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„Als der Krieg zu Ende ging…“

Arno Surminski umringt von 80 Zuhörern bei seiner Lesung in Ludwigsburg.
Arno Surminski umringt von 80 Zuhörern bei seiner Lesung in Ludwigsburg.
Carlo Christiansen

Ein Abend mit Arno Surminski.

„[…] der Russe kam immer näher und erst ein Tieffliegerangriff auf Prenzlau und Umgebung brachte die Treckerlaubnis, aber das war auch schon die letzte Möglichkeit, weg zukommen! Am Nachmittag war noch einmal ein böser Fliegerangriff, wir Frauen mit den Kindern mussten in die Keller, und als wir raus durften, war ein Bordwaffentreffer in das Fenster oben am Nordgiebel eingeschlagen […].“, so steht es in den Aufzeichnungen der Familie Keibel, den damaligen Besitzern des Rittergutes Ludwigsburg. Das gesamte Dorf begab sich damals auf die Flucht. Mit dreizehn Treckwagen, Trecker und Gulaschkanone verließen sie gegen 22 Uhr bei völliger Dunkelheit ihr Zuhause und sollten nicht wiederkehren. Am 24.4.1945 war das, was dort so unheilvoll beschrieben wird.

Auf den Tag genau 70 Jahre später sitzt ein älterer Herr mit weißem Schnauzbart auf einem bequemen Stuhl, der auf einem Podest steht, damit er auch gut zu sehen und zu hören ist. Der ältere Herr ist der Schriftsteller Arno Surminski. Er ist sichtlich erstaunt über den guten Zustand des ehemaligen Gutshauses in Ludwigsburg. Interessiert war er durch die Räume geschlendert und konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass auch hier der Krieg getobt hat. Der aus Ostpreußen stammende Surminski hat sich auf die Beschreibung der Situation unmittelbar während und nach des Zweiten Weltkriegs spezialisiert. Sein neues Buch „Als der Krieg zu Ende ging…“, das im März erschien, beinhaltet Kurzgeschichten aus der Zeit um 1945. Zwei dieser Kurzgeschichten sollten die anwesenden Gäste in Ludwigsburg im Laufe des Abends noch zu hören bekommen.

Im Salon und im Wintergarten sind Stühle aufgestellt. Ungefähr achtzig Interessierte sind an diesem Abend nach Ludwigsburg gekommen, um dieser literarischen Lesung beizuwohnen. Herr Surminski blättert in einem seiner Bücher, sucht ein bestimmtes Kapitel. Es ist das Buch, das ihn bekannt machte. „Polninken oder Eine deutsche Liebe“ – ein Buch über ein Dorf in Masuren und ein besonderes Liebespaar, Er aus Deutschland-West, Sie aus Deutschland-Ost. Die Handlung spielt sich im Spätsommer 1980 ab und zeigt die Irrungen und Wirrungen, die einerseits der Krieg und andererseits die deutsche Teilung bei den Akteuren und dem Land Spuren hinterlassen haben. Mit seiner sonoren Stimme zieht Arno Surminski die Hörer in seinen Bann. Sofort ist jeder mittendrin in dieser masurischen Traumlandschaft und in diesem kleinen heruntergekommenen Dorf in der Nähe der russischen Grenze, in dem so viel passiert ist in deutscher, russischer und polnischer Zeit. Ab und zu legt sich kollektives Schmunzeln auf die Gesichter der Gäste, wenn er von Kasimir erzählt, einem verbliebenen Dorfbewohner, der ein „lustiges“ Deutsch spricht, und anfängt, den beiden Verliebten sein Dorf und seine Geschichte näher zu bringen. Ohne das Paar zu kennen, spricht Kasimir sie an und versucht ihnen seinen Honig zu verkaufen: „Der teuerste ist Honig von Heiligem Vater. Er wurde gemacht als Papst Wojtyla war gereist durch Polen. Auch gut ist letzte Honig von Jahr ´78. Es wird nie wieder geben ein Jahr ´78.

Die Zuhörer sind sichtlich amüsiert und lauschen gespannt, wie es weitergeht. Nach drei gelesenen Kapiteln aus „Polninken“ legte er das Buch jedoch weg. Inzwischen hätte sicher jeder im Raum die Geschichte nacherzählen können. So eindrücklich waren die Bilder, die sich jetzt in den Köpfen tummelten. Stattdessen liest er, wie anfangs versprochen, noch aus seinem neuen Buch. Bei den Geschichten, die Surminski in so treffende Worte gefasst hat, konnte einem aber alle Heiterkeit vom Anfang der Lesung abhanden kommen. Die Geschichte vom Briefträger, der kurz vor Weihnachten ein Dutzend blaue Briefe zuzustellen hat, die Nachricht über den Tod eines Familienangehörigen bringen, rührt die Hörerschaft und versetzt sie in die Wohnstuben auf dem Dorf im Winter ´44/´45, wo immer noch Hoffnung ist, das die Ehemänner und Väter bald zurückkommen werden. Diese Illusion möchte ihnen der Briefträger nicht nehmen und weigert sich die Briefe so kurz vor Heiligabend zuzustellen. Stattdessen macht er sich ein Feuer im Wald und übergibt die Hiobsbotschaften den Flammen.

Die achtzig im Raum sind betroffen, erschüttert. Keiner traut sich mit dem Stuhl zu knarren oder sich zu räuspern. Bis Arno Surminski geendet hat herrscht absolute Stille um Zuschauerraum. Dann großer Beifall. Alle erwachen aus der kalten Winternacht. Eben saßen sie noch am Lagerfeuer im Wald und sahen, wie der Briefträger sich seiner unheilvollen Nachrichten entledigte, schauten mit ihm zusammen ins Feuer, bis das Papier nur noch ein Häufchen Asche war. Jetzt sitzen sie wieder in den Räumlichkeiten des Gutshauses in Ludwigsburg, sehen sich um. Alle sind noch da. Auch Herr Surminski ist noch da, der jetzt seinen Applaus entgegen nimmt und sich freundlich für die Aufmerksamkeit bedankt.

Wer hätte damals, im Jahre 1945, gedacht, dass hier 70 Jahre später ein Abend wie dieser stattfinden kann. Ich bin mir sicher, dass alle, die damals von Ludwigsburg flüchten mussten, froh darüber wären, dass diese Geschichten weitererzählt und nicht vergessen werden.