JAGD AUF FREMDE AUTOKENNZEICHEN

Verspielt die Urlaubsregion ihren Ruf?

Ein fremdes Kennzeichen an der Stoßstange genügt derzeit bereits, um Polizei und andere Ordnungskräfte auf den Plan zu rufen. Wozu diese Verdächtigungen führen können, hat eine Familie am Kummerower See erfahren müssen.
Der Kummerower See hat in Corona-Zeiten seine Anziehungskraft nicht verloren. Auch Ausflügler mit fremden Kennzeichen sch
Der Kummerower See hat in Corona-Zeiten seine Anziehungskraft nicht verloren. Auch Ausflügler mit fremden Kennzeichen schauten am Sonnabend vorbei. Torsten Bengelsdorf
Malchin.

Was für ein Ausflugswetter. Das mochte sich am Sonnabend auch die Familie gedacht haben, die im Auto mit einem SL am Nummernschild den Kummerower See in Salem ansteuerte. Doch der Wagen aus dem Landkreis Schleswig-Flensburg wurde verfolgt – von einem Auto mit ebenfalls bemerkenswertem Kennzeichen: MC-SM, wobei das SM für Stadt Malchin steht und die beiden Insassen alles andere im Sinn hatten, als nur das schöne Wetter zu genießen.

Die beiden sind Mitarbeiter des Malchiner Ordnungsamtes und hängten sich am Sonnabend an jedes Auto, das laut Nummernschild wohl eher nicht aus Mecklenburg-Vorpommern stammt. Und davon gab es am Wochenende gerade rund um den Kummerower See noch so einige.

Die Jagd auf Urlauber im selbsternannten Tourismusland Nummer eins ist längst eröffnet. Das bekam in den vergangenen Tagen auch ein 42-Jähriger mit seiner Familie in einem Dorf am Kummerower See zu spüren. Der ursprünglich aus Berlin stammende Unternehmensberater baut sich hier gerade ein altes Bauernhaus aus, in dem er sich mit Familie bereits mit seinem Hauptwohnsitz angemeldet hat.

Denunziation erinnert an „Horch und Guck“

Allerdings ist das Haus noch nicht zum Übernachten geeignet, weshalb die Familie erst einmal bei einem Bekannten untergekommen ist. Allein das war offenbar einigen Leuten verdächtig. Hinzu kam dann noch der Firmenwagen mit dem Berliner Kennzeichen, weil das Unternehmen nun mal seinen Hauptsitz in Berlin hat.

Genug, um den Leuten die Polizei auf den Hals zu schicken. Eines Morgens standen die Beamten vor der Tür. Vor allem die kleinen Kinder können die Situation kaum verstehen. „Ich hätte nie gedacht, dass in diesen Zeiten, in denen wir doch alle solidarisch sein sollten, nur wegen eines fremden Kennzeichens mit dem Finger auf andere gezeigt wird“, sagt der 42-Jährige, der seinen Namen lieber nicht öffentlich preisgeben möchte. Dabei hatte er die Dorfbewohner zuvor noch als sehr angenehme und nette Leute kennengelernt. Tolle Nachbarn eben. Und jetzt?

„Diese Denunziation erinnert einen an die Blockwarte oder an Horch und Guck“, zieht der Unternehmensberater eher gewagte Vergleiche und spricht von menschenverachtenden Einstellungen. Und: „Bei mir und meiner Familie ist keine Gefahr in Verzug.“

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Dabei wäre es doch so einfach, ihn nur einmal anzusprechen und zu fragen, was er denn hier macht. Das habe bisher aber niemand getan. Stattdessen würden sich einige Leute als Hilfssheriffs aufspielen. Am Ausbau seines Hauses wolle er aber trotzdem festhalten, sagt der 42-Jährige.

Verfolgen und verpetzen – in der Tourismusbranche sind derweil erste warnende Stimmen zu vernehmen, dass das Urlaubsland MV gerade seinen guten Ruf aufs Spiel setzt – bei aller gebotenen Vorsicht in der Corona-Zeit.

Der Familienausflug nach Salem mit SL-Kennzeichen war am Sonnabend übrigens völlig in Ordnung. Der Besitzer des Wagens wohnt ebenfalls in der Region und hat nur sein altes Kennzeichen am Auto behalten.

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Kommentare (1)

Mecklenburg, Vorpommern, Pommern; das waren einmal Hochburgen der Gastfreundschaft, heute sind es Hochburgen der Fremdenfeindlichkeit, wobei so richtig fremd sind die Feinde ja nicht einmal, also besser der Feindlichkeit gegenüber 100 km entfernt Wohnenden. Macht einfach den Laden dicht, Zaun drum, Dach drüber und Licht aus.