RETTUNGSWAGEN VERWEIGERT

Wenn die Leitstelle den Notruf abwimmelt

Ein Stavenhagener wollte den Rettungswagen rufen, weil seine Mutter zu ersticken drohte. Doch in der Leitstelle sah man den Fall wohl nicht so tragisch. Wer aber denkt, der Landkreis würde den Fall aufklären, wird sich jetzt wundern.
Kirsten Gehrke Kirsten Gehrke
Wer entscheidet, ob Krankenwagen und Notarzt kommen oder nicht? Das fragt sich ein Pribbenower, der sich vom Rettungsdienst der Seenplatte im Stich gelassen fühlt.  
Wer entscheidet, ob Krankenwagen und Notarzt kommen oder nicht? Das fragt sich ein Pribbenower, der sich vom Rettungsdienst der Seenplatte im Stich gelassen fühlt. © VanHope - Fotolia
Stavenhagen.

Siegfried Schulz zweifelt am Gesundheitswesen. Er ist wütend, auch noch nach Tagen. Seine 88-jährige Mutter in Stavenhagen klagte am Sonnabend über starke Schmerzen im Arm und sie habe sehr schlecht Luft bekommen. „Ich hatte Angst, dass sie erstickt, so habe ich meine Mutter noch nie gesehen“, erzählt er noch immer aufgewühlt.

Als er den Notruf 112 wählte, sei er jedoch von der Leitstelle abgewimmelt und an den Hausarztbereitschaftsdienst unter 116117 verwiesen worden. „Ihre Mutter wird sich verlegen haben, hat man zu mir gesagt. Wer entscheidet, was ein Notfall ist und was nicht? Kann man das durchs Telefon wissen? Wie gut ist unser Gesundheitswesen, wenn man einer alten Frau nicht hilft?“, fragt sich der 68-Jährige.

Die Rettungsleitstelle in Neubrandenburg gehört zum Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Der zeigt aber erstaunlich wenig Interesse, den Vorwürfen nachzugehen. Man sehe überhaupt keine Veranlassung, die Telefonmitschnitte in der Leitstelle abzuhören, um vielleicht mal der Frage nachzugehen, ob hier etwas schief gelaufen ist. Das würde man erst tun, wenn es eine Beschwerde gebe oder ein Gericht dies beantrage, erklärte Kreis-Sprecherin Haidrun Pergande.

Bei Ordnungsamt nicht vorgelassen worden

Nun hatte Siegfried Schulz ja auch versucht, eine solche Beschwerde vorzubringen. Doch wie er berichtete, sei er beim zuständigen Ordnungsamt in Demmin gar nicht vorgelassen worden, weil er keinen Termin hatte. „Ich bin einfach abgewiesen worden“, sagte er.

Im benachbarten Gesundheitsamt zeigte man mehr Verständnis, obwohl es gar nicht zuständig ist. Hier erhielt Schulz immerhin eine Telefonnummer in Neubrandenburg, an die er sich wenden könne. Dort habe sich jedoch niemand gemeldet.

Mutter letztlich selbst ins Krankenhaus gebracht

Auch auf Nachfrage des Nordkurier wollte das Landratsamt in Neubrandenburg den erhobenen Vorwürfen nicht nachgehen. „Die Kreisverwaltung wird sich keinesfalls über einen solchen oder ähnliche Vorgänge in der Öffentlichkeit äußern“, ließ Haidrun Pergande wissen und verwies dabei auf juristische Gründe und den Datenschutz. „Die Pflicht zur Auskunft besteht in diesen Fällen allein in entsprechenden Verfahren oder gegenüber der Staatsanwaltschaft.“ Damit könnte der Landkreis bald konfrontiert sein. Siegfried Schulz will nämlich wegen unterlassener Hilfeleistung Anzeige erstatten.

