein. Also hat einer nach dem anderen meine Cordhose rübergezogen, während ich ohne Hosen unten geblieben bin, und ist damit nach oben. Als wir danach alle wieder in unseren Jeans von dannen sind, soll der Einlasser einen Herzinfarkt bekommen haben …“

Original-Material gestohlen

Carsten Krüger war dann auch beim Mauerfall hautnah dabei und hat später noch einen Film mit Volker Köpp über die F 96 sowie eine sechsteilige Reihe für den NDR über Ost und West gedreht. Mit seiner Berliner Produktionsfirma Filmkrug ist er weiter oft für Recherchen im Osten, auch in Mecklenburg-Vorpommern.

Eike Schmitz dreht viel für die ZDF Reihe „Terra X“. Er wollte aus dem restlichen Teterow-Material einen neuen Film machen. „Leider sind die Kisten aus meinem Studiokeller gestohlen worden“ bedauert er. Und Kopien gab es keine. Er denkt: „Wie auch die 1920er Jahre wird schon für unsere Enkel die DDR bald nur noch ein Mythos sein.“

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Kommentare (1)

Vierzig Kilometer mit dem Fahrrad ein Weg ist mein Opa als junger Mann in den Dreißigern zu diesem Rennen gefahren. Es was DAS DING damals.