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Sorge um den Stavenhagener Boulevard

In der Fußgängerzone in Stavenhagen ist nur noch wenig los. Geschäftsleute befürchten jetzt, dass mit den Plänen auf dem ehemaligen Immergut-Gelände noch mehr Leute aus der Innenstadt gezogen werden. Sie glauben, dass nichts mehr den Boulevard richtig beleben kann.
Der Boulevard in Stavenhagen ist selbst an einem Freitag so gut wie leer.
Der Boulevard in Stavenhagen ist selbst an einem Freitag so gut wie leer. Kirsten Gehrke
Schon vor fünf Jahren gab es Versuche, die Stavenhagener in ihre Innenstadt zu locken. Aber das alles hat nichts gen&uuml
Schon vor fünf Jahren gab es Versuche, die Stavenhagener in ihre Innenstadt zu locken. Aber das alles hat nichts genützt. Die Drogerie, in der dieses Schild hing, ist inzwischen dicht, wie viele andere Geschäfte auch. Kirsten Gehrke
Anrainer fragen sich bereits, ob die Malchiner Straße noch Fußgängerzone sein muss.
Anrainer fragen sich bereits, ob die Malchiner Straße noch Fußgängerzone sein muss. Kirsten Gehrke
Uhrmachermeister Wilfried Hundt sieht keine Chance mehr für den Boulevard. Auch kulturell werde sich die Fußgä
Uhrmachermeister Wilfried Hundt sieht keine Chance mehr für den Boulevard. Auch kulturell werde sich die Fußgängerzone nicht mehr beleben lassen, glaubt er. Kirsten Gehrke
Stavenhagen.

Eigentlich ist Wilfried Hundt die Ruhe selbst. Die braucht er auch für seine filigrane Arbeit als Uhrmachermeister. Doch jetzt brodelt es in ihm. Der 60-Jährige, der seine Werkstatt auf dem Boulevard in Stavenhagen hat, befürchtet den endgültigen Gnadenschuss für die Fußgängerzone. Wenn auf dem ehemaligen Immergut-Gelände auch noch Handel hinkommt, dann werde die Innenstadt ganz tot gemacht.

Hoffnung wird nicht geteilt

Netto will hier an der B  104 einen neuen Markt bauen. Die Stadtvertreter hatten dem mit einem überarbeiteten Einzelhandelskonzept zugestimmt. „Ohne uns zu fragen“, sagt Hundt. Das Schlimme sei, dass die Anrainer am Boulevard total vergessen werden. Es gebe genug Verkaufsflächen, zu viele Flächen in der Stadt. „Ein Wohngebiet hätte dort gereicht“, findet der „Meister der Zeit“. Die Hoffnung der Stadtverwaltung, dass sich mit den Plänen auch die Innenstadt beleben lasse, teile er überhaupt nicht. Es werde diesen Sog nicht geben. Die Leute würden mit dem Auto von der B  104 aus dorthin fahren und nicht zu Fuß von der Innenstadt dorthin oder entgegensetzt laufen.

Gewerbeverein stellte viel auf die Beine

„Es gibt keine Chance mehr für den Boulevard“, sagt es Wilfried Hundt drastisch. An die neuerlichen Ideen, mit mehr Kultur die Stavenhagener in die Malchiner Straße zu lotsen, daran glaubt er nicht. „Wir sind die Künstler, die solange überlebt haben.“ Von der Stadt seien sie bisher im Stich gelassen worden. Selbst seien sie diejenigen gewesen, die etwas versucht haben. Jetzt werde Kulturelles auch nichts mehr herumreißen können. Ein Gewerbeverein mit einem Wilfried Böhme an der Spitze habe sich viel engagiert, Kinderfeste organisiert, Ausstellungen in den Schaufenstern. Er habe sonstwas auf die Beine gestellt, wobei die Gewerbetreibenden ihm geholfen haben, wie mit Strom. Die Leute seien von sonst woher gekommen. „Dann musste ja alles plattgemacht werden“, sagt Hundt. Selbst so ein engagierter Stavenhagener wie Klaus Kronke habe jetzt die Stadt ganz verlassen.

Handwerk wieder aufleben lassen

Ein Geschäft nach dem anderen machte dicht. Etliche Läden sind leer und die Fenster zugeklebt. Das Internet werde sich mehr und mehr als Marktplatz durchsetzen. Touristen sehe man kaum noch. In den nächsten 20 Jahren würden kleine Städte, und das betreffe nicht nur Stavenhagen, zu Dörfern werden, wagt er zu prognostizieren. „Es passiert nichts.“ Die Malchiner Straße werde die nächste Brache sein, die Stavenhagen bekommt. Selbst habe er den Handel längst aufgegeben und sein Handwerk wieder aufleben lassen. Der 60-Jährige repariert alte Uhren, zurzeit viele aus den 1920er Jahren. Seine Kunden kommen von Schwerin bis Leipzig her. Am Wochenende sei er wieder rund um die Müritz unterwegs, um reparierte Uhren zu Kunden zurück zu bringen und vor Ort einzustellen. Ihm gehe es gut dabei, aber die Entwicklung gefalle ihm nicht.

„Blumen besser als Papier im Fenster“

Fred Burmeister, der eine Heizungs- und Sanitärfirma hat, glaubt auch, dass das Immergut-Gelände Leute aus der Innenstadt herausziehen werde. Die werde dadurch noch mehr geschwächt. Das Spielzeuggeschäft seines Vaters, das seine Schwester übernommen hatte, gebe es inzwischen auch nicht mehr. Auf der anderen Seite sei es aber gut, wenn die Immergut-Brache verschwindet. Karin Selker indes meint, dass man etwas tun könne, wenn man wolle. Man müsse die Leute nur ansprechen, um das Bild der Innenstadt zu verändern. Blumen seien da besser, als wenn man nur alle Fenster mit Papier zuklebt. Das sei kein schöner Anblick für Touristen. Als die Ausstellungen noch waren, sei das anders gewesen. Von Zeit zu Zeit hätten auch in ihrem Elternhaus, wo mal eine Fleischerei und ein Krankenkassen-Büro drin waren, Künstler ausgestellt. Jetzt versuche sie, mit Blumen das Umfeld ein bisschen zu verschönern. „Man muss fürs Aussehen etwas tun“, sagt sie.

Kämpferischer 60-Jähriger

Tabakhändler Uwe Nagel gibt ihr Recht, dass gerade die Kleinigkeiten im Ort in Vergessenheit geraten sind. Aber dass es eine große Belebung der Innenstadt noch mal geben wird, daran glaubt er auch nicht mehr. „Da sollte man sich fragen, ob die Malchiner Straße noch eine Fußgängerzone sein muss oder lieber offen gelassen werde als Alternative zur viel befahrenen Neuen Straße.“ Er wolle aber weiter durchhalten. „Was anderes brauche er nicht mehr anfangen“, meint der 60-Jährige. Er habe sich 30 Jahre durchgekämpft, dann werde er sich die letzten Jahre auch noch durchkämpfen, sagt Nagel.

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Kommentare (1)

So man es in der Schweiz. Auch dort müssen Woche für Woche dutzende kleine Geschäfte schließen. Und wenn ich all die Pakete im Hausflur sehe, dann weiß ich auch warum.