MORDFALL IN MALCHIN

Susanns Mörder ist bis heute nicht gefasst

Heute vor 25 Jahren ereignete sich in Malchin ein furchtbares Verbrechen. Die zehnjährige Susann Jahrsetz verschwand spurlos. Erst vier Jahre später wurde ihre Leiche in einem Abwasserschacht entdeckt.
Torsten Bengelsdorf Torsten Bengelsdorf
Susann Jahrsetz war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens zehn Jahre alt.
Susann Jahrsetz war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens zehn Jahre alt. Archiv
In diesem Abwasserschacht in der Nähe von Carolinenhof wurde die Leiche entdeckt.
In diesem Abwasserschacht in der Nähe von Carolinenhof wurde die Leiche entdeckt. Torsten Bengelsdorf
In diesem Plattenbau am Malchiner Zachow, der zur Zeit umgebaut wird, wohnten die Großeltern, bei denen Susann Jahrsetz einig
In diesem Plattenbau am Malchiner Zachow, der zur Zeit umgebaut wird, wohnten die Großeltern, bei denen Susann Jahrsetz einige Jahre aufwuchs. Ihre Mutter hatte längere Zeit im Ausland gearbeitet und hier kranke Kinder betreut.
Malchin.

Der Plattenbau an der Straße nach Basedow steht seit einigen Monaten schon leer. Alle Mieter sind ausgezogen, weil die Wohnungsgesellschaft den tristen Block aus DDR-Zeiten in ein Vorzeigeobjekt verwandeln möchte. Je Aufgang sind dazu zwei oder drei Etagen abgetragen worden. Baugerüste umfassen die Häuserzeile. Schon bald soll die „Platte“ nicht mehr wiederzuerkennen sein. Und doch hütet dieses Haus bis heute ein schreckliches Geheimnis.

Es ist der Abend des 12. August 1994 – heute vor 25 Jahren. Hinter dem Wohnblock tummeln sich auf einem schlichten Spielplatz einige Kinder, als es plötzlich zu regnen beginnt. Die Mädchen und Jungen strömen auseinander, jeder sucht einen anderen Weg, um schnell ins Trockene zu kommen. Die zehnjährige Susann Jahrsetz nimmt den dunklen schmalen Plattenweg an der Seite des Hauses, so viel lässt sich später noch ermitteln. Doch in der Wohnung der Großeltern, bei denen das Mädchen in den vergangenen Jahren aufwuchs, kommt Susann nie an. Als die Suche im Wohngebiet ohne Erfolg bleibt, wird den Großeltern klar, dass etwas Entsetzliches passiert sein muss. Sie schalten die Polizei ein, doch auch die kann Susann nicht finden.

Bis die Fahndung allerdings richtig professionell anlief, sei viel Zeit vergangen, meint Susanns Mutter, die heute Ramona Schön heißt. „Aus heutiger Sicht hat die Polizei nicht genug getan“, ist sie überzeugt, schränkt aber auch ein, dass inzwischen wohl ganz andere Ermittlungsmethoden möglich wären als noch vor 25 Jahren. Auch die Herangehensweise wäre heute wohl eine andere.

Immerhin hat die Polizei schon nach wenigen Tagen einen Verdächtigen – einen jungen Mann aus dem Nachbaraufgang, bei dem alles zu passen scheint. Er hatte 1986 in der Nähe von Woldegk ein 14-jähriges Mädchen getötet und war dafür von einem DDR-Gericht zu 15 Jahren Haft verurteilt, allerdings vorzeitig entlassen worden. Nach dem Verschwinden von Susann verstrickt er sich in Widersprüche, redet bei seiner Vernehmung von einem blauen Müllsack, den er an jenem Abend auf sein Moped verfrachtet hatte und damit Richtung Stavenhagen gefahren sein will. Und dann sorgt der Verdächtige nach einiger Zeit noch für eine Gasexplosion, die seine Einraumwohnung verwüstet.

Doch wer den Mann kennt, der ahnt auch, dass wohl etwas nicht stimmt an dem Verdacht der Ermittler. Er sei etwas schusselig und wohl auch nicht besonders intelligent, heißt es über den Verdächtigen. Und so einer soll ein Verbrechen begehen, bei dem nicht der Hauch einer Spur zu finden ist?

„Es ist nichts bewiesen“, sagt Susanns Mutter heute. „Er hat schon mal ein Kind umgebracht. Er ist ein Mörder, ich kenne ihn nicht und ich will ihn auch nicht kennenlernen.“

„Irgendwo rennt da draußen ein Mörder rum“

Vier qualvolle Jahre der Ungewissheit vergehen, in denen die kleine Susann wie vom Erdboden verschluckt scheint. Bis zu jenem Augusttag des Jahres 1998. Bei der Kontrolle eines Abwasserschachtes auf einem Feld zwischen Varchentin und Carolinenhof – etwa 30 Kilometer von Malchin entfernt – machen Arbeiter einen grausigen Fund. Sie stoßen in fünf Meter Tiefe auf eine Kinderleiche. Schon beim Anblick der Sachen, die Susann am Tag ihres Verschwindens getragen hatte, gibt es für die Kripo kaum Zweifel. Die Gerichtsmedizin bestätigt kurz darauf: Susann war gefunden. In dem Abwasserschacht lag die Leiche des kleinen Mädchens.

Erneut rückt der verdächtige Nachbar von Susanns Großeltern in den Fokus der Ermittler. Der damals 31-Jährige kannte die Straße zwischen den beiden Dörfern ganz genau, war hier eine Zeit lang auf dem Weg zu einer therapeutischen Behandlung mit dem Moped jeden Tag entlanggefahren. Doch was beweist das? Einen dringenden Tatverdacht können die Ermittler nie vorlegen. Nur Indizien. Der inzwischen Inhaftierte muss wieder freigelassen werden. Nach dem Landgericht in Neubrandenburg lehnt auch das Oberlandesgericht (OLG) in Rostock eine Anklage ab. Täterschaft, Tatzeitpunkt, Tatort und Ausführung – alles unklar, urteilt das OLG und verfügt, dass der Verdächtige nicht weiter verfolgt werden darf. Womöglich hatten sich die Ermittler zu sehr auf diesen einen Verdächtigen eingeschossen und dabei andere Spuren aus dem Blick verloren.

Ramona Schön arbeitet heute als Erzieherin in einem Kindergarten in Neustrelitz. Da spricht man häufig darüber, wie sich die Kinder entwickeln. Auch Großeltern kommen vorbei, um die Kleinen abzuholen. „Das alles ist nicht einfach. Ich denke sehr oft an Susann“, sagt die heute 57-Jährige. Kontakte nach Malchin hat sie nicht mehr. Auch nicht zur Polizei. „Doch die würden sich melden, wenn es irgendetwas Neues gibt.“ Hat die Mutter nach all den Jahren noch Hoffnung, dass das Verbrechen an ihrem Kind jemals aufgeklärt wird? „Ich gebe diese Hoffnung nie auf. Es ist ein ungeklärtes Kapitalverbrechen. Diese Akte darf nicht geschlossen werden. Irgendwo rennt da draußen ein Mörder herum.“

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