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Mördersuche in der Kneipe

Besucher eines Cafés sehen sich gemeinsam in Potsdam die Krimireihe „Tatort“ auf einer Leinwand an. [KT_CREDIT] Foto: dpa

Von unserem RedaktionsmitgliedUdo RollunddpaSamstags Fußball, sonntags Krimi: Fast 300 Kneipen in Deutschland bieten zum Ausklang des Wochenendes Public ...

Von unserem Redaktionsmitglied
Udo Rollunddpa

Samstags Fußball, sonntags Krimi: Fast 300 Kneipen in Deutschland bieten zum Ausklang des Wochenendes Public Viewing an: Man schaut zusammen „Tatort“.

Greifswald/Potsdam.Wer vor der Leinwand entlangläuft, der wird wütend angeknurrt. In der Kneipe herrscht ansonsten Totenstille, als Devid Striesow als „Tatort“-Kommissar Jens Stellbrink im Rockermilieu ermittelt und einen Mord aufklärt.
Wie bei einer Fußball-Übertragung löst sich die Spannung unter den 20 Zuschauern erst nach 90 Minuten. Dann beginnt die Fachsimpelei in der Potsdamer Kneipe und zeitgleich wohl auch in Lokalen von Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Sachsen und Bayern. Laut Angaben auf der Internetseite der ARD laden derzeit regelmäßig 282 solcher „Tatort“-Kneipen in Deutschland zum Krimi-Gucken ein. Allein 52 der Kneipen stehen heute in Berlin, 13 in Köln, zwölf in Hamburg und elf in Leipzig und München.
Tatort-Fans aus MV können in fünf Kneipen die sonntägliche Verbrecherjagd verfolgen. Der Tatort flimmert in Rostock, Neustrelitz und Greifswald über die Leinwand. „Wir wurden von den Gästen danach gefragt“, erzählt Peter Mosdorf, Mitinhaber der Brasserie „Hermann“ in Greifswald. Im Schnitt schauen sonntagabends 20 Tatort-Fans vorbei. Ermitteln die Kult-Kommissare Boerne und Thiel aus Münster können es auch schon mal 40 bis 50 werden. „In erster Linie Studenten. Die meisten lassen mit dem Tatort das Wochenende ausklingen“, sagt Mosdorf.Die Verbrecherjagd auf der Leinwand verfolgen die Krimi-Gäste im „Hermann“ in einem separaten Raum in gepolsterten Kino-Klappsitzen.
Das Potsdamer „Tatort“-Lokal „11-line“ verwandelt sich dagegen jeden Sonntag um 20.15 Uhr in ein großes Wohnzimmer: Thekenkraft Alexander Ochs, den der Kneipen-Inhaber extra für den sonntäglichen „Tatort-Dienst“ eingestellt hat, baut Beamer, Leinwand und eine alte Fernsehantenne auf, die Gäste setzen sich kreuz und quer auf durchgesessene Sofas, Hocker und Stühle. Ein Gast holt seine Brotdose heraus, in der er ein paar Salzstangen mitgebracht hat. Der Sonntagabend im „11-line“ ist mittlerweile gesellige Tradition.
Tanja Testrich und Stephanie Roseburg sind das erste Mal in einer „Tatort“-Kneipe. Die beiden Frauen Anfang 20 haben es sich auf einem alten Sofa gemütlich gemacht, die Tüte Chips ist pünktlich zur Titelmelodie aufgerissen. „Viele haben uns davon erzählt, da wollten wir es einfach mal ausprobieren“, sagt Testrich. Beeindruckt sind sie vor allem von der Ruhe in der Kneipe. Der einzige, der kurz stören darf, ist Thekenkraft Ochs. Er verteilt kleine Zettelchen, die bis 21 Uhr abgegeben werden müssen – mit einem Tipp, wer der Mörder ist. Wer richtig tippt, kriegt ein Freibier.
Viel Alkohol trinken die „Tatort“-Gäste nicht, erzählt Barmann Ben Cersovsky. „Die wollen nicht saufen, sondern das Wohnzimmergefühl haben.“ Ausgeschenkt wird laut dem 23-Jährigen aber mehr als an einem anderen Kneipentag – vor allem Alkoholfreies. Die Mehreinnahmen durch die „Tatort“-Abende lassen sich laut Benedikt Wolbeck vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) nicht einschätzen. Er ist sich aber sicher, dass die Kneipen den „Tatort“-Trend nicht umsonst aufgenommen haben. Welcher Wirt lässt sich schon gerne am Sonntagabend zusätzliche Gäste entgehen.

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