Hertha Bothe: Die Teterowerin war KZ-Aufseherin in Bergen-Belsen – unter anderem. Fotos: Silke Voß/IWM, Wikimedia Commons; Public Domain
Hertha Bothe: Die Teterowerin war KZ-Aufseherin in Bergen-Belsen – unter anderem. Silke Voß/IWM, Wikimedia Commons; Public Domain
NS-Zeit

▶ Wikipedia listet KZ-Aufseherin als "Tochter der Stadt" Teterow

Hertha Bothe war Aufseherin in mehreren Konzentrationslagern der Nazis. Eine Auflistung bei Wikipedia neben Teterower Ehrenbürgern wirft Fragen auf.
Teterow

Eine ehemalige KZ-Aufseherin aufgelistet unter „Söhne und Töchter der Stadt”? Hertha Bothe wird diese vermeintliche „Ehre” zuteil – zu sehen auf der Wikipedia-Seite der Stadt Teterow.

Doch warum wird diese Frau, die in mehreren Konzentrationslagern der Nazis Aufseherin war, derart exponiert dargestellt? Dass die Frau Tochter eines Teterower Holzhändlers war, wird die „Ehre“ eines solchen Eintrags noch nicht rechtfertigen. Die dunkle NS-Geschichte der Stadt ist bislang nicht weiter erhellt worden, und nun tut dies ausgerechnet jemand von außerhalb: der Franzose Maurice Philip Remy.

Franzose befasste sich mit Hertha Bothe

Er arbeitete als Journalist für die „Zeit“ und den „Stern“, als Dokumentarfilmer mit Guido Knopp zu Hitler. Er war Drehbuchautor für den Film „Mogadischu“ über die Entführung des Flugzeugs „Landshut“ 1977, der 2009 die Goldene Kamera als bester deutscher Fernsehfilm erhielt. Remy schrieb 2017 zudem ein Buch über den Fall Gurlitt, Deutschlands größten Kunstskandal.

Der Franzose hat sich auch mit Hertha Bothe befasst und dem Phänomen, dass das Nazi-System als Diktatur sich vor allem schlicht gesagt einfach gestrickter Menschen bediente – ähnlich der These der Philosophin Hannah Arendt von der „Banalität des Bösen“ anhand des Prozesses um den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann.

Hat sie einen Fehler gemacht?

In einem ihrer seltenen Interviews, zu sehen bei Youtube, sagt die Teterowerin zu der Frage, ob sie durch ihre Mittäterschaft einen Fehler begangen habe: „Wieso ein Fehler gemacht? Nö… Ich weiß nicht, wie ich das beantworten soll. Habe ich einen Fehler gemacht?... Nö… der Fehler ist schon, dass es ein KZ war, aber ich musste ja rein, sonst wäre ich selber rein gekommen. Das war mein Fehler – in einer Hinsicht.“

Das Youtube-Video mit Hertha Bothe:

Die Hausfrau wurde 1942 zum Dienst als Aufseherin in mehreren Konzentrationslagern dienstverpflichtet. Im Zuge der Evakuierung einiger Lager begleitete Hertha Bothe einen Marsch ungarischer Jüdinnen, mit dem sie nach Oranienburg und 1945 ins KZ Bergen-Belsen kam. Dort leitete sie das Waldkommando.

Als das KZ mit mehr als 10 000 Toten und 60 000 Überlebenden befreit wurde, wurde das Lagerpersonal verpflichtet, alle Leichen in Massengräbern zu bestatten. Bothe wurde verhaftet, im Bergen-Belsen-Prozess verhört und angeklagt. Die hagere Blondine gab zu, Häftlinge ins Gesicht geschlagen zu haben. Sie erhielt zehn Jahre Haft.

Bürgermeister nicht begeistert vom Wikipedia-Eintrag

Nach der vorzeitigen Entlassung heiratete Bothe und nahm den Namen Lange an. Dass die Vergangenheit dieser ungeheuerlichen „Tochter der Stadt“ Teterows zum Thema in ihrer einstigen Heimat wird, ist dem Rensower Gutshausbesitzer Knut Splett-Henning zu verdanken. Dieser lädt Maurice Philip Remy nämlich im Februar 2020 zu einer öffentlichen Diskussion ein. Gern nach Teterow, damit möglichst viele kommen. Denn vielleicht weiß ja auch jemand etwas über diese Frau.

Begeistert über diesen Eintrag bei Wikipedia ist Stadtoberhaupt Andreas Lange nicht. Aber diese Enzyklopädie verbreite nun mal lexikalisches Wissen und beruft sich auf die Freiheit des Wissens. „Neben den bedeutenden Persönlichkeiten gibt es immer Personen, auf die man in der Stadtgeschichte lieber verzichtet hätte, zur ganzen Wahrheit gehören diese aber nun mal dazu und Verschweigen von Geschichte macht diese nicht besser“, so Lange. Die Einflussmöglichkeiten auf die Internetseite des weltweit agierenden Vereins lägen für Teterow erfahrungsgemäß bei null.

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