OHNE SCHULDZUWEISUNGEN

Wie sich das Mobbing endlich beenden lässt

Eine Mutter aus der Seenplatte will eine Selbsthilfegruppe gegen Mobbing an Schulen gründen. Wichtig ist ihr die Botschaft, dass es nicht um Schuld geht, sondern um gemeinsame Lösungssuche.
Axel Schröder als Leiter der DRK-Selbsthilfekontaktstelle in Neubrandenburg will Kerstin Rauthes Engagement nach Krä
Axel Schröder als Leiter der DRK-Selbsthilfekontaktstelle in Neubrandenburg will Kerstin Rauthes Engagement nach Kräften unterstützen. Susanne Schulz
Neubrandenburg ·

Da trägt ein Kind nicht die angesagten Klamotten, wie armselig! Ein anderes lernt gewissenhaft und womöglich auch noch gern – was für ein Streber! Ein drittes ist einfach leicht einzuschüchtern, und das reicht als Ermutigung, das auch zu tun. Die Anlässe sind vielgestaltig und oft banal; die Folgen verheerend, wenn Kinder nicht mehr zur Schule gehen mögen, Lernlust (und Leistungsfähigkeit) verlieren, sich schließlich selbst minderwertig fühlen. Und das Eingreifen Erwachsener bewirkt oft nur, dass das Mobbing gegen die „Petze“ noch schlimmer wird.

Also muss es einen anderen Weg geben, befand Kerstin Rauthe, als sie mit einer solchen Situation konfrontiert war. Die junge Mutter aus Rosenow (bei Stavenhagen) möchte auch andere Familien unterstützen, deren Kinder von Mobbing betroffen sind. Eine Selbsthilfegruppe, die im September in Neubrandenburg ins Leben gerufen wird, soll Information und Vernetzung bieten. Wichtigstes Anliegen: Es geht nicht um Schuldzuweisungen, nicht um die Suche nach dem Ursprung des Mobbings, sondern um den Blick nach vorn als Ausweg aus dem Dilemma.

Als die Schulen geschlossen waren, ging es im Netz weiter

Denn nicht nur Eltern, auch Lehrer und Schulsozialarbeiter stehen dem Phänomen Mobbing oft ratlos gegenüber, weiß Axel Schröder, Leiter der DRK-Selbsthilfekontaktstelle in Neubrandenburg. Die monatelange Schulschließung wegen der Corona-Pandemie habe keineswegs zu einem Rückgang der Mobbing-Vorfälle geführt: Die Angriffe verlagerten sich ins Internet, wo sie nicht mehr nur Momentaufnahmen sind wie eine Attacke auf dem Schulhof, sondern dauerhaft und netzweit quälen.

Um Kinder vor Mobbing zu schützen, kann allerdings meist nur auf bekannt werdende Fälle reagiert werden, stellt der Selbsthilfe-Experte fest. Das liegt allein schon an der Unsicherheit, wo Mobbing überhaupt beginnt: beim Hänseln, beim Ausgrenzen, oder erst bei Prügeln? Kerstin Rauthe, die sich darüber umfassend informiert hat, verweist auf ein „extremes Macht-Ungleichgewicht“; egal, ob es durch körperliche Gewalt, verbal oder ganz unterschwellig ausgetragen wird, kontinuierlich gegen eine bestimmte Person. Hinzu kommt die Gruppendynamik: Gestärkt werden die Urheber nicht nur durch Mitmacher, sondern auch durch Zugucker, die sich still verhalten, um nicht selbst zum Angriffsziel zu werden.

Niemand beschuldigen, sondern nach vorne gucken

Doch wer „angefangen“ und wer wann was gesagt oder getan hat, ist unerheblich bei dem Ansatz, den Kerstin Rauthe als Ausweg erkannt hat: Bei ihren Recherchen stieß sie auf den „No Blame Approach“, zu Deutsch etwa: Keine-Schuld-Ansatz. „Das war genau, was ich suchte“, sagt die Rosenowerin: „Niemanden beschuldigen, sondern sich vernetzen und gemeinsam nach Lösungen suchen, damit Kinder sich in der Schule wieder wohlfühlen.“

Da sind durchaus auch Lehrer und Schulsozialarbeiter gefordert, um darauf hinzuwirken, dass es allen gut geht. Vor allem aber soll die Selbsthilfegruppe den Familien Beistand geben, die Rat und Hilfe benötigen. Und das am liebsten nicht erst, wenn eine dramatische Situation eingetreten ist, wünscht sich die Initiatorin: Prävention durch Information ist ihr Anspruch; das Anliegen und der Titel daher „Für ein gutes Miteinander – Mobbing-Prävention und -Intervention an der Schule“.

In Corona-Zeiten ist Nachfrage gewachsen

Vor diesem Hintergrund soll es die entstehende Gruppe nicht dabei belassen, über schlimme Erfahrungen zu sprechen. Kerstin Rauthe möchte eine Internetseite etablieren; will sich vernetzen mit Anti-Mobbing-Projekten wie „Gemeinsam Klasse sein“ von der Techniker-Krankenkasse, Unterrichtsangeboten des LKA und der Initiative für Qualitätsentwicklung (IQ) oder dem Fachbereich Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg; lädt die „No Blame Approach“-Autorin Heike Blum zu einem Online-Vortrag ein.

Unterstützung findet sie auch dabei in der Selbsthilfekontaktstelle, die sich gerade mit der nötigen Technik für Videokonferenzen ausgerüstet hat, die von allen Gruppen genutzt werden können. In der Corona-Zeit ist sowohl der Bedarf als auch das Angebot enorm gewachsen, weiß Leiter Axel Schröder. Wer sich für die geplante Selbsthilfegruppe interessiert, kann Kontakt aufnehmen unter der Rufnummer 039602 295419.

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