Er hat seine Mutter am Sonnabend letztlich selbst ins Krankenhaus nach Malchin gefahren. Dort habe man sich sofort gekümmert. „Alle waren freundlich, der Arzt kam“, berichtet Siegfried Schulz. Man habe ihm gesagt, dass es höchste Zeit war, dass die 88-Jährige ins Krankenhaus kam. Sie sei stationär aufgenommen worden. Wie lange sie in der Klinik bleiben muss, wisse er noch nicht.

„Da wird ihr jetzt wunderbar geholfen“, lobt der Pribbenower. Aber seinen Ärger wegen der Leitstelle dämpft das nicht. Für ihn sei seine Mutter ein klarer Notfall gewesen. Wenn eine Katze in ein Loch gefallen oder ein Hund im Keller eingeklemmt sei, stünden gleich sechs Feuerwehren vor der Tür, schimpft Schulz. „Aber ist ein Menschenleben nichts wert?“

Disponent entscheidet

Da der Landkreis auf solche Vorwürfe offenbar nicht antworten will, ist die Frage, wohin man sich dann wenden kann. Weiter hilft in solchen Fällen das Gesundheitsministerium in Schwerin, bietet Sprecher Gunnar Bauer an.

Wer entscheidet eigentlich, was ein Notfall ist und was nicht? Diese Entscheidung treffe der Disponent in der Leitstelle auf Grundlage der Informationen, die er im Gespräch mit dem Anrufer erfragt habe. Die Mitarbeiter seien erfahrene Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter, die für die Tätigkeit in der Leitstelle speziell geschult wurden.

„Um die Qualität der Notrufgespräche weiter zu verbessern, führen die Landkreise und kreisfreien Städte in den Leitstellen sogenannte standardisierte Notruf-Abfragesysteme ein, so auch der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte“, erklärt Bauer. „Oder sie haben diese bereits eingeführt.“ Diese Systeme würden den Leitstellen-Mitarbeiter bei der Führung des Notrufgespräches unterstützen.

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Kommentare (5)

Für Notrufe gilt eine gesetzliche Ausnahme, dass der Anrufer nicht sein Einverständnis geben muss, dass das Gespräch aufgezeichnet wird. Das Bundesdatenschutzgesetz erlaubt es trotzdem nicht, Telefonaufzeichnungen über Notrufe ohne richterlichen Beschluss abzuhören. Hätte vielleicht im Artikel stehen sollen.

"Die Mitarbeiter seien erfahrene Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter, die für die Tätigkeit in der Leitstelle speziell geschult wurden."

.... vor Ort entscheiden, ob ein echter Notfall vorliegt...?

Ich wohnte einmal in einem Haus, dessen Vermieter krank war... Ich musste hier einmal den Notruf auslösen.... Zum Glück war der Mensch beim Notrufsystem, sowie beim örtlichen Rettungsdienst bekannt. Die Rettung war auch sofort vor Ort.

Aber, dennoch meine Frage: sollte ncht doch von einem Notfall ausgegangen werden und die Rettungskräfte so schnel wie möglich vor Ort sein? Nicht jeder ist in der Lage einen echten Notfall von einer Kleinigkeit unterscheiden zu können... Daher, meiner Meinung nach, ist in jedem Fall ein Rettungswagen, zumindest ein Sani, auszusenden...

Was mir aber hier echt auf dem Sack geht ist, das niemand lust darauf hat, den Vorfall zu untersuchen! Zum Glück hatte der Mann genug Mut, die Frau selbst ins Krankenhaus zu bringen und, die Ärzte vor Ort waren auch Fit genug, um den Ernst der Lage zu erkennen...

Sagt mal, was bitte ist hier in Deutschland los, das so ein Mensch in einer solchen Lage so agieren muss....?!?!

Das gehört sich so nicht!!!

Ich wurde 2012 auch abgewiesen, man hätte Ihm belangen sollen

Bei einen, der betrunken vor Lidle lag, kam ein großes Aufgebot, mit Notarzt