KLIMAWANDEL IN KARNITZ

Was macht die Litfaßsäule auf der Schafsweide?

Künstler und Lebenskünstler wollen mit der Litfaßsäule mitten im ländlichen Karnitz zeigen, was jeder selbst in Sachen Klimaschutz losmachen kann.
Silke Voß Silke Voß
Ein Barcode auf der Litfaßsäule kündet nach oben hin die gestiegenen Durchschnittstemperaturen der letzten 100 Jahre an. Die Litfaßsäule hat die Altkalenerin Adrienne Györgyi dorthin verfrachtet.
Ein Barcode auf der Litfaßsäule kündet nach oben hin die gestiegenen Durchschnittstemperaturen der letzten 100 Jahre an. Die Litfaßsäule hat die Altkalenerin Adrienne Györgyi dorthin verfrachtet. Adrienne Györgyi
Karnitz.

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky wünschte sich eine Villa, an deren einen Seite die Ostsee und an deren anderen Seite der geschäftige Lärm der Berliner Friedrichstraße rauscht. Beides, ein Zeichen urbanen Großstadtlebens und ländliche Ruhe, vereint noch bis Jahresende eine Kuriosität in Karnitz. Dort steht mitten auf einer Schafsweide, man reibe sich die Augen, nicht das, was man erwartet, nämlich etwa ein Baum oder Schafe, sondern eine Litfaßsäule, wie sie einst der Berliner Drucker Ernst Litfaß schuf, um moderne Menschen des vorvorigen Fin de Siécle zu informieren.

Nach Karnitz verfrachtet hat die runde Betonzeitung die Altkalenerin Adrienne Györgyi. Was möchte uns die Künstlerin darauf sagen? Wie ein zu scannender Barcode in einem Warenhaus ist die Säule von Streifen umringt. Die jedoch zeigen Alarmstufe Rot: Unsere Warenwünsche erzeugen die uns bedrohende Klimaerwärmung. Die Jahrestemperatur steigt seit kontinuierlich seit eben dem vorvorigen Fin de Siecle. Bei dem Barcode beschreibt jeder Strich ein Jahr und die jeweilige Durchschnittstemperatur.

Ungewöhnliches Ding auf der Weide

Jeden Morgen nun reibt sich nun auch der Anwohner Joachim Borner die Augen beim Blick auf das ungewöhnliche Ding auf der Weide hinter seinem Haus in Karnitz. „Ich schaue täglich aus meinem Fenster auf die Litfaßsäule, finde sie schön in einer völlig anderen Umgebung, in der sie üblicherweise steht.“ Das gibt ihm Folgendes zu denken. „Was ist da schön bei der Aussage? Schön als bequem und wohlgefällig hilft da nicht weiter. Schön als reizvoll, uns ansprechend schon mehr: Es hat was mit uns und unserer Lebensweise zu tun“, formuliert er, weiter dafür plädierend, auch kommunal zu agieren. „Wir sollten uns nicht unsere Kräfte rauben lassen, selbst auch zu handeln. Ich habe Enkel, und wenn ich mir deren Leben vorstelle in den nächsten 80 Jahren, dann habe ich sehr große Sorgen. Für mich heißt das, na los: Mach ich erst mal Dampf unterm Hintern für mehr kommunalen Klimaschutz. Hauen wir uns doch mal endlich Anlagen aufs Haus, mit denen wir eigenen Strom und eigene Wärme herstellen. Das ist simpel, man hält die Hand auf den Geldbeutel und wird zugleich unabhängiger von Preisschwankungen und -steigerungen.“

Eine Art Umwandlung allein hat schon Adrienne Györgyi mit ihrem Projekt vollzogen: Diese Litfaßsäule ist nämlich eine von denen, die der Lelkendorfer Toralf Parsch in Berlin vor dem Verschrotten gerettet und mitgenommen hat in die Mecklenburgische Schweiz. Eine weitere Säule soll beispielsweise in Gnoien gelandet sein und von der bienenfreundlichen Warbelstadt künden. Auch das ist Klimaschutz vor Ort.

Sei Aschenbrödel! - Dein personalisierbares Märchenbuch zum Film!

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Karnitz

zur Homepage